Dienstag, 20. Juni 2017

Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen... Was alles möglich ist, wenn Menschen das wollen: Urnen und Särge bemalen, Särge selber schließen, Körper überführen, Kinder aktiv dabei sein lassen

Osnabrück/Bremen – Einen Sarg für ein gestorbenes Schulkind als gemeinsame Aktion mit all ihren Freunden bemalen – ist das erlaubt? Einen Toten zur Aufbahrung nach Hause holen ,auch wenn der Sterbeort ein ganz anderer gewesen ist – ist das okay und machbar? Eine Flasche Kölsch mit in den Sarg legen, weil es das Lieblingsgetränk des Toten war – ist das nicht verboten? Den Sarg für seine Lieben selbst bauen, wenn man das kann, weil man Tischler ist – darf man sowas? Lavendel aus der Provence holen und auf den Sarg legen – geht das? Geht es nach modernen Bestattern wie Barabara Rolf aus Stuttgart oder David Roth aus Bergisch-Gladbach, dann sind all diese und noch viel mehr Ideen nicht nur möglich, sondern essentiell und wichtig. Die Kunden, sagen sie, müssen die Bestatterbranche bewegen und beraten, nicht andersrum. 

Auf der Messe Leben und Tod 2017 hielten beide Bestatter ein glühendes Plädoyer für eine moderne und individuelle Bestattungs- und Trauerkultur. Beide verfügen über ein reichhaltiges Repertoire an Erfahrungen und über Geschichten. Wie zum Beispiel diese: Als in einer Familie die Frage diskutiert wird, wer nach der Trauerfeier die Urne zum Grabplatz tragen darf, meldet sich der neunjährige Enkel - denn gestorben ist seine Oma. Beim Vater herrscht Entsetzen - und er fragt, "was dann eigentlich immer gefragt wird", wie Barbara Rolf es sagte: „Und was, wenn er sie fallenlässt?“. Woraufhin die Mutter ganz lakonisch sagt: “Dann hebt er sie eben wieder auf.“ Also trägt der Neunjährige die Überreste seiner toten Oma und ist stolz wie Bolle. Gleichzeitig ist er als Kind fest mit eingebunden in einen Prozess, einen Übergang - das ist wichtig für Menschen.

Macht sich für einen radikalen Wandel in der Bestattungsbranche stark: Barbara Rolf aus Stuttgart. Ihr Motto: Alles muss möglich sein.   (Franziska-Molina-Fotografie-Foto)

Wenn Barbara Rolf Geschichten wie diese erzählt, hängt eine Mischung aus Rührung und Revolution in der Luft. So ungewohnt sind solche Dinge noch in Deutschland im Jahre 2017. Viele Bestatter sagen an so einer Stelle, das sei nicht möglich. Das ginge nicht. Barbara Rolf sagt dazu: "Dann suchen Sie solange, bis sie einen finden, der es möglich macht." Bestatter sind ohnehin eine eher konservative Branche kommentiert ein Gast und Zuhörer, der es wissen muss – er ist mit einer Bestatterin verheiratet.

Das Wichtigste: In Sachen Bestattung alle Rechte kennen


Was das Thema angeht, hat Barbara Rolf ein klares Credo: „Die Kunden müssen die Branche bewegen“, sagt sie. Deswegen setzt sie auf: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Die Menschen darüber zu informieren, was alles möglich ist in Sachen Trauerfeier, Aufbahrung, Beerdigung. Und das ist viel mehr als man so denkt, wird einem bei ihrem Vortrag klar. Wobei sie zugibt, es als Quereinsteiger in die Branche viel leichter zu haben als manche Bestatterkollegen, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten dabei sind: „Mir fehlt dieser Schock des Neuen, den viele Kollegen haben - ich kenne Bestatttungskultur halt nur so."

Neues Credo: Trauernde sollten alles mitgestalten können


Trauernde sollten am besten alles, was passiert, mitgestalten und mitgehen können, wenn sie das wollen sagt Rolf. Dieses "selbst aktiv werden" kann Begreifen helfen, das ist enorm wichtig für den Trauerprozess, sagt sie. Tatsächlich ist das eine Botschaft, die auch in der Trauerbegleitung eine Rolle spielt: Den Körper des Toten wahrnehmen können, ihn sehen zu können, vielleicht sogar an eine Aufbahrung zuhause denken - wie es früher Standard war -, das alles kann enorm wichtig für den emotionalen Prozess sein. Weil der Tod uns Menschen einfach überfordert, weil keiner weiß, was das eigentlich ist, müssen wir uns einem Begreifen erst vorsichig annähern. Auch darum geht es in der Trauer. Barbara Rolf kann ihre Kollegen nur ermutigen, jeden Weg mitzugehen, der gewünscht wird. So sagt sie auch in ihrem Vortrag:


Kinder mit einbeziehen in den Prozess - ja oder nein? Auch dazu haben Barbara Rolf und David Roth eine klare Haltung.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

"Wir dürfen als Begleiter sehr mutig sein". Denn auf das Eine habe sie zu vertrauen gelernt: "Der Trauernde kennt seine Kraft, der kann das gut einschätzen. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass man sich darauf verlassen kann."

Kann sehr hilfreich sein: Gemeinsames Einkleiden des Toten


Was also gibt es alles an modernen Möglichkeiten rund umd die Bestattung und die Trauerfeier? Zum Beispiel das gemeinsame Einkleiden des Toten mit der Familie. "Das kann sogar lustig sein", sagt Barbara Rolf. Als sie einmal mit 14-jährigen Zwillingen den gestorbenen Vater im Sarg anzog, sagte einer der Söhne: "Wenn Papa alt geworden wäre, hätten wir das ja irgendwann auch so gemacht." Auch das Ritual des Sargschließens kann von der Familie absolviert werden. Seit Rolf einmal erlebt hat, wie eine Familie selbst die Schrauben reindrehen wollte - als letzten Akt des Abschieds -, bietet sie den Trauernden gerne an, dies selbst zu übernehmen.


Gemeinsam die Verstorbene aus der Pathologie geholt


"Die Überführung des Toten nach Hause ist immer möglich, auch, wenn der Sterbeort ein ganz anderer gewesen ist", sagt Rolf. Auch die Fahrt selbst muss nicht exklusiv den Bestattern vorbehalten sein. Ein alter Herr ist mit Barbara Rolf einmal mit in die Pathologie gefahren, den Leichnam seiner Frau abholen, wie sie berichtet. Er hatte gesagt "Wir haben alles zusammen gemacht, also machen wir auch das zusammen, außerdem bin ich neugierig drauf wie es da aussieht." Wobei dieser Teil eher für Ernüchterung sorgte. Denn eine Pathologie, sagt Barbara Rolf, sieht nun einmal so aus, wie man sie sich vorstellt. DIe Klinikleitung war dementsprechend nicht begeistert. Das dürfe man doch nicht zeigen, hatte es geheißen. Worauf die kesse Bestatterin berechtigterweise antwortet: Wenn Sie ein Problem mit ihren Räumen für die Toten haben, liegt das an den Räumen.

Aufbahrung geht überall - auch oben im Hochhaus


Wohin der Leichnam zur Aufbahrung überführt wird, ist dabei übrigens ganz egal. „Ich kann das alles auch auf 16 Quadratmetern im 16. Stock eines Hochhauses machen“, sagt dazu David Roth aus Bergisch-Gladbach. Und die Länge der Aufbahrung? Auch da ist fast alles möglich, sagt Roth – und zwar ohne Verwesungsgeruch oder Ekelfaktoren. "Und seien es drei Wochen", sagt Roth. Wobei: Gesetzlich gesehen ist das eben nicht möglich. Maximal 36 Stunden Aufbahrung sind möglich, so schreiben es die meisten Bestattungsgesetzte (das sind Landesgesetze) vor. Ausnahmen sind Bayern, da gibt es gar keine Frist, und Brandenburg, da gilt eine 24-Stunden-Frist.


"Pietät heißt nur, dass mir andere etwas vorschreiben"


Sowohl David Roth als auch Barbara Rolf sind sich jedoch einig, dass sie zumindest diesen Gesetzestext flexibel auslegen müssen: "Wenn etwas aus Liebe gewünscht wird und wenn es machbar ist", sagt Roth, müsse man zumindest eine Fristverlängerung beantragen (was möglich ist) - oder das Gesetz eben Gesetz sein lassen. Und wenn es andere stört, Nachbarn, Familie, Freunde, weil dann vielleicht getuschelt wird? Dann ist das eben so. „Ich bin kein Freund von dem Begriff Pietät“, sagt David Roth dazu, „weil Pietät nur bedeutet, dass uns Dritte vorschreiben, was richtig ist."

Auch die Kinder mit einbeziehen? Alte Frage, neue Antwort


Weitere Impulse aus den Vorträgen der beiden: Nicht alleine Särge, auch Urnen lassen sich selbst gestalten. Oder: Die eigene Grabstätte gestalten, z.B. noch, wenn der Sterbeprozess einsetzt, auch das ist möglich. Und die alte Frage: Dürfen die Kinder zu den Toten? Klare Antwort von Barbara Rolf: Lasst dass die Kinder einfach selbst entscheiden. "Ich habe diese Erfahrung gemacht: Als ein kleiner Junge seinen Papa, der bei einem Unfall gestorben war, im Sarg sehen konnte, war er plötzlich ganz froh", berichtet Rolf. Denn er hatte sich in seinem eigenen Kopfkino und seiner inneren Geschichtenwelt eingebildet, der Vater habe bei dem Unfall seinen Kopf verloren – als er dann sah, dass der Kopf noch obendrauf saß, war er richtig erleichtert. Gefragt, warum er sich denn so freue, den toten Papa zu sehen, sagte er: Weil der seinen Kopf noch hat.

Der Bestatter und Trauerbegleiter David Roth bei seinem Vortrag auf der Messe Leben und Tod 2017.  (Thomas-Achenbach-Foto)

Kinder hätten sowieso viel seltener Berührungsängste beim Thema Tod, hat David Roth beobachtet. Er hat schon Enkel gesehen, die sich beim toten Opa am liebsten auf die Knie gesetzt hätten. Im Kontakt sein können mit dem Tod. Das ist wichtig für uns Menschen - auch für unseren weiteren Weg. Wir dürfen da sehr mutig sein. Wir alle. 


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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1 Kommentar:

  1. Toller Artikel, wichtiges Thema!
    Was mir früher nie in den Sinn gekommen wäre, begleitet mich als wertvolle Erfahrung: Das Waschen und Einkleiden unserer kleinen im Krankenhaus verstorbenen Tochter und die Aufbahrung zu Hause. Ich finde, dass sämtliche Abschiedsrituale individueller gestaltet werden müssten, schließlich handelt es sich in erster Linie um das Abschiednehmen der nächsten Angehörigen. Wobei man nach dem ersten Schock froh ist, wenn man die Trauerfeier nur "irgendwie" organisiert bekommt.

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