Sonntag, 30. April 2017

Trauerbegleitung im Internet: So funktioniert der regelmäßig statfindende "Trauer-Chat" (ein Erfolgsmodell) - ein Interview mit Macher und Moderator Kai Sender

Osnabrück (eb) - Es ist wie ein Gespräch, nur dass sich ganz viele daran beteiligen können. In kurzen, meistens einzeiligen Botschaften, nehmen Sie Kontakt zueinander auf, gehen aufeinander ein. Anonym und doch vertrauensvoll - so geht es auch im Trauer-Chat auf der Internetseite www.trauer.de zu. Das Angebot ist noch jung und schon sehr erfolgreich. Was den Trauerchat ausmacht und wie er funktioniert, erklärte mir der Macher und Moderator Kai Sender in diesem Interview, das wir vor kurzem in zwei E-Mail-Durchläufen durchgeführt haben. 

Kai Sender, seit wann gibt es den Trauerchat – und wie kam es dazu?

Kai Sender: Den Trauerchat gibt es seit August 2014. Ich war von Anfang an dabei. Trauer.de plante dieses Angebot, ich erfuhr davon und wollte das unbedingt machen. Mein privates Steckenpferd ist die Selbsthilfe, ich leite zwei Gruppen für süchtige Menschen und weiß daher, wie gut es tut, wenn Menschen untereinander über ein schwieriges Thema reden, sich gegenseitig Hilfestellung geben, Fragen beantworten oder auch gemeinsam bestimmte Dinge herausfinden. Quasi miteinander auf dem Weg sind. Und dass, ohne erst umständlich erklären zu müssen, worum es eigentlich geht. Also eine Trauergruppe im Internet, für diejenigen, die sich vielleicht nicht in die nächste Stadt begeben können oder doch sehr schüchtern sind – das war unser Ziel.

Am Anfang nur alle 14 Tage, jetzt alle zwei Wochen, es scheint so, als sei das Angebot gut angenommen – ist das so?

Kai Sender: Wir haben jeden Dienstag den Trauerchat, die Nachfrage wurde im Laufe der Zeit immer größer, auch weil es sich herumgesprochen hatte, dass dieses Angebot existiert. Mittlerweile sind wir sogar am Überlegen, ob wir nicht noch einen Chat pro Woche zusätzlich anbieten.

Findet irgendeine Form von Kontrolle statt, ob die Teilnehmer wirklich trauern?

Kai Sender ist der Ideengeber und einer der Moderatoren des Trauerchats auf der Internetseite trauer.de.   (Kai-Sender-Foto, mit freundlicher Genehmigung)

Kai Sender: Das können wir nicht, weil der Chat einen anonymen Zugang ermöglicht. Doch denke, dass ich nach einiger Zeit merken würde, ob ein Teilnehmer Trauer kennengelernt hat oder nur Allgemeinplätze von sich gibt.

Wie sind die Reaktionen auf den Chat – gibt es Rückmeldungen?

Kai Sender: Rückmeldungen sind gelegentlich vorhanden, in Form von Mails, sogar Anrufen und auch per Facebook. Einmal bisher haben wir uns mit einigen Teilnehmern sogar getroffen, am Todestag eines Verstorbenen. Das war ein freundschaftliches Treffen. Aber das ist definitiv nicht die Regel.

Haben sich schon einmal „U-Boote“, Hass-Autoren oder ähnliche dort gezeigt?

Kai Sender: Es hat einmal bisher einen Störer gegeben, den ich nach einer Verwarnung aber verbannt habe, durch Sperren der IP-Adresse.

Das Problem von Chats kann schnell werden, dass sich eine recht feste Gruppe bildet, die sich dann gut zu kennen scheint, und dass neu Dazugekommene es anfangs schwer haben – wie ist das beim Trauerchat?

Kai Sender: Es gibt Mitglieder, die regelmäßig schon seit Monaten kommen und sich gegenseitig und auch ihre Geschichte kennen. Das ist ein Vorteil, weil schnell ins Thema gegangen werden kann. Auf der anderen Seite sind die Teilnehmer sich aber klar, dass Neue erst einmal ihren Raum brauchen, um sich vieles von der Seele zu reden. Da ist viel Geduld erforderlich und die wird auch entgegengebracht. Sollte es doch einmal vorkommen, dass ein neues Mitglied übersehen wird, sage ich Sätze wie „Haben wir uns eigentlich schon mit XXX ausgetauscht?“ Und dann klappt auch das.

Bei moderierten und begleiteten Trauergrupppen entsteht oft das Problem, dass die verschiedenen Todesfälle und Trauerfälle in eine Art gefühltes Hitparadensystem einmünden können, was besser zu unterbinden ist– nach dem Motto: meine Trauer ist viel schlimmer als Deine, weil ich ja mein Kind verloren habe, Du nur Deinen Mann … oder so. Wie wird das im Chat geregelt?

Kai Sender: Also sowas kenne ich eigentlich nur aus Suchtgruppen. Nach dem Motto: Als ich drauf war, habe ich aber dies und jenes Schlimmes gemacht. Aus dem Chat kenne ich das nicht. Da ist die Anteilnahme am Leid der anderen einfach sehr groß, das Verständnis-Ausdrücken ist vorherrschend. Auch Trauer um ein Tier zum Beispiel wird absolut ernst genommen.

So ein Chat geht oft rasend schnell voran – da muss man hinterherkommen. Habt Ihr mehrere Moderatoren im Einsatz? Sind die besonders geschult (Trauerbegleiter o.ä.)?

Kai Sender:  Ich bin seit 25 Jahren mit Trauer befasst, meine Frau ist Bestatterin und unsere Experten arbeiten alle beruflich mit diesem Thema. Wir haben da keine Schwierigkeiten.

Wollt Ihr noch weitere Formate anbieten oder ausprobieren?

Kai Sender: Momentan haben wir dieses eine Chatformat und werden es auch so behalten, vielleicht sogar noch um einen Termin pro Woche erweitern.

Braucht Trauer manchmal auch eine gewisse Form von Anonymität?

Kai Sender: Das kommt auf den Trauernden an. Auf seine Bereitschaft, wie weit er sich einbringen möchte. Manchmal ist die Scheu – vor allem aufgrund von sehr negativen Erfahrungen mit der Umwelt, die gerne möchte, dass Trauende möglichst schnell wieder „funktionieren“ – recht groß.

Gibt es Erfahrungswerte darüber, ob es Teilnehmer gibt, denen der Chat ganz ausreicht als Angebot der Trauerbegleitung?

Kai Sender: Generell rate ich, sich auch vor Ort umzusehen nach Hilfsangeboten wie Trauergruppen. Ich habe eine umfangreiche Adressensammlung und habe schon manches Mal an Trauergruppen verwiesen. Oder ich gebe die Adressen von Hospizen bekannt, die normalerweise im näheren Umfeld ihre Trauergruppen kennen.

Was haben Sie denn ganz persönlich an Erfahrungswerten aus dem Chat gezogen? Man lernt bestimmt auch als Moderator mit dazu?

Kai Sender: Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass der Trauernde alleinegelassen wird. Die Unfähigkeit in unserer Gesellschaft, mit Gefühlen im Allgemeinen und Trauer im Besonderen umzugehen, ist doch sehr groß. Das führt teilweise zu Verletzungen durch die Mitmenschen. Ich habe einmal einer Teilnehmerin geraten, die von ihrer Freundin gefragt wurde, wie es ihr gehe und die daraufhin geantwortet hat, sie sei traurig, worauf die Antwort kam „Ach, immer noch?“; wenn Dich das nächste Mal jemand fragt: "Immer noch traurig?" - Dann sage "Ja, denn er ist immer noch tot!" 

Find ich prima. Ist schön selbstbewusst und genau richtig. 

Kai Sender: Ich denke auch, dass wir unsere Ansprüche an andere nach Hilfe oder Beistand auch benennen müssen. Wenn Sie das nicht von selbst merken, dann müssen wir es ganz klar formulieren, eventuell auch als deutliche Forderung! Das Recht haben wir! Bitte keine Zurückhaltung in der Trauer. Vornehmes Zurücknehmen können wir uns leisten, wenn es uns gut geht. Aber in Zeiten der Trauer ist gesunder Egoismus angesagt. Wann, wenn nicht jetzt?

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Sonntag, 23. April 2017

"Man hört sich nicht mehr leben..." - Männer trauern, aber anders - oder: Von wegen kalter Klumpen! Ein Artikel über Männertrauer und darüber, was Männer in Trauer brauchen

Osnabrück - Männer trauern, aber anders... Oder: Von wegen kalter Klumpen! Für das Columba-Magazin aus Bamberg, eine Fachzeitschrift für die Palliativ- und Hospizszene, durfte ich einen Beitrag über Männertrauer beisteuern. Ein wichtiges Thema, zu dem es nur wenige Experten gibt, wie ich in der Recherche zum Thema wieder einmal festgestellt habe. Dabei geholfen hat mir, dass ich das Thema ebenfalls nicht zum ersten Mal bearbeitet habe - mich aber auf die Suche nach ergänzenden Informationen gemacht habe und auch fündig geworden bin. Hier ist mein Beitrag zum Nachlesen...: 

"... Der eine macht stundenlange Spaziergänge, aber bitte alleine. Der andere zieht sich komplett aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Wieder ein anderer will keine Gottesdienste mehr besuchen, weil er beim Singen immer weinen muss – und er ist ausgerechnet ein Pastor im Ruhestand. So oder so ähnlich beschreiben die Witwer in dem Buch „Männer trauern anders“ ihre Gefühle und ihre Trauerprozesse. Sie liefern gute Hinweise. Denn das größte Verdienst dieser Berichte, die der ebenfalls verwitwete Ex-Wissenschaftler Dr. Martin Kreuels zusammengetragen hat, ist diese Annäherung an ein Phänomen, das noch nicht ausreichend untersucht ist: Die Männertrauer.

Männer trauern, aber anders... Dieser Artikel über Männertrauer erschien auch in der Ausgabe 1/2017 des Columba-Magazins. Schick gestaltet.    (Thomas-Achenbach-Foto) 

Trauer, Tod und Sterben sind weibliche Themen. Dazu bedarf es keiner wissenschaftlichen Untersuchung, es genügt ein Blick in die Fachmagazine der Hospiz- und Palliativszene oder in die lokale Zeitung vor Ort. Der neueste Ehrenamtskurs des örtlichen Hospizvereins…: Nur Frauen. Ein Kurs für angehende Trauerbegleiter nach den Kriterien des neu dafür gegründeten Bundesverbands…: Zwei Männer, neun Frauen. Das Bundestreffen der im Verband organisierten Trauerbegleiter…: Zu 95 Prozent Frauen.

Trauer, Tod und Sterben bleiben Frauenthemen - warum?


Was ist da los? Wo bleiben die Herren? Dass sich dieser Mangel an männlichen Kräften negativ auswirken kann, davon ist Martin Kreuels überzeugt: „Die pflegerische und psychosoziale Begleitung Hochbetagter und lebensbegrenzt Erkrankter in Krankenhäusern, auf Palliativstationen, in Seniorenheimen und Hospizen ist frauendominiert. Das führt dazu, dass wir wenig über die Wünsche und Gedanken von Männern wissen.“ Und dass diese nicht genug berücksichtigt werden. So formuliert es Kreuel in einem Flyer zu einem Projekt, das im Sommer 2016 startete: Gesucht sind sterbende Männer, die über ihre Wünsche und Gefühle reden. Damit sich die Hospiz- und Palliativszene besser auf sie einstellen kann.


Kein Thema in der Wissenschaft - wenig zu finden


Nicht nur beim Sterben, auch in Sachen Trauer gilt: Was Frauen hilft, ist nicht immer gut für die Herren. Doch wer sich auf die Suche nach wissenschaftlichen Erkenntnissen über Männertrauer macht, der läuft bald ins Leere. Lediglich dem Superintendenten Dr. Helmut Kirschstein aus der ostfriesischen Stadt Norden ist es gelungen, für einen 2015 gehaltenen Vortrag vor der Selbsthilfegruppe verwaister Eltern in Bramsche-Ueffeln ein paar bemerkenswerte Fakten zusammentragen zu können, die eine Annäherung ermöglichen.


Bei Frauen täglich 5000 Worte mehr - im Reden


Er zitiert Untersuchungen von Wissenschaftlern, die das männliche Gehirn mit dem weiblichen verglichen haben. Die wichtigste Erkenntnis: „Bei Männern lassen sich die Gefühle in der rechten Gehirnhälfte an zwei bestimmten Stellen orten: Sie können getrennt von anderen Gehirnfunktionen verarbeitet werden. Die Gefühlswahrnehmung bei Frauen verteilt sich dagegen über beide Gehirnhälften, ohne sich an bestimmten Stellen besonders orten zu lassen“, wie es Kirschstein formuliert. Soll heißen: Männer bearbeiten ihre Gefühle schon rein biologisch gesehen an anderen Orten. Und: strukturierter. Auch spannend: „Männer geben durchschnittlich etwa 7000 Kommunikationsträger pro Tag von sich, also Wörter, Tongeräusche, Körpersignale, Frauen dagegen ca. 20000“.


Frauen fühlen und sprechen, Männer brauchen was Anderes


Die Kernaussagen seines Vortrags lassen sich dementsprechend in drei Thesen zusammenfassen, die Kirschstein wie folgt formuliert: 1.) Frauen trauern nach außen - Männer trauern im Innern. 2.) Frauen suchen in der Trauer die Gemeinschaft - Männer suchen das Alleinsein. Und 3.): Frauen fühlen sich durch die Trauer - Männer denken sich durch die Trauer. Kein Wunder also, dass diese völlig anders erlebten Gefühle immer dann ein Problem werden, wenn ein Paar gemeinsam damit konfrontiert wird. Da erlebt die Frau ihren Partner oft als gefühlsarmen Klumpen: „Mein Mann trauert gar nicht richtig“, lautet oft der Vorwurf. Eine Trennung ist dann nicht unwahrscheinlich. Doch das muss nicht sein.


Immer die Kontrolle behalten - auch bei Ohnmacht


Im Bearbeiten von Leid und Trauer ticken Männer tatsächlich ganz anders als Frauen, davon ist auch der Seelsorger Günter Oberthür überzeugt, der sich ebenfalls zu einem Spezialisten für dieses Thema entwickelt hat. „Männertrauer findet statt“, sagte der 58-Jährige im Herbst 2015 zur „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Nur anders.“ Und: „Sie ist ein viel größeres Thema als man gemeinhin merkt und denkt“. Denn was Frauen am liebsten im Gespräch bearbeiten, also redend, ist bei Männern oft hinter Alleinesein oder Aktivitäten versteckt, hat Oberthür beobachtet. Die Kontrolle behalten, gefasst bleiben, selbst, wenn die Umstände noch so gegen einen sind – das ist den Herren wichtiger als den Frauen, betont der Theologe, der auch schon für das Bistum Osnabrück als Männer-Seelsorger arbeitete.


Was Männer in Trauer brauchen: Andere Männer


 „Männer neigen dazu, Gefühle der Trauer abzuwehren oder abzuspalten“ – so formuliert es ein anonymer Ausfüller eines Fragebogens zum Thema, der an einer Aktion des Ambulanten Hospizdienstes Husum teilgenommen hat, die im Buch „Männer trauern anders“ ebenfalls zitiert wird. Was Männern in einer solchen Krise helfen kann, bringt der Seelsorger Günter Oberthür auf den Punkt: „Männer brauchen andere Männer“. In der Natur sein, im Feuer etwas verbrennen, sich den Widerständen aussetzen (und seien sie nur Wind und Regen), gemeinsam nebeneinander gehen, aber sich nicht anschauen müssen, wenn die Gefühle ins Wort kommen, all das sind Dinge, die Männern gut helfen können in einem Krisenprozess. Denn: „Der Schlüssel für Männer ist es, die Dinge selbst im Griff zu behalten“, betont Oberthür: „Auch dann, wenn man eigentlich am Boden liegt und die Ohnmacht einen niederdrückt.“

Er spürt die Anwesenheit seiner toten Frau


Wie intensiv das Leiden der Männer sein kann, das zeigen ebenfalls die anonymen Berichte im Buch von Dr. Martin Kreuels: Da gibt es den 52-jährigen Controller, der immer wieder in Traumreisen das direkte Gespräch mit seiner verstorbenen Frau suchen und sie um Rat fragen muss oder beispielsweise den 54-jährigen Unternehmer, der die Präsenz seiner Frau in jedem Raum der Wohnung spürt. Erdrückend spürt.


"Man hört sich nicht mehr leben" - schreibt einer, der es weiß


Der vielleicht prominenteste „bekennende männliche Trauernde“ ist der britische Literat Julian Barnes, der in seinem ergreifenden Buch „Lebensstufen“ all seine Gefühle rund um den Tod seiner Frau offenlegt und sie in großartige Worte zu verpacken versteht. „Man hört sich nicht mehr leben“, schreibt Barnes beispielsweise. „Und wie fühlt man sich so? Als wäre man aus ein paar Hundert Metern Höhe abgestürzt, bei vollem Bewusstsein, wäre mit den Füßen voran mit solcher Wucht in einem Rosenbeet gelandet, dass man bis zu den Knien darin versank, und beim Aufprall wären die Eingeweide zerrissen und aus dem Körper herausgeplatzt.“ Britisch nüchtern, wie Barnes auch immer wieder ist, fügt er noch an: „Kein Wunder, dass manche auf ein ungefährlicheres Gesprächsthema ausweichen wollen.“


Männer in einer Krise - das ist doppeltes Leid


Der Superintendent Dr. Helmut Kirschstein trifft es exakt, wenn er in seinem Vortrag betont, wie traurig ihn die Trauer der Männer mache: „Letztlich verstärkt das typische Trauerverhalten der Männer allzu oft die Lebenskrise, in der sich Menschen in einer Verlustsituation ja ohnehin schon befinden. Geteiltes Leid ist dann tatsächlich nicht halbes Leid - sondern doppeltes Leid.“

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier.

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Die Serie "Trauer in der Arbeitswelt/Trauer im Berufsleben", alle Folgen:


Hier geht es zum ersten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken.

Hier geht es zum zweiten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken

Hier geht es zum dritten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken.

Hier geht es zum vierten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken



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Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen, nicht umgekehrt - ein Plädoyer für eine modernere Bestattungskultur

Ebenfalls auf diesem Blog: Ein Dialog über das "Nachsterben wollen", den Wunsch nach dem eigenen Tod - zwei Trauerbegleiter unterhalten sich

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Und im Kultur-Blog des Autors: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag

Samstag, 8. April 2017

Erstmals mit interaktiver Podiumsdiskussion, Bloggertreff und "erweiterter" Fläche - 10 Gründe, warum die Messe "Leben und Tod" im Jahr 2017 besonders spannend wird (am 12./13. Mai 2017, Freitag/Samstag, in Bremen)

Bremen - Sind die Mitarbeiter in Hospizen allzu oft an der Überlastungsgrenze? Und wenn ja, würden sie dann darüber sprechen? Drüber sprechen können – oder dürfen? Oder würde sie gar die eigene Haltung davon abhalten dies zu tun? Um sich diesem Thema anzunähern, wählt die Messe „Leben und Tod“ in diesem Jahr ein spannendes Format: Eine interaktive Podiumsdiskussion, bei der die Zuschauer ganz unerkannt per anonymer SMS ihre Fragen und Statements einreichen können. Um sich durch die Anonymität vielleicht mehr zu trauen. Einer der Gründe, warum die Messe in ihrem achten Jahr interessant ist... ("Leben und Tod" findet am Freitag/Samstag, 12./13. Mai 2017 in Bremen statt). Hier sind alle zehn Gründe, warum die Messe diesmal spannend werden könnte - als rein subjektive Auswahl, persönlich eingefärbt:

Eigentlich war ich nach Bremen gefahren, um ein Interview mit Meike Wengler, der Macherin der Messe "Leben und Tod", für diesen Blog aufzunehmen. Das ist dann auch geschehen und das Interview wird bald hier Blog veröffentlicht werden. Doch dann hatte Meike Wengler schon vor der Aufnahme soviel über die kommende "Leben und Tod" erzählt, dass das auch einen Beitrag wert zu sein schien. Dass es aber zuviel gewesen wäre, das alles in einem Rutsch zu veröffentlichen. Deswegen hier erstmal die Vorankündigung, später das Interview. Also auf geht's - was wird dieses Jahr unter anderem auf der "Leben und Tod" geboten?...

Der große Saal auf der Messe "Leben und Tod" im Jahre 2015 - einer von drei Orten, an denen das parallel laufende Vortragsprogramm stattfindet, so auch in 2017.    (Thomas-Achenbach-Foto)

1.) Die „erweiterte“ Fläche. In ihrem achten Jahr erweist sich die „Leben und Tod“, die in Deutschland als Fachmesse zu den Themen Tod und Sterben, Trauer und Hilfe immer noch einzigartig ist, weiterhin als wachsendes Erfolgsmodell. Zwar wird die Grundfläche in Halle 6 der Bremer Messehalle unverändert bleiben, aber durch eine neue Aufteilung wird sie anders genutzt. So muss beispielsweise das Referentencafé an einen Ort außerhalb der eigentlichen Halle verlagert werden. Der Grund: Ein zusätzliches Podium für kleine Vorträge werden ebenso in die Halle mit einziehen wie weitere kleine Nischen für Zusatzangebote. Wie immer wird es auch weiterhin so sein, dass parallel zur Messe ein öffentliches Vortragsprogramm stattfinden wird, ebenso werden zeitgleich in zwei Nebenräumen Vorträge im paralllel zur Messe stattfindenden Kongressprogramm angeboten, außerdem Workshops (alle schon ausgebucht):

2.) David Roth. Der Sohn des legendären Trauerbegleiters und Bestatters Fritz Roth führt heute das Geschäft Pütz-Roth. Er ist es vermutlich mittlerweile leid, immer nur als „Der Sohn von...“ eingeführt zu werden... Aber immerhin ist eben dieser noch nicht ganz 40-Jährige, der die Tradition weiterleben lässt und ebenso wie sein Vater eine ganz eigene und sehr menschliche Form von Trauerbegleitung propagiert. Der Bestattungsgarten der Firma, in dem immer wieder auch Konzerte statfinden und in dem so ziemlich alles erlaubt ist, was die Hinterbliebenen möchten, ist durch Medien bekannt. David Roth wird einen Vortrag zum Thema „Trauer ist Liebe“ halten (Samstag, 11.30 Uhr, öffentlicher Vortrag in der Messehalle).

3.) Barbara Rolf. Auch die Stuttgarter Bestatterin Barbara Rolf hat sich in ihrer Karriere für einen möglichst offenen und erlaubnisorientierten Bestattungs- und Trauerweg für Hinterbliebene eingesetzt und hat bislang einen spannenden Lebensweg beschritten. Im Raum Stuttgart und darüber hinaus hat sie Angebote geschaffen, die dem Rechnung tragen. Im Vortrag „Die kostbare Zeit zwischen Tod und Bestattung“ wird sie davon berichten (Samstag, 10.30 Uhr, öffentlicher Vortrag in der Messehalle). (Hinweis: In einer vorherigen Version hatte ich Barbara Rolf fälschlicherweise in Bremen verortet, Danke an aufmerksame/emsige Blogleser für den Hinweis). 

4.) Eric Wrede. Noch einer von denen, die man vermutlich als die „Jungen Wilden“ bezeichnen darf. Oder einfach als die Vertreter einer neuen Generation von Trauerkultur, der ein Netzwerk mit dem Namen „Hallo Tod“ ins Leben ruft, der Jeans und T-Shirt als Arbeitskleidung trägt und der neue Wege in Sachen Bestattungen und Trauerkultur geht. Davon kündet schon der Titel seines Vortrags: „Der Sarg ist tot, es lebe die Trauer“ (Samstag 13 Uhr, öffentlicher Vortrag im „Kleinen Forum“ in der Messehalle). Wrede gibt am Samstag auch einen Workshop – aber der ist bereits ausgebucht.


Sie rief die "Leben und Tod" ins Leben - warum und wie, wird noch an anderer Stelle auf diesem Blog berichtet werden: Meike Wengler ist verantwortlich für die Messe.   (Bremer-Messe-Presse-Foto/mit freundlicher Genehmigung)

5.) Die großen Themen und die „Promis“ der Trauerszene: Wer sich in die Welt der Hospiz- und Trauerinitiativen hineinbegibt, stößt alsbald auf wiederkehrende Namen und bekannte Experten, die auch auf der Messe „Leben und Tod“ Raum für Vorträge bekommen und die dabei die wichtigsten Themen der Zeit aufgreifen: Mechthild Schroeter-Rupieper aus Gelsenkirchen spricht als Trauerbegleiterin über die Germanwings-Katastrophe, Prof. Traugott Roser spricht über „Sterben und Sterbebegleitung in der Tradition Martin Luthers“, Norbert Mucksch – Vorstandmitglied des Bundesverbands Trauerbegleitung und Mitglied im Deutschen Hospiz- und Palliativverband greift die aktuelle Diskussion um eine „Anhaltende Trauerstörung“ auf... und, und, und... das Programm ist voll.

6.) Eckart von Hirschhausen. Wer den kabarettistischen Mediziner –oder medizinischen Kabarettisten – kennt, der weiß seine ebenso augenzwinkernde wie entlarvende Komik zu schätzen. Über Wunder und Zauberei hat er schon geschrieben –und in beidem erstaunliche Parallelen zur Medizin entdeckt. Nun eröffnet er diese Fachmesse, vermutlich ebenso augenzwinkernd. Eine gute Wahl. Es wird später noch ernst genug (Freitag, 10:15, öffentlicher Vortrag in der Messehalle).

7.) Das Spezialthema Nr. 1 (und auf diesem Blog hier schon das Thema des Jahres): Trauer in der Arbeitswelt. Auch dazu gibt es einen Vortrag: Annika Schlichting von der Hamburger Beraterorganisation Charon hat sich auf das Thema spezialisiert und hält einen Vortrag. Von dem auch später sicher auf diesem Blog zu lesen sein wird. Überschrift: Keine Zeit für Trauer am Arbeitsplatz? (Freitag, 12 Uhr, öffentlicher Vortrag in der Messehalle).



Dr. Martin Kreuels auf der Messe „Leben und Tod“ im Jahre 2016 – da ging es um „Männerwünsche am Lebensende“, diesmal ist das Thema „Männer im Abschied“.  (Thomas-Achenbach-Foto)

8.) Das Spezialthema Nr. 2 - noch ein Thema, das ich selbst ebenfalls besetze: Männertrauer. Die Ikone in diesem Themengebiet ist Dr. Martin Kreuels, der schon mehrere Bücher dazu veröffentlicht hat, Forschungen und Untersuchungen betrieben und angestoßen hat oder als Post-Mortem-Fotograf durch die Lande gezogen ist. Auch einer von denen, die der Tod nicht mehr loslässt. Sein Thema: Männer im Abschied (Freitag, 13.30 Uhr, öffentlicher Vortrag in der Messehalle).

9.) „Dein letzter Weg geht über Stunden - ich mache dafür Überstunden.“ Provokativer Titel, provokatives Thema - die oben bereits erwähnte Podiumsdiskussion zum Thema "Überforderung im Hospiz" wird erstmals mit der interaktiven und anonymen SMS-Teilnahme durch das Publikum ausprobiert. Wer möchte, kann sich auf diesem Weg anonym beteiligen, ohne sich bekennen zu müssen. So erhoffen sich die Veranstalter, dass ehrlichere und freie Meinungsäußerungen zustande kommen. Man darf gespannt sein (Samstag, 16.30 Uhr, Raum Borkum, nur für Kongressteilnehmer).

10.) Spannend für Blogger: Erstmals ist ein Bloggertreffen als Ergänzung des Messeprogramms geplant, wie ein Termin bei der Messeleitung kürzlich ergab (mein Interview mit Messeleiterin Meike Wengler folgt in Kürze auf diesem Blog). Offen ist derzeit noch, wie das Treffen aussehen wird und wer dazu eingeladen wird. Es ist aber zu erwarten, dass sich die bloggenden Trauernden und die bloggenden Trauerbegleiter (also auch ich) dort kennenlernen werden und vermutlich auch spannende Gesprächspartner bekommen können. Mehr dazu bald – auf diesem Blog. Also: Auch hier.

Wichtig zu wissen ist, dass es sich bei diesen 10 Punkten um eine rein subjektive Auswahl handelt, die meine persönlichen Interessen einerseits widerspiegelt und die ebenfalls auf die von mir vermuteten Interessen bei Personen, die ich kenne und schätze - Trauerbegleiterkolleginnen und -kollegen - abzielt. Weil das Programm der Messe und des dazugehörigen Fachkongresses vielfältig ist und viele Personen anspricht, trauernde Privatpersonen ebenso wie Fachpersonal aus Hospizen und Palliativeinrichtungen ebenso wie Trauerbegleiter -, gibt es natürlich noch mehr zu entdecken. 

Leben & Tod 2017 - das aktuelle Messeprogramm als pdf-Download gibt es hier... 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Und im Kultur-Blog des Autors: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag

Außerdem im Kultur-Blog: Theater kosten den Steuerzahler einfach zuviel Geld... ist das wirklich so? Und woher kommt die Theatersubventionierung eigentlich?

Samstag, 1. April 2017

Draußen alles so bunt und so schön und innendrin alles so traurig und leer.... Darf ich denn im Frühling traurig sein? Ein Beitrag aus dem "Trauerratgeber" der Neuen Osnabrücker Zeitung ("Rat und Hilfe im Trauerfall")

Osnabrück - Einmal im Jahr, immer Ende März/Anfang April, erscheint in der Neuen Osnabrücker Zeitung eine Beilage mit dem Titel "Rat und Hilfe im Trauerfall". Ich habe die Ehre, dort auch mitarbeiten und Artikel veröffentlichen zu dürfen. In diesem Jahr bin ich von dem verantwortlichen Redakteur sogar gefragt worden, ob ich nicht auch das Geleitwort auf der Seite 2 beisteuern konnte, weil andere dafür vorgesehene Autoren abspringen mussten. Was natürlich eine besondere Auszeichnung ist. Große Freude. Doch dann plötzlich Gedankenleere. Über welches Thema sollte ich schreiben? Auweia...

Was mir immer hilft, wenn ich beim Schreiben mal nicht weiterkomme, ist der Weg nach draußen. Beim Zu-Fuß-Gehen an der frischen Luft finden die Gedankenspiralen manchmal Anschluss an Synapsen, an denen sie vorher noch nicht andocken wollten. Das habe ich oft erfahren. Wie passend, dass wir als Familie derzeit in einer Übergangsphase auf unser zweites Auto verzichtet haben und ich also zum vielen Zu-Fuß-Gehen quasi gezwungen bin. Beim Blick auf die gelben Narzissen in der Sonne schälte sich ein mögliches Thema heraus: Darf ich im Frühling überhaupt traurig sein? Tatsächlich ein Thema, das Menschen in einer Verlustkrise beschäftigt. Das Feedback des verantwortlichen Redakteurs auf mein "Zum Geleit" im Wortlaut: "Speziell, aber sehr lesenswert". Eine interessante Rückmeldung, die ich zum Anlass nehme, den Text auch hier auf meinem Blog zu veröffentlichen.  


Farbenpracht und Trauerästhetik - Frühling auf dem Friedhof. Fotoimpressionen vom Heger Friedof in Osnabrück, aufgenommen im März 2017.  (Thomas-Achenbach-Fotos)

Der im Text erwähnte "Trauer-Chat" wird übrigens schon sehr bald ein neues Thema hier in diesem Blog sein. Und über das ebenfalls erwähnte Buch "Lebensstufen" von Julian Barnes hatte ich schon vor kurzem geschrieben.... Nun aber - das Geleitwort aus der Beilage "Rat und Hilfe im Trauerfall" im Wortlaut: „Immer wieder kommt ein neuer Frühling, immer wieder kommt ein neuer März...“ – heißt es in einem Kinderlied, das meine Tochter gerne singt. Und siehe da, es stimmt: Auch auf den Friedhöfen herrschen jetzt die bunten Farben vor, stehen Tulpen und Narzissen in den Pflanzschalen, legt die Beetbepflanzung das Winterkleid ab.


Passt denn Trauer überhaupt in die bunte Jahreszeit?


Und immer dann, wenn draußen die Welt wiedererwacht, erscheint diese Zeitungsbeilage mit dem Titel „Rat und Hilfe im Trauerfall“. Ein geeigneter Zeitpunkt? Darf man denn im Frühling überhaupt traurig sein? Oft werden die Verantwortlichen gefragt: Warum denn nicht im November? Wenn die „traurigen Tage“ das vorherrschende Thema sind. Die Antwort lautet: Nein, wir wollen ganz bewusst nicht in der „dunklen Zeit“ erscheinen. Warum denn auch? Auch die Verlustfälle selbst warten ja nicht darauf, dass der Sommer vorbei geht. Aber die Verunsicherung ist groß.

Die Beilage "Rat und Hilfe im Trauerfall" erschien in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 1. 4. 2017.   (Thomas-Achenbach-Foto)  

Oft scheint es Menschen in einer Verlustkrise so, als sei es ihnen allein im November, in der Gräunis des ausklingenden Jahres, tatsächlich erlaubt, sich ihrer Trauer hinzugeben. Wohingegen im Frühling und Sommer die Gefühle unangebracht zu sein scheinen. Doch kaum etwas ist wohl trauriger, als sich auch noch in seiner Trauer einsam und unverstanden fühlen zu müssen (auch wenn das tatsächlich recht oft der Fall ist).


Ratschläge sind Schläge - besser zurückhaltend sein


„Rat und Hilfe im Trauerfall“ heißt diese Beilage – in der Ausbildung zum professionellen Begleiter lernen wir indes: Ratschläge sind oft auch Schläge.Darf man also Menschen in einer Verlustkrise einen Rat geben? Wenn sie nicht aktiv einen suchen: Nein. Zurückhaltung ist angebracht. Etwas anderes jedoch ist es, wenn sich Trauernde mit der Bitte um einen Rat an einen wenden. 


Darf man im Frühling traurig sein? Und sich trotzdem an schönen Blumen erfreuen? Fotoimpressionen vom Heger Friedof in Osnabrück, aufgenommen im März 2017.  (Thomas-Achenbach-Fotos)

So ist es Kai Sender, dem Verantwortlichen von Online-Trauer-Chats gegangen, wie er mir neulich berichtete – in einem Chat hatte ihn eine Dame gefragt: „Darf ich noch immer noch traurig sein nach so langer Zeit?“ Seine Antwort ist knapp, präzise und gut: „Na klar, er ist ja immer noch tot!“


"Tot heißt ja nicht, dass es jemanden nicht mehr gibt"


„Das können diejenigen, die diesen Wendekreis des Lebens noch nicht überschritten haben, oft nicht verstehen: Wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt.“ Diese klugen Sätze schreibt der britische Autor Julian Barnes in seinem bemerkenswerten Buch „Lebensstufen“. Übrigens ein Buch, das auf nur wenigen Seiten hochpräzise alles über Trauer sagt, was darüber gesagt werden muss (mehr dazu - hier klicken).

Im Frühling trauern?.. - "Wann, wenn nicht jetzt?"


Und Kai Sender sagt: „Bitte keine Zurückhaltung in der Trauer. Vornehmes Zurücknehmen können wir uns leisten, wenn es uns gut geht. Aber in Zeiten der Trauer ist gesunder Egoismus angesagt. Wann, wenn nicht jetzt?“ - „Leid ist ein menschlicher Zustand, kein medizinischer,“ Auch diesen wunderbaren Satz finden wir bei Julian Barnes. Und das gilt eben auch – im Frühling."


Fotoimpressionen vom Heger Friedof in Osnabrück, aufgenommen im März 2017.  (Thomas-Achenbach-Fotos)

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Ebenfalls auf diesem Blog: Keine Sorge, alles normal - was Trauernde in einer Verlustkrise alles so tun und warum einem das nicht peinlich sein sollte

Und im Kultur-Blog des Autors: Genug gemeckert, wir sollten froh sein über unsere Theater - eine Liebeserklärung und eine Lobpreisung zum Welttheatertag