Dienstag, 21. Februar 2017

Keine Sorge, alles normal: Was Trauernde oft so tun und warum es Angehörigen und Freunden nicht peinlich sein sollte - ein Plädoyer für ein entspannteres Miteinander (Tipps für den Umgang mit Trauernden)

Osnabrück - Was Trauernde manchmal so tun, ist für Außenstehende oft nur schwer verständlich oder auch nur schwer nachvollziehbar. Ja, es kann sogar sein: Angehörige oder Freunde oder Kollegen schämen sich vielleicht dafür. Sie sind irgendwie unangenehm berührt, wollen das nicht so sehen.. oder schütteln mit dem Kopf. Dabei gilt für vieles, was Menschen in Verlustkrisen so tun: Alles ganz normal! Das Reden mit den Toten. Das Fühlen der Dinge des gestorbenen Menschen. Und noch mehr. Dieser Text ist ein stark bearbeiteter Auszug (bzw. ein mögliches inhaltliches Modul) aus einem Vortrag zum Thema Trauer, den ich gelegentlich halte - gleichzeitig habe ich den Text exklusiv als Beitrag zur Blogparade "Alle reden über Trauer" für den 27. 2. 2017 vorgesehen, die die Bloggerin Silke von "In lauter Trauer" gestartet hat (mehr Infos dazu gibt es hier).

Menschen in einer Verlustkrise sind innenraumgreifend von ihrer Trauer ausgefüllt… das ist das alles beherrschende Thema, da gibt oft es nichts anderes – das macht es für Angehörige, Freunde und Bekannte oft so schwer damit umzugehen, weil man das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten, das Gefühl, dass sich nichts tut, dass es nicht weitergeht, dass die Menschen irgendwie feststecken – und das macht einen irgendwann dann mürbe oder vielleicht sogar zornig oder man versucht den Kontakt zu vermeiden, bewusst oder unbewusst…. Aber wechseln wir doch einmal die Perspektive. Gucken wir mal darauf, wie es den Trauernden selbst geht. Versuchen wir ein kleines Stück einzutauchen in ihre Welt.

Kerzen anzünden, damit das Licht der Liebsten weiterleuchtet - ein schönes Ritual. Menschen in einer Verlustkrise sind oft innenraumgreifend von Trauer ausgefüllt, da gibt es kaum Platz für anderes.    (Thomas-Achenbach-Foto)


Manchmal ist einfach alles zuviel. Trauernde kennen das: Selbst die simpelsten Alltagstätigkeiten können einen dann überfordern…. Alles, was vorher so ganz nebenbei und ganz unbedacht geschehen ist, wird zur Mammutaufgabe. Die Spülmaschine ausräumen. Die Wäsche waschen. Ein Telefonat fühlen. Manchmal fehlt schon für solche vermeintlichen Kleinigkeiten die Energie. Das ist nicht nur in der Anfangsphase so, das kann auch später immer wieder mal ausbrechen. Stattdessen stehen andere Dinge im Fokus. 


Mit den Toten reden gehört oft dazu - das kann gut tun


Es ist ganz oft so, dass Menschen in einer Verlustkrise mit den Menschen sprechen, die sie verloren haben, dass sie in irgendeinen Kontakt gehen mit ihnen, vielleicht am Grab, vielleicht an einer Stelle in der Wohnung, wo ein Foto aufgestellt ist. Und es tut ihnen gut, so einen Austausch zu suchen. Sogar Männern tut das gut, wie das Buch "Männer trauern anders" erfahrbar macht. Denn wie Männer trauern, das hat der Autor Dr. Martin Kreuels untersucht, und er hat mit trauernden Männern gesprochen und ein Buch geschrieben darüber – und darin finden wir den Bericht eines Mannes, der sich mit seiner toten Frau regelmäßig austauscht über die Themen seines Lebens, sich sogar richtig von ihr beraten lässt in diesen imaginären Dialogen. 


Es geht nicht ums "Loslassen" - denn das hilft gar nix


So etwas tut Trauernden gut und das ist richtig und gut so, weil es ebenfalls dazu beitragen kann, eine neue Bindung zum gestorbenen Menschen zu finden… Und das ist soviel wichtiger als das "Loslassen", denn es geht nicht ums "Loslassen", es geht darum, eine so feste neue Bindung zu den Gestorbenen zu erreichen, dass sie auch diesen letzten schon gegangenen Schritt, also den Tod, aushält. Der englische Schriftsteller Fort Madox Ford bringt das ganz wunderbar auf den Punkt, indem er sagt: „Man heiratet, damit das Gespräch nicht abreißt“ – und daher stellt der englische Autor Julian Barnes die Zusatzfrage: "Warum soll man dem Tod gestatten, das zu unterbrechen?".  Und Barnes - der hier auf diesem Blog noch öfter eine Rolle spielen wird - schreibt außerdem über seine tote Frau: „Also spreche ich ständig mit ihr, das kommt mir ebenso normal vor wie es notwendig ist…“ 


Im Bett des toten Kindes schlafen - warum denn nicht?


Was Trauernden ebenfalls gut tut, ist es, ihre Sinne anzuregen. Fühlen, Riechen, Schmecken, dadurch eine Nähe zum gestorbenen Menschen spüren. Ein Beispiel: Wir haben in unserer Trauerbegleiterausbildung die Geschichte eines Ehepaares gehört, das ihr Kind verloren hatte. Und nach dem Tod hatte einer der beiden Partner, sagen wir, die Frau, damit begonnen, nachts im Bett des gestorbenen Kindes zu schlafen. Weil sie sich dort ihrem Kind nahe gefühlt hat, weil es ihr einfach gut getan hat. Der Mann hatte das nicht verstanden, er fand das furchtbar, er hat geschimpft. Bis er sich eines Nachts selbst ins Bett des gestorbenen Kindes gelegt hatte. Und von da an wechselten sich die beiden immer ab. Warum auch nicht?


Ein, zwei oder mehr Kleidungsstücke werden ein Stofftier: Jennifer Arndt-Lind und Hendrik Lind zeigen ihre „Mapapus, individuell gefertigte Puppen als Seelentröster. (Thomas-Achenbach-Foto)

Auch die so genannten Mapapus ("Mama-Papa-Puppen") funktionieren deswegen so gut, weil sie so geschickt die Ebene der Sinne bedienen - hierbei handelt es sich um Puppen, die aus Kleidung genäht werden, also aus getragener Kleidung, die oft noch sehr lange nach den Menschen riecht, die sie getragen haben. Ursprünglich für Kinder gedacht, deren Eltern sich trennen - daher der Name -, sind die Stofftiere auch im Trauerfall gefragt. Auf der Messe "Leben und Tod" habe ich die Mapapus und ihre Macher kennenlernen dürfen und mir das Angebot angucken dürfen - über einen Mangel an Arbeit können sich die beiden offenbar nicht beklagen, wie sie sagen, das Geschäft läuft. Klar: Wer die Sinne ansprechen kann, kommt Menschen in einer Verlustkrise entgegen. Dann das Reden. 


Immer wieder das Gleiche - Warum das Reden so wichtig ist


Auch das muss sein. Das immer-wieder-wieder-wieder-darüber-Reden. Vor allem das geht Angehörigen und Freunden schnell auf die Nerven. Warum denn immer das Gleiche reden? Warum sich immer und immer wieder das Gleiche anhören müssen? Hier ist wichtig zu wissen, dass dieses scheinbar immergleiche Aufarbeiten des Todesfalls und all seiner Folgen für Menschen in einer Verlustkrise eine ganz wichtige Funktion erfüllt. Denn es geht in Wahrheit um das Begreifen. Es geht darum, sich einem Verstehen dessen, was geschehen ist, Stück für Stück anzunähern. Wer kann schon verstehen, was der Tod ist? Das Thema ist viel zu groß, vor allem für Menschen in einer Krise. Aber immer wieder darüber reden, immer wieder die Situationen erzählen, das kann so etwas wie ein Begreifen möglich machen. Ganz langsam und Schritt für Schritt. 


Nachsterben wollen: "Die Frage des Selbstmords stellt sich früh..." 


Auch das "Nachsterben wollen" gehört dazu. Ich zitiere Julian Barnes, der in seinem bemerkenswerten Buch „Lebensstufen“, übrigens ein ganz ganz großartiges Buch über den Tod seiner Frau schreibt: „Die Frage des Selbstmords stellt sich früh und vollkommen logisch...“ – Er spricht hier von Selbstmord, deswegen lasse ich den Begriff so stehen. Auch wenn ich von den "Angehörigen um Suizid" lernen durfte, dass das ein schlechter Begriff ist – weil Mord nun einmal Mord ist und damit etwas Kriminelles. Aber ein Suizid ist das nicht.


Sofort-Hilfe bei Suizidgedanken - unbedingt ernst nehmen!


Klar, wenn jemand plötzlich von seinem eigenen Tod spricht, von einer Sehnsucht danach, gehen bei Angehörigen, Freunden oder Kollegen alle Alarmlampen an! Und das mit Recht! Jedoch ist die dann oft gewählte Reaktion, das schnelle Wegreden oder Wegschieben des Themas, leider die falsche. Was stattdessen geschehen sollte, ist das Reden. Ernst nehmen. Gucken, wie ernst es ist (ACHTUNG! Was bei akuten Suizidgedanken helfen kann, folgt im nächsten Absatz).


Dranbleiben, nicht weglaufen, hingucken, reden lassen


Beim Thema Suizid gelten seit meiner Ausbildung für mich zwei Dinge: Erstens: Ich habe weniger Angst vor dem Thema und davor mit den  Menschen darüber zu sprechen, gemeinsam auszuloten, wie ernst das ist (manchmal ist es für Menschen schon entlastend genug, das Thema auszusprechen oder ansprechen zu können). Zweitens: Wenn zu bemerken ist, dass sich die Gedankenschleifen tatsächlich auf dieses Thema festgebissen haben, wenn es das vorherrschende Thema ist, dann ist sofort Hilfe gefragt oder die Angehörigen sind gefragt, diese Hilfe umzusetzen oder anzuregen – die Telefonseelsorge anrufen, in ein psychologisches Klinikum fahren, sich vielleicht selbst dort zum stationären Aufenthalt melden, sofort einen Arzt konsultieren oder auch Feuerwehr oder Polizei anzurufen. Hauptsache handeln. Das gilt vor allem für alle, die sich mit akuten Suizidgedanken plagen: Bitte handeln! Jetzt! (Kostenlose Telefonseelsorge: 0800/1110111 - Mailberatung über Internetseite: www.telefonseelsorge.de)


All die Dinge in den Schränken - sie haben noch eine Funktion


Nichts wegwerfen können…. Oft ein Streitpunkt unter Angehörigen. Da liegen auf einmal Dinge in den Schränken, die keine Funktion mehr erfüllen. Wochen, Monate, oft auch Jahre liegen diese Dinge da und nehmen ihren Platz ein. Klar, dass die naheliegende Reaktion für alle Menschen ohne emotionale Krisenfaktor lautet: Die können jetzt bald mal weg. Aber es wird dabei oft übersehen oder falsch aufgefasst, wie schmerzvoll das Wegwerfen von Dingen für Trauernde oft ist. Vor allem Kosmetik und Kleidung, was ja oft beides als "zweite Haut" bezeichnet wird - für Menschen in einer Verlustkrise ist es vom Gefühl her genauso, als würden sie den geliebten, gestorbenen Menschen ein zweites Mal wegschmeißen. Und wer kann das schon? Was es braucht, ist auch hier: Eine neue Bindung an den gestorbenen Menschen zu finden. Eine, die nicht (mehr) über Gegenstände funktioniert. 


Wenn die Schuld einen plagt - und wo es Hilfe gibt


Ein weiteres wichtiges Thema, aber eines, das hier jetzt den Rahmen sprengen würde, sind Schuldgefühle. Manche Trauernde plagen sich damit - für Außenstehende oft besonders schwer nachvollziehbar. Aber das ist eigenes Thema wert und soll noch an anderer Stelle in diesem Blog behandelt werden. Bleibt am Ende noch eine kleine Bemerkung – soviel Eigenwerbung muss erlaubt sein: Wenn Sie als Angehörige oder Freunde nicht mehr können oder das Gefühl haben, dass es ihnen zuviel wird, dann sind wir ja da – ausgebildete Trauerbegleiter, es gibt mehrere, auch in ihrer Nähe, es reicht manchmal schon ein einziges Gespräch, vielleicht eine einzelne Trauerberatung. Es reicht manchmal das Gefühl, dass man einen Ort hat, wo man hingehen könnte….  

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"Alle reden über Trauer" - alle Beiträge der Blogparade zum Thema lassen sich auf Silkes Blog "In lauter Trauer" finden. Den 27. 2. 2017 hat sie gewählt, weil ihr gestorbener Partner Julian an diesem Tag seinen 33. Geburtstag gefeiert hätte (hier alle Artikel in der Übersicht). Die Blogparade ist ihr Geschenk an ihn - eine wunderschöne Idee!
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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen, nicht umgekehrt - ein Plädoyer für eine modernere Bestattungskultur

Ebenfalls auf diesem Blog: Ein Dialog über das "Nachsterben wollen", den Wunsch nach dem eigenen Tod - zwei Trauerbegleiter unterhalten sich

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)

Und außerdem im Kultur-Blog des Autors: Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt, was die Branche noch Spannendes plant und warum sie medial gesehen zwischen allen Stühlen sitzt - ein Interview rund um Rock'n'Roll & Oper im Kino

Sonntag, 19. Februar 2017

Ruh-Wald, Ruhe-Forst und Friedwald eng nebeneinander: Wie sehr alternative Bestattungsformen im Trend liegen, zeigt die Region Osnabrück - doch was tun mit der neuen Leere auf den Friedhöfen? Beispiele und Ideen...

Bad Essen/Bissendorf/Osnabrück – Wie sehr die alternativen Bestattungsformen als Gegenpol zum klassischen Friedhof im Trend liegen, zeigt die Entwicklung im Landkreis Osnabrück. Hier gibt es inzwischen von allen drei auf diesem Markt tätigen kommerziellen Anbietern jeweils Waldgebiete für die Urnenbestattung in der Natur geben: In Bad Essen hat das Unternehmen Ruhe-Forst im Frühjahr 2017 ein den Bestattungen gewidmetes Waldgebiet eröffnet. In Bramsche-Achmer ist der Friedwald schon länger dabei. Und in Bissendorf-Holte kam im September 2017 die aus Hameln stammende Firma Ruh-Wald mit dazu. Dass alle drei Unternehmen so dicht beieinander vertreten sind, hat Seltenheitswert (nur in der Region Wolfenbüttel/Braunschweig soll es Angaben meiner Blogleser zufolge noch so sein). Die Reihen auf den Friedhöfen werden derweil lichter und lichter - auch rund um meine Angehörigen. Ein Symptom unserer Zeit. 

Meine Mutter hat bald keine Nachbarn mehr. Rund um ihr Grab wird es leer auf dem Heger Friedhof in Osnabrück. Waren an den links und rechts gelegenen Gedenkstätten noch vor kurzem die gelben Schilder mit dem Aufdruck "Angehörige, bitte melden!" zu sehen, die ein letztes Suchen nach verbliebenen Angehörigen vor dem Einebnen eines Grabes dokumentieren, sind dort jetzt nur noch Rasenflächen zu sehen. Und so sehr ich es als zertifzierter Trauerbegleiter und als Mensch der Moderne begrüße, dass heutzutage immer ein individueller und zum gestorbenen Menschen passender Abschied möglich ist, so sehr weiß ich auch, dass es meine Mutter geschmerzt hätte, sähe sie diese Leere rund um sie. Was also ist zu tun?


Viel Resen, viel Fläche - vor gar nicht allzu langer Zeit war hier noch Grab an Grab. Leere Grabreihen aufgenommen auf dem Heger Friedhof Osnabrück im Februar 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Nun, zum einen das, was schon getan wird: Was in Osnabrück und andernorts schon längst geschieht, ist das Umwidmen der neu dazugewonnenen Rasenflächen auf den Friedhöfen: Wo bis vor wenigen Jahren noch die Gräber der so genannten Körperbestattung nebeneinander lagen, ist jetzt die Urnenbestattung auf der großen Wiese - ggf. mit einer kleinen Plakette -  freigegeben. Aber wie die vielen neuen Ruhe-Fried-und-sonstigen Wälder zeigen: Das alleine wird nicht reichen. In Bremen ist man da indes schon weiter (nicht nur, aber auch, im Bereich der Friedhofsnutzung ist Bremen vorbildlich modern orientiert).


Obstwiesen statt Gräberreihen - Modell der Zukunft?


Denn im dortigen Ortsteil Blumenthal gibt es das,was einen Friedhof der Zukunft ausmachen könnte. Blumenwiesen statt leerer Grabreihen. Obstbäume auf den Rasenflächen, deren Äpfel zur freien Verfügung stehen (und über deren Giftgehalt gerade eine neue Diskussion ausgebrochen ist - denn vor allem Urnenstaub soll Schwermetalle enthalten, heißt es). Ein Insektenhotel und eine Streuobstwiese für die Bienen. Und, das ist besonders bemerkenswert: 


Bestattungsfelder für sozial Schwache - mit Zierde


Es gibt auch ein Bestattungsfeld für sozial Schwache ohne Verwandten oder Geld. Das Gräberfeld wird geziert durch zwei steinerne Stelen, die einmal zusammengehört haben. Das Auseinanderrupfen der beiden Steinteile wird durch die Bruchkanten an den Seiten sichtbar. Darunter liegen steinerne Scherben. Eine Grabstätte mit hohem Symbolwert - in mehrfacher Hinsicht. Gute Ideen. Sie ließen sich noch weiter fortspinnen - und die Bremer Politiker tun das auch.


Wird diskutiert: Spielplätze auf Friedhöfen anlegen?


Warum nicht beispielsweise mehr Leben auf den Friedhof holen, den Parkcharakter (und zugleich Erholungscharakter) stärker betonen? Ob es unbedingt Spielplätze sein müssen, wie es die Bremer Grünen vorschlagen, muss man diskutieren. Natürlich hat ein Friedhof immer mehr Würde, wenn es dort etwas stiller zugehen kann. Andererseits: Die symbolische Brücke vom Anfang des Lebens zu seinem Ende auch auf diese Weise aufzuzeigen, ist so verkehrt auch nicht. Übrigens, ein kleiner, aber bemerkenswerter Nebenaspekt: 


An den Stellen, wo die Grabreihen schon ganz verschwunden sind, werden oft Felder für die Urnenbestattung eingerichtet, so wie hier im Hintergrund. Leere Grabreihen aufgenommen auf dem Heger Friedhof Osnabrück im Februar 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

"Asche zu Asche, Staub zu Staub" - auch die ganz klassische Beerdigung auf dem Friedhof - ohne die vorherige Verbrennung des Körpers - arbeitet stets mit dieser Symbolik des ewigen Kreislaufs der Natur. Die gleiche Symbolik also, die auch ein Wald als letzte Ruhestätte vermittelt. Letztlich sind es also sehr ähnliche, wenn nicht gar gleiche Motive, die die Menschen zu der einen oder der anderen Form von Bestattung bringen. In die gleiche Richtung geht auch ein Zitat des für den neuen Ruhe-Forst bei Bad Essen zuständigen Bereichsleiters.


"Das Wunder der Schöpfung" - bitte ohne Pflegeaufwand


„Im Wald erleben wir das Wunder der Schöpfung besonders intensiv: Ehrfürchtig stehen wir vor den vielfältigen Wirkungen des Waldes, er schenkt uns beste Atemluft und reines Trinkwasser“, so wird Rudolf Alteheld von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (die den Ruhe-Forst betreibt) in der Pressemitteilung zitiert. Alteheld, bei der Kammer Leiter des Geschäftsbereichs Forst, bezeichnet den Wald mit seinen zahlreichen Pflanzen- und Tierarten als einen Ort, mit dem sich die menschliche Seele tief verbunden fühlt. Was heute jedoch als der wichtigste Faktor stets mitbedacht werden muss:


Ein Mustergrab im neu eröffneten Ruhe-Forst Schloss Hünnefeld bei Bad Essen: Die Asche der Verstorbenen wird dort in biologisch abbaubaren Urnen in den Waldboden eingebracht.  (Wolfgang-Ehrecke/Landwirtschaftskammer-Pressefoto) 

Sich an einen festen Ort zu binden, der zudem einen Pflegeaufwand (oder einen langfristig zu bezahlenden Gärtner) mit sich bringt, macht vielen Menschen heutzutage eher Angst. Zu ungewiss sind die beruflichen Stationen in diesen Tagen, zu ungewiss sogar die Lebensbindungen. Wer dann für einen langen Zeitraum ein Grab zu pflegen hat in seiner Heimatstadt, aber aus beruflichen oder privaten Gründen mehrere hundert Kilometer entfernt leben muss, sieht sich in einer Zwickmühle. Zumal bizarre Geschichten von fast 100-jährigen Bettlägerigen, die von offiziellen Behörden entweder zur Grabpflege oder einer hohen Bußgeldzahlung aufgefordert werden, nicht dazu beitragen, das Vertrauen in die Institution Friedhof zu stärken (siehe den Bericht der Neuen OZ).


Die Zukunft der Friedhöfe bleibt spannend, aber ungewiss


Kein Wunder also, dass die Wälder als Ruhestätten weiter so sehr im Trend liegen. Denn die Wälder dort werden von Förstern gepflegt. Und wer es am Todestag einmal nicht an den eigentlichen Baum dort schafft, kann sich in jedem anderen Waldstück in Deutschland zumindest symbolisch den verstorbenen Menschen nahefühlen. Es bleibt spannend, was das für unsere Friedhöfe bedeutet. Und in welcher Nachbarschaft meine Mutter wohl bald liegen wird. Neben Obstwiesen? Spielplätzen? Insektenhotels? Im Sommer werde ich mir das Friedhofsprojekt in Bremen-Blumenthal selbst ansehen dürfen. Ich bin gespannt - und werde berichten.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Ein Besuch im Friedwald - Wie sieht es dort aus? 

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer am Arbeitsplatz/Trauer im Arbeitsleben - wie belastend ist Trauer im Beruf, was können Unternehmen tun?

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog: Theater kosten den Steuerzahler einfach zuviel Geld... ist das wirklich so? Und woher kommt die Theatersubventionierung eigentlich?

Sonntag, 12. Februar 2017

Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz - wie belastend ist Trauer im Beruf, was können Arbeitnehmer und Unternehmen tun? (Start meines Jahresthemas 2017)


Osnabrück – Merkwürdig. Aber zum Thema Trauer in der Arbeitswelt bzw. Trauer am Arbeitsplatz gibt es sehr wenig. Fast nichts (bis auf eine thematisch darauf bezogene Ausgabe der Zeitschrift "Leidfaden" aus dem Jahr 2012). Keine Bücher, soweit ich das überschauen kann. Kaum Fachleute, von ein bis zwei mir bekannten Ausnahmen mal abgesehen. Kaum Netzwerke. Höchste Zeit, das zu ändern. Denn wie arbeitsfähig Menschen in einer Verlustkrise sind und mit was für zusätzlichen Fragen beispielsweise ein Team konfrontiert ist, in dem ein Trauernder mitarbeitet - oder ein Team, das einen gestorbenen Kollegen zu beklagen hat - sind wichtige Fragen. Zumal in Zeiten der mitarbeiterorientierten Personalpolitik. Auftakt für mein Thema des Jahres.

Gehört so etwas wie Trauer überhaupt an den Arbeitsplatz? Ist das nicht Privatsache? So wie Liebe? Wer so denkt, sollte wissen, dass Menschen in einer akuten Verlustkrise verschiedene Einschränkungen erleben können (aber nicht müssen). Beispielsweise einen eklatanten Mangel an Konzentrationsfähigkeit, der so stark sein kann, dass so etwas wie das Lesen eines Buches, einer Zeitschrift oder alleine schon einer E-Mail schon zur Herausforderung wird - weil eben alles im Inneren von der Trauer und den damit einhergehenden belastenden Gefühlen ausgefüllt sein kann. Es kann auch sein, dass sich Trauernde von großen Wellen von Traurigkeit oder Verzweiflung überrollt fühlen. Einen Menschen in einer solchen Lage an neuralgischen Punkten arbeiten zu lassen - sagen wir, beispielsweise, in einem Stellwerk oder in der Steuerung eines Stromkraftwerks -, kann mutig sein. Wenn nicht gar gefährlich. Muss es aber auch nicht. 

Sensibel: Was dem einen gut tut, findet der andere scheußlich


Grundsätzlich gilt, erstens: Trauer ist für jeden Menschen etwas anderes. Und so wie es nicht die eine Trauer gibt, die immer zu einem festen Zeitpunkt einsetzt, ist es auch nicht möglich, die Auswirkungen zu generalisieren. Es gibt beispielsweise auch Menschen, die in ihrem täglichen Arbeitsumfeld eine wirkungsvolle Entlastung zu ihrem von der Trauer ausgekleideten Alltag daheim sehen und die es als hilfreich erleben, eine feste Aufgabe mit festen Rhythmen und Zeiten erfüllen zu dürfen. Es gibt Arbeitnehmer, die wollen an ihrem Arbeitsplatz in einem Trauerfall lieber gar nicht darauf angesprochen werden, es gibt Arbeitnehmer, denen es gut tut, wenn ihnen eine gewisse Solidarität gezeigt wird (aber auch nicht zuviel). Das Thema ist also - hochsensibel. Nicht allein deswegen. 


Wenn einer, der in Trauer ist, nicht mehr richtig mitziehen kann, ist er auf der Arbeit schnell in der Außenseiterposition - hier gilt es sensibel und geschickt gegenzusteuern.     (Pixabay.de-Foto, Creative-Common-0-Lizenz)

Denn zweitens gilt, grundsätzlich: Trauer in der Arbeitswelt ist immer systemisch zu betrachten. Man muss sich das vorstellen wie ein Mobile: Gerät ein Teil in Schwung oder wird herausgerissen, ist immer auch das gesamte Gebilde in Bewegung. Das kann beispielsweise zusätzliche Belastungen mit sich bringen: Leistet sich ein Mitarbeiter viele Fehler, vielleicht sogar ärgerliche und Probleme mit sich bringende Fehler, hat das Auswirkungen auf seine Kollegen, seine Vorgesetzten, seine Abteilungen, vielleicht das ganze Unternehmen. Fällt ein Mitarbeiter vielleicht lange aus, sind andere stärker belastet, müssen mehr arbeiten - in Kleinbetrieben mit wenigen Mitarbeitern führt das schnell zu massiven Problemen. Es wäre indes fatal, es dem Trauernden anzulasten oder ihn in eine Abseitsposition zu bringen, die ihn nocht stärker belastet. Noch ein Grund mehr, sich dem Thema intensiver zuzuwenden. Es gibt noch mehr Gründe.

Menschen achtsam zu begegnen zeugt von Größe - auch unternehmerisch


Weil schließlich, drittens, gilt: Menschen in einer Verlustsituation sind sehr sensibel. Wer sich ihnen mit der nötigen Achtsamkeit und Empathie zuwendet, der tut etwas, was nicht allen gelingt und erntet Achtungspunkte (wenn man so wil: Bonuspunkte). Wenn es also Arbeitgebern gelingt, sich in einem solchen Bereich als gut vorbereitet und gut reagierend zu präsentieren, strahlt es wiederum auf sie als Unternehmen ab. Das zeugt von Größe. Trauer sollte also idealerweise ein Human-Ressources-Thema sein. Und die Abteilungen sollten ein wenig, im Rahmen des Möglichen, darauf vorbereitet sein. Denn es stehen ja eine ganze Reihe von Fragen im Raum. Zum Beispiel:


Schwarz und Weiß - genauso unterschiedlich und gegensätzlich sind die Reaktionen der Menschen in einem Trauerfall. Dem einen tut die Arbeit gut, der andere reagiert mit zusätzlichen Stress.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Common-0-Lizenz)

Was können die Führungskräfte tun? Was können die Arbeitnehmer selbst tun? Was können die Kollegen tun? All diese Fragen und mehr sollen im Verlauf des Jahres auch auf diesem Blog beantwortet werden, es wird eigene Anregungen und Ideen und Diskussionen dazu geben, es sollen Experten zu Wort kommen. Das ist nötig. Denn wie ein kurzer Selbsttest zeigt, gibt es zu dem Thema wirklich zu wenig. Auf der Suche nach Literatur habe ich die Stichworte "Trauer am Arbeitsplatz" bei den großen beiden digitalen Verkaufsplattformen eingegeben. Und, siehe da: Amazon will mir an erster Stelle ein Buch verkaufen über "Trennungsmanagement in Unternehmen - Trennungsprozesse fair und transparent gestalten." Gefolgt von einem Buch, das sich um Arbeitsunfälle dreht. Und bei E-Bay: "Sex am Arbeitsplatz" an zweiter Position, nach ebenjenem Buch über Arbeitsunfälle. Es ist keine zu steile These, wenn ich sage: Das wird Trauernden nicht gerecht. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Die Serie "Trauer in der Arbeitswelt/Trauer im Berufsleben", alle Folgen:


Hier geht es zum ersten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken.

Hier geht es zum zweiten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken

Hier geht es zum dritten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken.

Hier geht es zum vierten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken



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Ebenfalls auf diesem Blog: Bald darfst Du wegen Trauer krankgeschrieben und überwiesen werden - warum das derzeit so umstritten ist

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