Sonntag, 30. April 2017

Trauerbegleitung im Internet: So funktioniert der regelmäßig statfindende "Trauer-Chat" (ein Erfolgsmodell) - ein Interview mit Macher und Moderator Kai Sender

Osnabrück (eb) - Es ist wie ein Gespräch, nur dass sich ganz viele daran beteiligen können. In kurzen, meistens einzeiligen Botschaften, nehmen Sie Kontakt zueinander auf, gehen aufeinander ein. Anonym und doch vertrauensvoll - so geht es auch im Trauer-Chat auf der Internetseite www.trauer.de zu. Das Angebot ist noch jung und schon sehr erfolgreich. Was den Trauerchat ausmacht und wie er funktioniert, erklärte mir der Macher und Moderator Kai Sender in diesem Interview, das wir vor kurzem in zwei E-Mail-Durchläufen durchgeführt haben. 

Kai Sender, seit wann gibt es den Trauerchat – und wie kam es dazu?

Kai Sender: Den Trauerchat gibt es seit August 2014. Ich war von Anfang an dabei. Trauer.de plante dieses Angebot, ich erfuhr davon und wollte das unbedingt machen. Mein privates Steckenpferd ist die Selbsthilfe, ich leite zwei Gruppen für süchtige Menschen und weiß daher, wie gut es tut, wenn Menschen untereinander über ein schwieriges Thema reden, sich gegenseitig Hilfestellung geben, Fragen beantworten oder auch gemeinsam bestimmte Dinge herausfinden. Quasi miteinander auf dem Weg sind. Und dass, ohne erst umständlich erklären zu müssen, worum es eigentlich geht. Also eine Trauergruppe im Internet, für diejenigen, die sich vielleicht nicht in die nächste Stadt begeben können oder doch sehr schüchtern sind – das war unser Ziel.

Am Anfang nur alle 14 Tage, jetzt alle zwei Wochen, es scheint so, als sei das Angebot gut angenommen – ist das so?

Kai Sender: Wir haben jeden Dienstag den Trauerchat, die Nachfrage wurde im Laufe der Zeit immer größer, auch weil es sich herumgesprochen hatte, dass dieses Angebot existiert. Mittlerweile sind wir sogar am Überlegen, ob wir nicht noch einen Chat pro Woche zusätzlich anbieten.

Findet irgendeine Form von Kontrolle statt, ob die Teilnehmer wirklich trauern?

Kai Sender ist der Ideengeber und einer der Moderatoren des Trauerchats auf der Internetseite trauer.de.   (Kai-Sender-Foto, mit freundlicher Genehmigung)

Kai Sender: Das können wir nicht, weil der Chat einen anonymen Zugang ermöglicht. Doch denke, dass ich nach einiger Zeit merken würde, ob ein Teilnehmer Trauer kennengelernt hat oder nur Allgemeinplätze von sich gibt.

Wie sind die Reaktionen auf den Chat – gibt es Rückmeldungen?

Kai Sender: Rückmeldungen sind gelegentlich vorhanden, in Form von Mails, sogar Anrufen und auch per Facebook. Einmal bisher haben wir uns mit einigen Teilnehmern sogar getroffen, am Todestag eines Verstorbenen. Das war ein freundschaftliches Treffen. Aber das ist definitiv nicht die Regel.

Haben sich schon einmal „U-Boote“, Hass-Autoren oder ähnliche dort gezeigt?

Kai Sender: Es hat einmal bisher einen Störer gegeben, den ich nach einer Verwarnung aber verbannt habe, durch Sperren der IP-Adresse.

Das Problem von Chats kann schnell werden, dass sich eine recht feste Gruppe bildet, die sich dann gut zu kennen scheint, und dass neu Dazugekommene es anfangs schwer haben – wie ist das beim Trauerchat?

Kai Sender: Es gibt Mitglieder, die regelmäßig schon seit Monaten kommen und sich gegenseitig und auch ihre Geschichte kennen. Das ist ein Vorteil, weil schnell ins Thema gegangen werden kann. Auf der anderen Seite sind die Teilnehmer sich aber klar, dass Neue erst einmal ihren Raum brauchen, um sich vieles von der Seele zu reden. Da ist viel Geduld erforderlich und die wird auch entgegengebracht. Sollte es doch einmal vorkommen, dass ein neues Mitglied übersehen wird, sage ich Sätze wie „Haben wir uns eigentlich schon mit XXX ausgetauscht?“ Und dann klappt auch das.

Bei moderierten und begleiteten Trauergrupppen entsteht oft das Problem, dass die verschiedenen Todesfälle und Trauerfälle in eine Art gefühltes Hitparadensystem einmünden können, was besser zu unterbinden ist– nach dem Motto: meine Trauer ist viel schlimmer als Deine, weil ich ja mein Kind verloren habe, Du nur Deinen Mann … oder so. Wie wird das im Chat geregelt?

Kai Sender: Also sowas kenne ich eigentlich nur aus Suchtgruppen. Nach dem Motto: Als ich drauf war, habe ich aber dies und jenes Schlimmes gemacht. Aus dem Chat kenne ich das nicht. Da ist die Anteilnahme am Leid der anderen einfach sehr groß, das Verständnis-Ausdrücken ist vorherrschend. Auch Trauer um ein Tier zum Beispiel wird absolut ernst genommen.

So ein Chat geht oft rasend schnell voran – da muss man hinterherkommen. Habt Ihr mehrere Moderatoren im Einsatz? Sind die besonders geschult (Trauerbegleiter o.ä.)?

Kai Sender:  Ich bin seit 25 Jahren mit Trauer befasst, meine Frau ist Bestatterin und unsere Experten arbeiten alle beruflich mit diesem Thema. Wir haben da keine Schwierigkeiten.

Wollt Ihr noch weitere Formate anbieten oder ausprobieren?

Kai Sender: Momentan haben wir dieses eine Chatformat und werden es auch so behalten, vielleicht sogar noch um einen Termin pro Woche erweitern.

Braucht Trauer manchmal auch eine gewisse Form von Anonymität?

Kai Sender: Das kommt auf den Trauernden an. Auf seine Bereitschaft, wie weit er sich einbringen möchte. Manchmal ist die Scheu – vor allem aufgrund von sehr negativen Erfahrungen mit der Umwelt, die gerne möchte, dass Trauende möglichst schnell wieder „funktionieren“ – recht groß.

Gibt es Erfahrungswerte darüber, ob es Teilnehmer gibt, denen der Chat ganz ausreicht als Angebot der Trauerbegleitung?

Kai Sender: Generell rate ich, sich auch vor Ort umzusehen nach Hilfsangeboten wie Trauergruppen. Ich habe eine umfangreiche Adressensammlung und habe schon manches Mal an Trauergruppen verwiesen. Oder ich gebe die Adressen von Hospizen bekannt, die normalerweise im näheren Umfeld ihre Trauergruppen kennen.

Was haben Sie denn ganz persönlich an Erfahrungswerten aus dem Chat gezogen? Man lernt bestimmt auch als Moderator mit dazu?

Kai Sender: Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass der Trauernde alleinegelassen wird. Die Unfähigkeit in unserer Gesellschaft, mit Gefühlen im Allgemeinen und Trauer im Besonderen umzugehen, ist doch sehr groß. Das führt teilweise zu Verletzungen durch die Mitmenschen. Ich habe einmal einer Teilnehmerin geraten, die von ihrer Freundin gefragt wurde, wie es ihr gehe und die daraufhin geantwortet hat, sie sei traurig, worauf die Antwort kam „Ach, immer noch?“; wenn Dich das nächste Mal jemand fragt: "Immer noch traurig?" - Dann sage "Ja, denn er ist immer noch tot!" 

Find ich prima. Ist schön selbstbewusst und genau richtig. 

Kai Sender: Ich denke auch, dass wir unsere Ansprüche an andere nach Hilfe oder Beistand auch benennen müssen. Wenn Sie das nicht von selbst merken, dann müssen wir es ganz klar formulieren, eventuell auch als deutliche Forderung! Das Recht haben wir! Bitte keine Zurückhaltung in der Trauer. Vornehmes Zurücknehmen können wir uns leisten, wenn es uns gut geht. Aber in Zeiten der Trauer ist gesunder Egoismus angesagt. Wann, wenn nicht jetzt?

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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