Mittwoch, 15. November 2017

Der Fluch der Tapferkeit - warum es Menschen in der modernen Gesellschaft so schwer fällt, ihre Trauer zu durchleben und als normal zu akzeptieren und warum die Wurzeln dafür schon in der Kindheit gelegt werden

Osnabrück - Wagen wir eine steile These - und es ist noch nicht einmal meine eigene These: Dass unsere moderne Gesellschaft zu wenig Verständnis für Trauer aufbringt, liegt daran, dass uns das schon in frühesten Kinderzeiten ausgetrieben wird. Da heißt es immer: "Ist gar nicht so schlimm!". Oder: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz!" Und dann stirbt plötzlich jemand - und man weiß mit den Gefühlen und ihrer Heftigkeit so gar nicht richtig umzugehen. Hilflosigkeit und Überforderung sind die Folge. Die Bestatterin Barbara Rolf aus Stuttgart nennt das: Den "Flucht der Tapferkeit". Sie ist nicht die Einzige, die das so sieht.

Ich erinnere mich noch genau: Wir waren mit Freunden im Urlaub und hatten alle unsere Kinder dabei. Kleinkinder, erste Kindergartenphase, also noch in dem Alter, wo ein simples Zu-Fuß-Gehen als superlangweilig erlebt wird und sich nur zwei Alternativen anbieten: Sie entweder die ganze Zeit auf dem Arm herumtragen - oder sie mit dem Laufrad herumgurken lassen. Als wir einen Ausflug in eine große Stadt machten, stürzte eines der Kinder mit seinem Laufrad - die Eltern stürzten prompt hinzu. Und noch während sie das taten, riefen sie, beide, wie ganz automatisch: "Ist nicht so schlimm." - "Tut nicht weh." - Natürlich war das als Beruhigung gemeint, als Trost, als etwas eigentlich Liebevolles. Aber es kam mir auch wie eine Abwehr vor. So nach dem Motto: 


Mit dem Fahrrad umgefallen - ist das wirklich der Tränen wert? Klare Antwort: Na klar. Alleine schon der Empörung wegen, dass so etwas überhaupt geschehen kann. Das muss ja auch irgendwo bleiben.  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-0-Lizenz)

Jetzt aber nicht heulen, hörst Du!? Und ich weiß noch genau, wie ich mich gefragt habe: Woher wollt Ihr das eigentlich so genau wissen, ob es wehtut und wie sehr? Ihr habt ja kaum nachgesehen. Genau so beginnt es, sagte auch die Trauer- und Familienbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper in einem Vortrag auf der Messe "Leben und Tod 2017", die bereits im Mai in Bremen stattfand (und hier auf diesem Blog seither sukzessive weiter aufgearbeitet wird). Ihre These: "Man sagt uns von klein an: sei doch nicht so traurig. Dabei sind wir mit dem Talent traurig zu sein geboren worden. Und dann geht es schnell los, dass wir sagen: Tut doch gar nicht so weh. Ist doch gar nicht so schlimm." Was Mechthild Schroeter-Rupieper stattdessen empfiehlt: 

Das eigentlich Kleine ist in Wahrheit etwas sehr, sehr Großes


"Wenn das Knie aufgeschürft ist und das Kind sagt: Mama, das tut so weh, dann sagen: Ja, das glaube ich Dir, dasss das weh tut." Ein Trostpflaster draufmachen. Die Gefühle respektieren. Was hier im Kleinen beginnt, ist in Wahrheit etwas ganz Großes - und von einer existenziellen Wichtigkeit. Oder wie Mechthild Schroeter-Rupieper es sagt: "Wir Eltern müssen so leben, dass wir jeden Tag sterben könnten – Erziehung heißt Kinder zu stärken, nicht ihnen alles abzunehmen." Also: Auch nicht den Schmerz kleinreden. Das genau ist es ja, was vielen Trauernden in einer Verlustkrise besonders wehtut. Dass es dann auch heißt, von Freunden, Kollegen oder Verwandten: Das geht wieder vorbei. Reiß dich mal zusammen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Aber wenn es nun einmal wehtut wie Hölle - warum soll es das nicht dürfen? Und: Ist das nicht ganz normal?


Wer traurig ist, darf Krone tragen: Ein König ist, wer fühlen darf


Die Bestatterin Barbara Rolf hat die Erfahrung gemacht, dass das keine Seltenheit ist: "Der Fluch der Tapferkeit ist leider sehr weit verbreitet, schon Kinder sind betroffen", sagt sie. Das Ergebnis ist jedoch eine Gesellschaft, "die wenig Verständnis hat für Trauer". Mechthild Schroeter-Rupieper will Seminare anbieten, in denen sie ihren Teilnehmer Kronen aufsetzen möchten, damit sie spüren: Ich bin ein Trauerkönig. Ich darf stolz darauf sein, dass ich traurig sein kann. So erzählte es die Familienbegleiterin beim Vortrag in Bremen - und sie berichtete von einer solchen Erfahrung mit einem prominenten Besuch. Denn einmal war Manuel Neuer zu Gast bei einem Trauertreff mit Jugendlichen. Und auf die Frage, ob er denn auch mal richtig heulen würde, sagte er: 


Lädt auch mal Fußballstars wie Manuel Neuer in Trauergruppen ein: Die Familienbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper bei ihrem Vortrag auf der Messe "Leben und Tod 2017".  (Thomas-Achenbach-Foto)

Beim Fußball eher nicht so. Aber wenn mal sein Opa stürbe, würde er Rotz und Wasser heulen. Sowas ist wichtig, sagt Mechthild Schroeter-Rupieper: Kindern zu zeigen, es ist okay, dass es weh tut, dass das Schmerzen verursacht. Aber wer bei seinen Kleinen auch schon die kleineren Wehwehchen lieber im Keim erstickt, muss sich nicht wundern, wenn sie das am Ende auch bei den ganz großen Schmerzen versuchen. Auch Trauerbegleiter werden oft gefragt: Ist das denn normal? Dass ich "immer noch" so traurig bin, auch nach einem Jahr noch? Darf das sein? Und dann erleben sie es als wohltuend, wenn sie erfahren dürfen: Klar darf das sein. Klar ist das normal. Darum geht es: Dass es wehtut, dass es einen leermacht, dass es einen zerreibt. Das alles nennt sich Trauer und gehört zum Leben. Oder wie Mechthild Schroeter-Rupieper es auf der Messe "Leben und Tod" ganz sichtbar machte: Da nahm sie ein riesiges Herz - und riss es auseinander. Um dann beide Hälften einmal umzudrehen. Siehe da: So sind es zwei Tränen. Aber: Das Herz wächst auch wieder zusammen. Irgendwann, irgendwie. Also pfeifen wir auf die Tapferkeit. Und setzen unsere Krone auf. Als Trauerkönig. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Bitten der Trauernden - wertvolle Tipps zum Umgang mit Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise und zu einem guten Miteinander

Ebenfalls auf diesem Blog: Digitaler Nachlass wird noch nicht ernst genommen - warum ich gestorbenen Menschen keine Freundschaftsanfragen schicken können sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer im Berufsleben/Trauer in der Arbeitswelt - was Arbeitgeber alles tun können - schon mit Kleinigkeiten ganz viel erreichen

Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)

Mittwoch, 8. November 2017

"Die Bitten der Trauernden..." # Extended - Wertvolle Tipps zum Umgang mit Trauernden - was Menschen in einer Verlustkrise wirklich hilft (meine Ergänzungen)

Osnabrück - "Die Bitten eines Trauernden..." Auf diese wertvolle Liste, die die Dresdner Trauertherapeutin Diana Mirtschink zusammengestellt hat, weise ich in meinen Vorträgen besonders gerne hin. Denn was die Spezialistin für Verlustkrisen da geschaffen hat, ist selten und gekonnt: So zugespitzt, so treffend und so einleuchtend sind die Belange von Menschen in einer Trauer- und Verlustkrise selten zusammengefasst worden. Alles, was es an Tipps für den Umgang mit Trauernden zu sagen gibt, steckt dort drin. Das lädt zur Auseinandersetzung ein. Es lädt dazu ein, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Und so habe ich die Liste für mich noch um ein paar weitere Bitten ergänzt. Als Verneigung vor der Form, sozusagen. 

"Redet meine Nöte nicht weg". Mit diesem Eintrag beginnt Diana Mirtschinks Liste. Das Geniale an dieser Präsentation als Liste ist ja genau das: Dass sich jeder einzelne Punkt darauf eigentlich von selbst erklärt, dass es aber zu jedem einzelnen Punkt wieder so viel zu sagen und zu ergänzen gäbe, dass es jeweils einen eigenen Blogbeitrag wert wäre. „Hört mir zu, auch wenn ich mich wiederhole“, beispielsweise, ist so eine der Bitten, auf die es wirklich ankommt. Oder auch diese: "Haltet mich aus." - "Redet meine Nöte nicht weg." -"Seid sprachlos mit mir, wo es keine Worte gibt." - Schmälert nicht das Geschehen." - Alles wertvoll, wichtig, alles wesentlich. Und jetzt kommen drei Ergänzungen, die von mir selbst stammen, die ich aber nach meinen Erfahrungen und meinen Gesprächen mit Trauernden ganz wichtig finde. 


Trauernde sind auf steinigen Wegen unterwegs - und das Glanzlicht des Lebens scheint weit entfernt und eine wuchtige Sache zu sein....   (Thomas-Achenbach-Symbolfoto) 

Erstens: "Traut Euch, mit uns über unsere Toten zu sprechen…" - aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen, trauen sich die Menschen oft nicht, im Kontakt mit Trauernden über die Gestorbenen zu sprechen. Meistens entsteht diese falsche Vorsicht aus der Angst heraus, man könnte die Trauer in den Menschen wieder wachrufen. Also eigentlich aus guten Beweggründen. Nach dem Motto: Ich erwähne die Toten mal lieber nicht, denn am Ende wecke ich damit womöglich neues Leiden. Aber wer einmal einen Menschen verloren hat, der weiß, dass das nicht stimmt. Natürlich tut es weh. Aber es tut sowieso alles weh, immer, fast immer. Also ist das in gewisser Weise normal. Was indes noch schlimmer ist: Das Gefühl haben zu müssen, dass keiner mehr über die gestorbenen Menschen sprechen mag. Wie es ein Vater einmal formulierte: "Dass sich keiner jemals traut, mit mir über meine tote Tochter zu sprechen, ist für uns so, als würde sie wieder und wieder sterben." 

Zweitens: Nennt die Toten bei ihrem Namen, denn sind schon noch da… Folgenden Dialog habe ich einmal erlebt. Da frage ich eine Mutter, deren Sohn sich suizidiert hatte. Wie heißt denn Ihr Sohn? Worauf eine daneben sitzende Bekannte in aufwallender Empörung sagte: "Er heißt gar nicht mehr, er hat sich umgebracht!" - Was aber soll falsch daran sein, den gestorbenen Jungen bei seinem Namen zu nennen? Sagen wir, er hieß Philipp (natürlich hieß er in Wahrheit anders). Und jetzt, wo er tot ist, heißt er immer noch Philipp. Nur halt, der tote Philipp. Aber eben - Philipp. So steht es ja auch auf dem Grabstein. Es kann für viele Trauernde eine enorme Entlastung sein, wenn sie ihre Toten auch mit ihrem Namen nennen dürfen, habe ich erlebt. 

Und drittens: Seid nicht verunsichert, wenn ich auch lache und am Leben ganz teilzunehmen zu scheine (und wenn das nicht der Dauerzustand bleibt).... Auch das habe ich immer mal wieder erlebt: Dass Menschen, die eigentlich in einem Krisenzustand sein sollten, weil vielleicht ein Verlust erst kürzlich stattgefunden hat, so ganz unberührt zu sein scheinen. Ganz hautnah am Leben teilnehmen. Was dann Freunde und Bekannte und andere auch wieder irritiert. Auf einmal stehen Fragen im Raum wie "Sollte der nicht trauriger sein?" oder "Darf das so sein?" - auch hier gilt, was ich im Kontext von Trauer und Verlust immer sage: Es darf sein. Alles sein. Weil kein Mensch weiß, wie es wirklich aussieht. Weil sich Trauer oft erst noch ihre Wege bahnen muss. Manchmal ist es auch und gerade das im Leiden neu erwachte Wissen um die eigene Vergänglichkeit, das Menschen wieder ganz eng an das Leben heranführt. Warum sollten wir diese Menschen dann vom Leben abhalten wollen?

Linktipp: Hier geht es zur kompletten Liste "Die Bitten eines Trauernden"

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

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Mittwoch, 1. November 2017

Digitaler Nachlass wird nicht ernst genug genommen - warum ich toten Verwandten keine Freundschaftsanfragen stellen können sollte - Eine Übersicht zum aktuellen Stand in Sachen "Digital danach" (Beitrag zur Bloggerparade #diginastory)

Osnabrück - Es war ein tragischer Tod und er kam, natürlich und wie so oft, überraschend. Es ist noch nicht lange her, dass einer meiner Verwandten - ein Cousin zweiten Grades, also ein Cousin meines Vaters - gestorben ist. Der Grund: Eine heftige Lungenentzündung von einem tatsächlich tödlichen Erreger. Dass es sowas noch gibt - unfassbar, wie alles andere! Als ich plötzlich die Todesanzeige in der Zeitung sah, hat es mir fast die Füße weggezogen. Schaue ich aber ins Facebook, den großen blauen Datensammler, so ist vom Tod meines Cousins zweiten Grades nichts zu spüren (übrigens: Nicht Großcousin, so etwas gibt es gar nicht) - ich könnte dort seine Beiträge liken oder kommentieren. Und ich könnte ihm eine Freundschaftsanfrage senden. Dem Mann, auf dessen Beerdigung ich war. Ein gutes Beispiel für ein großes Problem, das kaum einer ernst genug nimmt: Den digitalen Nachlass.

Nun war auch dieser Cousin zweiten Grades schon über 70, also in einem Alter, in dem man vielleicht nicht mehr auf jeden digitalen Trendzug aufspringen muss. Dass er überhaupt bei Facebook war, ist - verglichen mit den nicht so digitalen Aktivitäten von manchen seiner Altersgenossen - vergleichsweise ungewöhnlich. Aber was, wenn einer wie ich plötzlich sterben würde? Unfall, Herzinfarkt, Hirninfarkt, die Liste der möglichen Ereignisse ist ebenso lang wie, leider auch, alltäglich. Da wären zwei Blogs mit weiter laufenden Kommentarfunktionen, ein Twitterauftritt, ein Facebookauftritt, mehrere Mailaccounts, mehrere digitale Abos beispielsweise bei Streamingdiensten, allerlei Logins in digitalen Verkaufsräumen,... Und wer weiß was noch? Oder, noch ein Beispiel, sagen wir, es träfe Donald Trump. Was hinterließe er seinen Erben? Unter anderem einen prall gefüllten Twitteraccount voller wüster Beschimpfungen und zorniger Attacken. Ein gutes Erbe? Nun, soviel sollte inzwischen klar sein:


Digitales Aufräumen nach dem Tod kann eine langwierige und schwierige Sache sein - alleine schon, weil der Gestorbene auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken noch präsent ist...  (Thomas-Achenbach-Foto) 

Das ganze digitale Zeugs muss also irgendwie geregelt werden, am besten vor dem Tod, spätestens aber danach - macht zwar (noch) keiner, wird aber immer wichtiger. Weil ja auch alles in unserem Leben immer digitaler wird. Nach Angaben der Verbraucherzentrale stirbt alle drei Minuten ein Facebook-Nutzer in Deutschland. Da dürften sich also eine Menge Profile längst gestorbener Menschen finden lassen. Nicht so schön. Gott sei Dank gibt es inzwischen immer mehr Macher und Multiplikatoren, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Viele davon kommen am 16. 11. 2017 zu der in München stattfindenden Konferenz "Digina", organisiert vom Blogger-Team "Digital Danach". Diese Veranstaltung ist auch der Grund für diesen Blogbeitrag - denn die Macher der Konferenz haben zu einer Blogparade aufgerufen (Hashtag: #diginastory). Und weil ich mich mit dem Thema digitaler Nachlass schon einmal intensiver beschäftigt hatte, war es für mich Pflichtprogramm, daran teilzunehmen. Weil auch ich inzwischen verinnerlicht habe: 


Etwas muss geschehen mit dem ditigalen Zeugs - aber was?


Das ganze digitale Zeugs nach dem Tod einfach ungeregelt liegenlassen, ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Nicht nur, aber auch, weil alles, was dann da ist, nach wie vor zu Reaktionen einlädt - vielleicht auch zu Beschimpfungen. Aber wie verletzend muss es für Angehörige sein, nicht nur ein Familienmitglied zu verlieren, sondern dies nach dem Tod auch noch digital angegriffen zu erleben. Nicht nur, aber auch, weil heutzutage einfach fast alles über den digitalen Weg abgewickelt wird. Clevere Bestatter haben das längst erkannt und bieten mit ihren Dienstleistungen auch digitale Aufräumdienste mit an (beispielsweise Columba). Noch besser als ein Post-Mortem-Service ist natürlich: Alles schon vorher regeln. Zum Beispiel über das Testament oder eine testamentarische Verfügung. Das macht natürlich etwas Arbeit, ist aber eine gute Entlastung für die Angehörigen. Hier ein paar Tipps, was sich machen ließe (Stand: Ende 2017) - inklusive wertvoller Hinweise von Birgit Aurelia Janetzky, die sich mit ihrem Unternehmen "Semno Consulting" auf genau diese "Schnittstelle zwischen Mensch, Tod und Internet" (Eigenwerbung der Firma) spezialisiert hat. Sie hatte mich bei der Recherche eines Artikels für die Osnabrücker Nachrichten (ON) mit Informationen versorgt - ein Artikel, aus dem auch die folgenden Zeilen stammen. 


Die Datenpolizei sollte vor dem Sterben schon einmal eine Inspektion machen können...  (Thomas-Achenbach-Foto) 

- Erstes Problem: Passwörter. - Auf einer Papierliste alles an Passwörtern samt dazugehöriger Website niederschreiben und diese irgendwo zu hinterlegen ,ist natürlich gefährlich und kontraproduktiv. Hier gibt es digitale Lösungen. Beispielsweise das Programm KeePass, das mit einer auch bei Banken genutzten Sicherheitstechnik arbeitet: Hier lassen sich alle Passwörter verwalten, für andere durch Verschlüsselung und Schutzbarrieren unsichtbar. Der Nutzer braucht nur noch ein so genanntes Master-Passwort, nämlich das für das Programm KeePass. Andere Software verfährt nach ähnlichem Muster (PasswortDepot, PasswordSafe, etc.) Idealerweise bekommen die Angehörigen mit dem Testament zwei Passwörter ausgehändigt: Das für die Hardware (Laptop oder Computer) und das Master-Passwort einer Verwaltungssoftware. Eine andere Lösung, die Birgit Aurelia Janetzky inzwischen empfiehlt, gehört heute oft zum Angebot des Bestatters: Per Datenbankabgleich werden Online-Nutzerkonten aufgespürt und können mit einem Mausklick gelöscht oder bearbeitet werden. Im Hintergrund steht als technischer Dienstleister das Berliner Unternehmen Columba, das sich auf digitale Abmeldungen.

- Zweites Problem: E-Mails. - In Sachen E-Mails stehen sich in Deutschland zwei verschiedene Gesetze im Weg. Einerseits das deutsche Erbrecht, das quasi eine Weitergabe an die Angehörigen beinhaltet, andererseits das Fernmeldegeheimnis, das dem – auch nach dem Tod – rudimentär entgegensteht. Immerhin: Die deutschen Freemail-Anbieter GMX und Web.de gewähren gegen Vorlage eines Erbscheins Zugriff auf das Postfach. Ansonsten wird es schwierig: Oftmals haben Nachlassverwalter die Erfahrung gemacht, dass weder sie noch die Erben Zugriff auf den E-Mail-Account eines Verstorbenen bekommen, wenn sie das Passwort nicht selbst haben. Die E-Mail-Anbieter berufen sich auf das Fernmeldegeheimnis. 

- Drittes Problem: Facebook. Das größte Problem bei Facebook ist, dass jeder Nutzer einen anderen Nutzer als gestorben melden kann – dazu bedarf es noch nicht einmal einer Sterbeurkunde, ein Link auf einen Nachruf oder „ein anderes Dokument zum Tod der Person“ reicht den aktuellen Facebookregeln zufolge dafür aus. Sobald ein Nutzer als gestorben gemeldet wurde, versetzt das Unternehmen seinen Facebook-Auftritt in den „Gedenkzustand“. Alles, was dort gepostet wurde, ist dann noch zu sehen, aber es lässt sich nicht mehr kommentieren oder anderweitig benutzen. Das Problem dabei: Ist eine Facebook-Seite erst einmal im Gedenkzustand, ist auch für die Angehörigen kein Zugriff mehr möglich. Das unter anderem war Gegenstand der Gerichtsprozesse um die gestorbene 15-Jährige, bei denen Facebook am Ende Recht bekam. Bleiben wir noch einmal ganz kurz beim Thema Facebook.... 


Die Konferenz "Digital danach 2017" (Kurz: Digina 2017) macht auch den digitalen Nachlass zum Thema...  (Thomas-Achenbach-Foto) 

- Nochmal Facebook - diesmal: Regelungen im Vorfeld treffen. Übrigens bietet das Unternehmen die Möglichkeit, schon im Vorfeld einen „Legacy Contact“ (Deutsch: Nachlasskontakt) zu bestimmen. Dieser kann im Menüfeld „Sicherheit“ eingegeben werden und wird benachrichtigt, sobald die Seite eines Nutzers in den Gedenkzustand umgebaut worden ist. Als Nachlasskontakt kann man für den gestorbenen Nutzer auf Freundschaftsanfragen antworten und Profibilder aktualisieren – persönliche Nachrichten lesen oder als der Verstorbene etwas posten geht jedoch nicht. 

- Viertes Problem: Twitter. Wer beim Kurznachrichtenservice Twitter einen Nutzer abmelden möchte, muss Dokumente vorlegen. Eine Kopie des eigenen Personalausweises ebenso wie die offizielle Sterbeurkunde des Nutzers. Außerdem behält sich Twitter das Recht vor, bei Inhalten oder Personen des öffentlichen Interesses von einer Löschung des Profils abzusehen. 

- Fünftes Problem: Xing. Das deutsche Netzwerk „Xing“ geht einen anderen Weg: Wird dort ein Nutzer als verstorben gemeldet, fragt das Netzwerk erstmal bei diesem Nutzer selbst an, ob das auch stimmt – das Profil wird derweil erstmal auf unsichtbar geschaltet. Erst wenn das Netzwerk binnen drei Monaten keine Rückmeldung erhält, löscht es das Konto.

- Sechstes Problem: Das ist noch lange nicht alles. Natürlich gäbe es nun noch eine ganze Reihe weiterer Netzwerke und Fragestellungen (Thema Instagram und Bildrechte, beispielsweise, in Cloud-Diensten gespeicherte Daten, gespeichertes EInkaufsverhalten bei Amazon oder E-Bay, etc.) - die Liste möglicher weiterer Themen ist lang und all diese Fragestellungen in aller Detailfreudigkeit auszurecherchieren, wäre eine gute Aufgabe für weitere Artikel.

- Hier geht es zum ON-Artikel "Digitales Aufräumen schon vor dem Tod regeln.." 

PS: Natürlich habe ich nicht nur über das Facebookprofil meines verstorbenen Cousins zweiten Grades geschrieben, sondern bin auch mit den Angehörigen dazu in Kontakt... Das nur am Rande bemerkt, falls sich jemand wundert, nach dem Motto "Was macht der denn da?"...

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier.

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Ebenfalls auf diesem Blog: Vorgestellt - drei neue Bücher rund um Trauer und Verlust: Wenn die Eltern sterben, wenn Du Dir mit Schreiben hilfst, wenn Kollegen trauern

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Dienstag, 24. Oktober 2017

Bitte nehmt immer auch die Kinder mit - ans Sterbebett, ins Krankenhaus, ins Hospiz... überall dorthin, wo sie sehen und begreifen können - was wir aus dem Roman "Sieben Minuten nach Mitternacht" Wichtiges fürs Leben und Sterben lernen können

Osnabrück (eb) - Keine Sorge: Zum Lesen dieses Blogbeitrags sind keine fundierten Kenntnisse des Buches "Sieben Minuten nach Mitternacht"nötig. Eigentlich reicht für unseren Kontext diese kurze Zusammenfassung: In dem Roman geht es um den 13-jährigen Jungen Conor, dessen Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist und ins Krankenhaus muss. Der Vater hat die Familie schon vor längerer Zeit verlassen, Conor schmeißt erst alleine den Haushalt und lebt später bei der Großmutter. Die ihn aber meist zuhause lässt und ihre Zeit im Krankenhaus verbringt. Denn keiner - weder Vater, noch Großmutter, noch die Mutter selbst - traut sich, dem Jungen die Wahrheit zu sagen: Dass die Mutter sicher sterben wird. Bald sogar. Wie sich alles um diesen Kardinalfehler windet und welche psychologischen Folgen das haben kann, stellt das Buch als berührende Monstergeschichte heraus - und daraus lässt sich eine Menge lernen. Kurz gesagt: Keine falsch verstandene Schonung. Nehmt die Kinder mit.


Inzwischen ist "Sieben Minuten nach Mitternacht" auch verfilmt worden - eigentlich total unnötig, denn das Buch alleine weckt starke innere Bilder in einem. Aus Zeitgründen habe ich mir den Roman im Hörbuchformat vorlesen lassen. Das war eine wertvolle Erfahrung.    (Thomas-Achenbach-Foto)

"Nicht dabei sein, macht die Sache nicht besser". In diesen simplen Worten fasst die Familientrauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper zusammen, worum es geht. Sie erzählt auf ihrer Facebookseite die bewegende Geschichte - eine echte Geschichte, anders als die von Conor - vom fünfjährigen Konrad, der mit dem ganz plötzlichen Herzinfarkt und nahenden Tod seiner Mutter konfrontiert ist. Und wie er dann mit seinem Papa in das Krankenzimmer geht und sich von der Krankenschwester genau alle Schläuche erklären lässt. Darf man Kindern sowas zumuten? Nun ja, was wäre denn die Alternative? Dass die Kinder zuhause sitzen und nicht miterleben können, was los ist? Und dann stehen sie plötzlich vor so einem Holzding und verstehen die Welt nicht mehr...? Klar, keiner versteht die Welt, wenn es um den Tod geht. Aber was für die Erwachsenen gilt, ist für die Kinder genauso wichtig. Vielleicht noch wichtiger:


Wir Menschen müssen begreifen lernen - auch die Kleinen


Wenn wir begreifen wollen, müssen wir erleben können. Den toten Körper zu sehen und anzufassen, das können sich viele kaum vorstellen (ging mir genauso und ich habe es auch nicht getan - aber immerhin war ich dabei, mit im Raum, als meine Mutter starb). Dabei sein zu dürfen, wenn der Tod eintritt, das kann ein Geschenk sein. Und manche Eltern, die ihren Kinder sowas zugemutet haben, berichten von überraschenden Erfahrungen. Die Kinder konnten ganz gut damit umgehen. Die Kinder haben ihre eigenen Schutzmechanismen. Natürlich wird so eine Situation für sie ihre eigenen Überforderungen mit sich bringen. Natürlich wird es nicht leicht, für keinen, der dabei ist. Aber: "Nicht dabei sein, macht die Sache nicht besser".


Man möchte die Eltern anbrüllen: Sagt es ihm, verdammt!


Auch Conor in der Geschichte entwickelt seine Schutzmechanismen. Sehr realistisch schildert das Buch, wie der Junge in der Schule plötzlich gemieden wird. Als ob der Krebs seiner Mutter etwas Ansteckendes oder Anrüchiges hätte - oder als ob er selbst plötzlich unsichbar wäre. Diese gigantischen Unsicherheiten, die mit dem Tod einhergehen - sie wirken auch im echten Leben oft leider so. Doch wie sich am Ende zeigen wird: Ganz tief im hintersten Winkel seines Herzens hat Conor gewusst, was geschehen wird. Bis dahin ist viel geschehen, es hat Wut und Zerstörung gegeben und sonst vieles, was Trauer mit sich bringt. Aber so richtig gesagt, was Sache ist, hat es ihm bis kurz vor Schluss eigentlich keiner. Der Junge hat viel alleine zuhause gesessen und sich ein ebenso beängstigendes wie freundliches Monster als seine persönliche Hilfe geholt - das vielleicht sogar echt ist, an dieser Stelle lässt das Buch in wohltuendem Mystizismus alles offen. Aber der Leser hat bis dahin längst in vielen Passagen innerlich aufgestöhnt...


Kinder können mehr aushalten und verstehen, als manche denken - sie in eine falsch verstandene Schonungszone zu stecken, ist oft schlimmer als sie mitzunehmen und der Wahrheit auszusetzen.   (Pixabay.de-Foto/Creative-Common-0-Lizenz)

Denn er hat schon oft die erwachsenen Figuren vor seinem geistigen Auge förmlich angeschrien: Jetzt sagt es ihm! Sagt es ihm! Nehmt ihn mit, verdammt nochmal! Lasst ihn dabei sein! Denn: Nicht dabei sein, macht es nicht besser.... Wie gut ist es da zu wissen, dass Fachfrauen wie Mechthild Schröter-Rupieper in der echten Welt solche Botschaften mitverbreiten. Danke dafür... 

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Ebenfalls auf diesem Blog: Vorgestellt - drei neue Bücher rund um Trauer und Verlust: Wenn die Eltern sterben, wenn Du Dir mit Schreiben hilfst, wenn Kollegen trauern

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer im Berufsleben/Trauer in der Arbeitswelt - was Arbeitgeber alles tun können - schon mit Kleinigkeiten ganz viel erreichen

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Dienstag, 17. Oktober 2017

Tod und Trauer am Arbeitsplatz: Was Firmen tun können, ist eine ganze Menge - Liebe Arbeitgeber, nur Mut: Bei den Themen Tod und Trauer im Job lässt sich mit wenig schon viel erreichen (Jahresthema Trauer im Job/ Trauer im Berufsleben, Teil 5)

Osnabrück - Man stelle sich einmal folgendes vor: Einmal im Jahr findet in einer großen Firma eine öffentliche Trauerfeier statt - zum Gedenken an die in den vergangenen 12 Monaten verstorbenen Mitarbeiter. Musik, Ansprachen, Schweigeminute, alles dabei. Eine ebenso festliche wie würdevolle Veranstaltung. Sagen wir einfach mal, die Firma hat insgesamt 550 Mitarbeiter - da ist der Tod leider niemals weit, so hart das auch klingt (und so gerne man das anders hätte). Doch damit nicht genug: Allen Mitarbeitern ist bekannt, dass die Teilnahme an der Trauerfeier absolut freiwillig ist - aber als Arbeitszeit gewertet wird. Ein Beispiel dafür, wie sich aktiv und gestaltend als Arbeitgeber in Sachen Tod und Sterben etwas tun lässt - also in einer Situation, in der sonst Unsicherheiten und Fluchttendenzen um sich greifen. Es gibt noch mehr solcher Ideen.

Wenn ein Mitarbeiter gestorben ist, stellen sich viele Fragen. Auch ganz pragmatische: Wie soll - beispielsweise - das Ausräumen des Schreibtisches geschehen? Wer ist dafür verantwortlich? Wann ist ein guter Zeitpunkt? Denn die vielen emotionalen Fallstricke, die alleine eine solche nur vermeintlich nebensächliche Aufgabe mit sich bringt, sind bitte nicht zu unterschätzen. Wer den Schreibtisch zu früh und ohne Information ausräumen lässt, darf sich der Empörung der Mitarbeiter sicher sein - hier zählt der Mensch wohl nichts mehr, wird es heißen. Klar: Wie in allen Belangen, die die emotionalen Ebenen der Mitarbeiter betreffen, geht es hierbei um Wertschätzung. 

Wenn ein Mitarbeiter verstorben ist, geht es um Würde, Wertschätzung, aber auch um Klarheit und Transparenz. Wer schmückt den Arbeitsplatz des Verstorbenen? Aber auch: Wer räumt - und wann - einmal den Schreibtisch aus?  (Thomas-Achenbach-Foto)

Der Tod ist niemals weit weg - je größer die Firma, desto näher


Also um die Frage, ob es einem Unternehmen gelingt, seinen Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sie auch als Mensch gesehen und angenommen werden - nicht alleine als Arbeitskraft. Wer seine Mitarbeiter auch in Krisenzeiten gut begleiten kann, positioniert sich als ein guter Arbeitgeber. Wer sich den Themen Tod, Trauer und Sterben dabei nicht verweigert, sondern sie aktiv angeht, besetzt dabei sogar - derzeit noch - eine Nische in Deutschland. Und das ist deswegen so wichtig, weil der Tod viel alltäglicher ist als wir das gerne wahrhaben wollen. Wer sich auf die Suche nach Zahlen macht, der stößt an vielen Orten auf diese Angaben (ich habe sie jedoch nicht selbst nachrecherchiert): Jedes Jahr sterben demzufolge in Deutschland im Durchschnitt 850 000 Menschen. Rund 130 000 bis 140 000 davon sind noch mitten im Beruf. Angestellte. Arbeitnehmer. Mit Kollegen. Und Chefs. 


Es muss nicht immer eine große Feier sein - Kleines bringt auch viel


Zugegeben: Die Anzahl von 550 Mitarbeitern in dem Beispiel oben ist frei erfunden. Dass es aber eine Firma gibt, die eine jährliche Trauerfeier veranstaltet, ist Fakt: Von einem Unternehmen aus Linz, bei dem regelmäßig rund 30 Prozent der Mitarbeiter diese Veranstaltung wahrnehmen, berichtet der Erich-Schmidt-Verlag in einem Newsletter zum Thema Trauer am Arbeitsplatz. Dabei muss es gar nicht etwas so Großes sein wie eine eigene Trauerfeier. Es lässt sich schon mit recht wenig sehr viel tun... Und das ist gut so. Denn das Thema wird in der Zukunft immer wichtiger werden, da bin ich mir sehr sicher. Dass es für Unternehmen wichtig ist, sich hier gut aufzustellen, habe ich in diesem Blog schon oft als Credo formuliert. Dass es einfacher ist als man glaubt - trotz der Schwere des Themas - ebenfalls. 


Auch die Mitarbeiter in Trauer mitberücksichtigen


Berücksichtigt werden müssen immer alle Möglichkeiten: Was tun, wenn ein Mitarbeiter des Unternehmens stirbt? Was tun, wenn ein Mitarbeiter, der einen Angehörigen verloren hat, an den Arbeitsplatz zurückkehrt? Denn wenn ein trauernden Mitarbeiter zurückkehrt, darf das Ziel nicht lauten, die Trauer und die Gefühle möglichst rasch zu überwinden um zu größtmöglicher Effizienz zurückzufinden, sondern einen Weg zu finden, wie die Gefühle einen Raum finden können - auch auf der Arbeit! - und der Mensch dahinter sich anerkannt und gesehen fühlt. Wem das gelingt, der punktet ungemein als Arbeitgeber. Und unvermeidlich ist es sowieso: "„Trauer lässt sich nich t auf den Feierabend verschieben“ -so formuliert es Annika Schlichting von der Charon-Beratungsstelle, Hamburg, in einem Vortrag auf der Messe "Leben und Tod" 2017 in Bremen. Hier nun also eine kurze Ideenliste für Firmen, was alles getan werden kann im Falle von gestorbenen Mitarbeitern und im Falle von Trauernden am Arbeitsplatz:


Eine simple Spielzeugampel - in einem Großraumbüro lässt sich so ein Accessoire sinnvoll einsetzen, um den Kollegen Signale zu setzen, beispielsweise wenn ein Mitarbeiter in Trauer ist: Bin ansprechbar, bin nicht ansprechbar.   (Thomas-Achenbach-Foto)


Tipps und Ideen für Arbeitgeber - eine erste Sammlung 


- Eine firmeninterne Trauerkultur entwickeln und etablieren, zu der gehören kann, dass Arbeitsplätze von gestorbenen Mitarbeitern einen besonderen Schmuck erhalten, dass es regelmäßige Schulungen von Führungskräften zu dem Thema gibt und dass eine firmeninterne Notfallmappe für Trauerfälle bei Mitarbeitern oder Todesfälle angelegt wird, die in Personalabteilung und im Intranet für alle zugänglich gemacht wird.

- Ein Kondolenzbuch am Arbeitsplatz des Verstorbenen auslegen oder ggf. eine eigene Trauerecke einrichten, wo ein Foto der Verstorbenen mit etwas Schmuck stehen kann.

- Einen Paten benennen, der sich um die Pflege und den Zustand der Trauerecke bzw. des Arbeitsplatzes kümmert.

- Sich mit Material zum Schmücken eines Arbeitsplatzes bevorraten (LED-Trauerkerzen, schwarzes Band, schwarze Bilderrahmen zum Aufstellen) und dieses Material an zentraler Stelle (Personalabteilung) hinterlegen, diese Information zugänglich machen, so dass alle Führungskräfte wissen, wo sie und wie sie an das Material kommen können.

- Die von der Firma aufgegebenen Traueranzeigen unbedingt individuell formulieren und sich nur auf wenige Standard-Textblöcke verlassen. Die in Oberhausen als Coach und Trauerbegleiterin arbeitende Christine Kempkes berichtete von einem Tag, als in einer Zeitung im Ruhrgebiet von einer Firma gleich zwei Todesanzeigen veröffentlicht wurden. Textlich identisch. Bis auf den Namen und den zu würdigenden Verstorbenen. Sowas geht natürlich nach hinten los. Noch besser, empfiehlt Kempkes, wäre es, die Anzeige mit den Angehörigen abzustimmen - und die private Anzeige hat immer Vorrang vor der Firmenanzeige.

- Auch im Intranet die Traueranzeige des Verstorbenen veröffentlichen, kombiniert mit der Möglichkeit, dort Kondolenz-Einträge zu hinterlassen - falls kein Intranet vorhanden, über einen öffentlichen Aushang der Traueranzeige nachdenken.

- Auch die Pensionäre und Aussteiger aus der Firma im Todesfall als integralen Bestandteil mit erwähnen, nicht nur, aber auch wenn es sich um vor kurzem aus der Firma ausgeschiedene Pensionäre handelt (so empfahl es die Fachfrau Annika Schlichting von der Trauerberatungsstelle Charaus Hamburg auf der Messe Leben und Tod 2017).

- Nicht nur eine firmeninterne Trauerfeier etablieren - etwa einmal im Jahr -, sondern diese auch aufzeichnen und, falls vorhanden, im Intranet übertragen oder später zeigen für alle, die nicht hingehen können. Die Aufzeichnung könnte außerdem als DVD an die Angehörigen als Geschenk der Firma übermittelt werden.

- Trauernden Mitarbeiten die Möglichkeit zum Rückzug geben, wenn die Gefühle sie übermannen, ggf. - in größeren Firmen - einen Ruheraum oder "Raum der Stille" einrichten und anbieten, der für solche Zwecke genutzt werden kann. Denn die Frage "Wie halte ich meine Gefühle unter Kontrolle" kann für Mitarbeiter bei Trauer eine besonders schwierige Frage sein. Da ist es gut, wenn sich nicht alleine das Klo als Rückzugsort anbietet.


- Regelungen treffen und schriftlich hinterlegen: ist es den Mitarbeitern erlaubt zur Beerdigung zu gehen (eines Kollegen, beispielsweise, oder eines Angehörigen eines Kollegen). Wird diese dennoch als Arbeitszeit gewertet und wenn ja, in welchem Fall? Wichtig ist hier: Klarheit und Transparenz. Genauso wichtig: Diese Infos nicht einfach nur irgendwo hinterlegen, sondern sie nochmal mitteilen, ansprechen, kommunizieren, wenn es soweit ist (hierfür die Führungskräfte auf regelmäßigen Schulungen sensibilisieren).

- Großer Knackpunkt: Ausräumen des Schreibtisches im Todesfall eines Mitarbeiters. Ganz wichtig hierbei: Klarheit und Transparenz. Anzukündigen, wann das geschehen wird und wer es machen wird, was mit den Dingen darin geschehen wird. Keine geheimnisvolle Nacht-und-Nebel-Aktion. Immer den guten alten Arbeitgeberspruch mitbedenken: Information breeds confidence (grob übersetzt: Informationen erzeugen Sicherheit).

- An den Jahrestag des Verstorbenen denken, auch dann ein Kärtchen an die Angehörigen schicken, am besten dies nach einem Erinnerungsimpuls durch die Personalabteilung von den ehemaligen Vorgesetzten eines verstorbenen Mitarbeiters erledigen lassen.

- Das Erstgespräch mit einem Trauernden, der zur Arbeit zurückkommt, nur unter vier Augen führen, dies als feste firmeninterne Regel zu hinterlegen. Ggf. danach ein Gespräch gemeinsam mit dem Team führen. Erst dann das Team und den Trauernden wieder zusammen arbeiten zu lassen. 

- Führungskräfte sensibilisieren: Wie können Trauernde am Arbeitsplatz Signale verabreden, ob sie gerade ansprechbar sind oder lieber nicht angesprochen werden sollen. Vor allem in Großraumbüros bieten sich hierfür beispielsweise Spielzeugampeln an, bei denen die Farbe gewechselt werden kann. Grünes Licht = ansprechbar, Rotes Licht = bitte nicht ansprechen. 

- Für Trauernde, die an den Arbeitsplatz zurückkehren, ggf. ein Arbeitszeitkonto einrichten, auch die Möglichkeit von Teilzeit oder Wiedereingliederungszeit anbieten, je nach Schwere und Intensität des Trauerfalls.

- Regelungen zu finden, die in sozialen Leitfäden hinterlegt sind: Dürfen Mitarbeiter einer Abteilung mit auf die Trauerfeier eines Kollegen gehen, wenn sie das wollen? Gilt das als Arbeitszeit?

- Das Thema Trauer in die Sozialen Leitfäden mit aufnehmen, falls vorhanden, Regelungen treffen über Abwesenheiten, Wiedereingliederungen, etc. (Die Firma Facebook beispielsweise gewährt mittlerweile bei Trauerfällen ihren Angestellten 20 Tage Abwesenheitszeit zum Trauern)

- Und natürlich, ein solcher Hinweis in eigener Sache muss mir an dieser Stelle erlaubt sein: Darüber nachdenken, externe Fachkräfte wie ausgebildete Trauerbegleiter zur Beratung und Begleitung in diese firmeninternen Prozesse mit dazuzuholen oder sie als Referenten für firmeninterne Workshops zu diesem Thema zu verpflichten - oder ggf. auch einzelne Mitarbeiter zu begleiten. 

- Eine Idee von Christine Kempkes: Firmen könnten Mitarbeitern anbieten, dass sie fünf Einheiten Trauerbegleitung übernehmen - dies könnte ebenfalls im Sozialen Leitfaden hinterlegt sein.



- Übrigens: Ab 2018 soll es möglich sein, sich auch wegen Trauer als Diagnose krankschreiben zu lassen, so sehen es Pläne der WHO vor. Auch zu diesem Thema findet sich schon mehr auf diesem Blog.


Material zum Schmücken des Arbeitsplatzes sollte zentral hinterlegt sein - LED-Kerzen sorgen für die Sicherheit, ein schlichtes schwarzes Band für würdevolles Zeichensetzen. Führungskräfte sollten wissen, wo das Material abgelegt ist und wie sie es sich besorgen können.   (Thomas-Achenbach-Foto)
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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier.

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Die Serie "Trauer in der Arbeitswelt/Trauer im Berufsleben", alle Folgen:


Hier geht es zum ersten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken.

Hier geht es zum zweiten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken

Hier geht es zum dritten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken.

Hier geht es zum vierten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken

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Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Vorgestellt - drei neue Bücher rund um Trauer und Verlust: Wenn die Eltern sterben, wenn Du Dir mit Schreiben hilfst, wenn Kollegen trauern

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Ja, es ist so schlimm, wie es sich anfühlt - und das darf auch einfach so sein. Warum das mit dem Loslassen kein guter Ratschlag ist...

Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)



Dienstag, 10. Oktober 2017

Warum ein Bauwagen bei Männertrauer hilfreich sein kann und wie eine Männersprechstunde funktioniert - Interview mit Martin Kreuels, Fachmann für Männertrauer

Osnabrück (eb) - Er war einer der ersten, die das Thema Männertrauer für sich besetzt haben. Er war unterwegs als Fotograf von frisch gestorbenen Menschen, um den Angehörigen ein Andenken zu ermöglichen, das im Trauerprozess hilfreich sein kann. Jetzt hat Martin Kreuels wieder etwas Neues im Angebot - und weil wir uns kennen, hatte er sich an mich gewandt und gefragt, ob ich darüber nicht berichten wollte. Ich hatte dann gesagt: Klar, finde ich interessant, am besten führen wir ein E-Mail-Interview durch....

So wie ich es bevorzuge, haben wir unseren kleinen Maildialog in zwei Durchgängen absolviert, so dass ich auch Nachfragen stellen konnte. Denn manches wollte ich einfach genauer wissen. Warum ein Bauwagen bei Männertrauer hilfreich sein kann, zum Beispiel. Oder was eine Männersprechstunde eigentlich alles beinhaltet... Aber lest selbst...


Ein Bauwagen als Treff für Trauergruppen - Martin Kreuels arbeitet gerade an der Inneneinrichtung.... (Kreuels-Foto)

Martin Kreuels, wie immer unermüdlich unterwegs zum Thema Männertrauer... Sie bieten jetzt Sprechstunden für Männer in Trauer an - und das im Krankenhausumfeld? Wo genau - und wie kam es dazu?

Martin Kreuels: Die Krankenhausseelsorgerin vom Borromäus-Hospital Leer hatte von mir einen Film über die Totenfotografie gesehen und erfreut festgestellt, dass ich quasi um die Ecke wohne. Wir haben einen Termin vereinbart und im folgenden Gespräch entstand die Idee mehr für die Männer im Krankenhaus zu tun, da die Seelsorge dort rein weiblich war. Als Nächstes haben wir für die Krankenhausmitarbeiter einen Vortrag von mir organisiert, um auf die Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern in Trauerphasen hinzuweisen. Danach war die Klinikleitung sofort einverstanden mit dem zusätzlichen Angebot.

Klingt spannend... Was ist das denn für ein Film, wo kann man den sehen?

Martin Kreuels: Der Film ist in der NDR-Mediathek zu sehen (bitte hier klicken). 

Wenn ich es richtig verstehe, gibt es auch ein ähnliches Angebot im Odenwald? Wieso gerade dort, wie kam das?

Martin Kreuels: Ich habe am Sternenkinderzentrum meine große Trauer- und Sterbebegleiterausbildung gemacht. Dadurch kam der Kontakt zu Helga Schmidtke zustande und damit auch zu den Sprechstunden.

Wie funktioniert denn das Angebot der Männersprechstunde - und wie ist es angenommen?


Trotz aller harten Themen, die er bearbeitet, ein immer recht fröhlicher Mensch: Martin Kreuels wie er lebt und lacht.... (Kreuels-Foto)

Martin Kreuels: Aktuell sind wir eigentlich in der Erprobungsphase. Das heißt, wir haben einen Termin (immer der 1. Mittwoch im Monat von 16-18 Uhr) angesetzt. Erprobungsphase deshalb, weil wir nicht einschätzen konnten, ob das Angebot tatsächlich angenommen wird. Ich bin mehr als überrascht, weil ich mittlerweile schon Termine vergeben muss. Das Angebot ist übrigens kostenlos.

Habe ich es richtig verstanden, dass sich eines der Angebote speziell an die Papas von Sternenkinder richtet? Ist das eine wichtige Zielgruppe, für die es zu wenig bis gar nichts gibt? 

Martin Kreuels: Nur für Sternenkinderväter ist unser Angebot nicht gedacht, sondern als Angebot für Männer in Krisensituationen. Das können also Männer sein, deren Frau erkrankt oder verstorben ist. Es können eigene Erkrankungen sein, die den Mann aus der Bahn werfen etc. und natürlich richten wir uns auch an Väter, die ein Kind verloren haben.

Wo ist der wesentliche Unterschied zwischen einer Männersprechstunde und einer allgemeinen Sprechstunde?

Martin Kreuels: Die Männersprechstunde wird speziell nur für Männer angeboten und darüberhinaus auch von einem Mann geleitet. Es geht in dieser Zeit darum ein offenes Ohr zu haben, ohne gleich einen therapeutischen Ansatz zu fahren. Der Austausch zwischen zwei Männern auf Augenhöhe ist wichtig. Das schließt ein, dass ich meine Erfahrungen einfliessen lassen kann und aus meinen Erfahrungen und meinen Wegen, die ich gewählt habe, ergeben sich neue Perspektiven, die für die Männer neu sein können. Es geht darum, eingefahrenes Denken durch neue Ideen aufzubrechen. Männer haben heute immer noch bedenken zu Therapeuten zu gehen und viele brauchen diesen Weg auch gar nicht. Ich bin quasi vorgeschaltet und habe damit nicht einen Arzt- oder Therapeutencharakter. Das hilft vielen Männern mein Angebot anzunehmen.

Und Sie fahren extra und selbst in den Odenwald, nur um so eine Sprechstunde anzubieten? Von Ostfriesland aus sind das ja nicht nur rund sechs Stunden Fahrt, sondern da sind Staus vorprogrammiert, egal ob ich jetzt die A3 oder die A45 fahre... Lohnt das?


Das Innere des Bauwagens für Männertrauergruppen, noch etwas karg, bald mit neuem Innenleben gefüllt. Sieht ja schonmal ganz gemütlich aus... (Kreuels-Foto)

Martin Kreuels: Finanziell nicht (grins). Aber mir ist wichtig diese Arbeit anzubieten. In Reinheim gehen wir jetzt schon auf 2 Tage, weil es so viele Männer gibt, die mit mir sprechen wollen.

Und wie (und wo) wird Ihre neue Ausbildung für Männertrauerbegleiter laufen? 

Martin Kreuels: Die neue Ausbildung wird bei mir in Bunde-Wymeer stattfinden. Ich habe dort einen für Männer passenden Bauwagen gekauft, umgebaut und so eingerichtet, das ich dort mit kleinen Gruppen arbeiten kann. Für die Ausbildung möchte ich eine Umgebung gestalten, die eben nicht weiblich geprägt ist mit Sitzkreis etc, sondern Dinge schaffen, die Männer ansprechen. Der Bauwagen steht jetzt seit ein paar Wochen bei mir und die Anfragen, die rein kommen, sind sehr spannend. Viele Männer, die meisten, die hier durchfahren, fragen nach und wollen mehr erfahren.

Was macht diese Ausbildung denn so speziell Männer-tauglich?

Martin Kreuels: Das sind ganz viele Aspekte. Angefangen damit, dass die Ausbildung nur für Männer ausgerichtet ist, also keine Frauen anwesend sein werden, über die Umgebung mit dem Bauwagen darin und typischer ostfriesischer Natur und Stille, sind die Ausbildungsinhalte auf Männer als Zielgruppe ausgerichtet. Dabei gehe ich auf viele Verhaltensweisen ein, die nur bei Männern zu beobachten sind und dort werden die Männer mit meinen Angeboten auch abgeholt. Nur als Stichworte möchte ich hier die Themen der Kommunikation, aber auch das Höhlenthema (Rückzug) nennen.

Ist denn ein Bauwagen für Männer so eine Art Rückzugshöhle? Und wie sieht es in dem Bauwagen aus?

Martin Kreuels: Der Bauwagen transportiert etwas anderes als den klassischen Stuhlkreis in einer Gemeinde. Damit will ich das überhaupt nicht abwerten, aber manchmal brauchen Männer Brücken, um ein Angebot anzunehmen. Die Brücke ist der Bauwagen, der gemütlich eingerichtet ist mit Teppichboden, Sitzecke etc. Es geht mir darum, das vorhandene Angebot zu erweitern und vielleicht Dinge mit einzubauen, die Elemente enthalten, die Männer eher ansprechen. Damit ist dann auch die Brücke dahin gemeint die Männer zu erreichen, die die bestehenden Angebote bisher nicht nutzen. Und ja, der Bauwagen ist auch eine Art Höhle, weil ich das Haus verlasse, um einen sicheren Ort aufzusuchen, der für andere in dem Augenblick, in dem ich ihn nutze, nicht erreichbar und/oder betretbar ist.

Sind Sie wegen des geplanten Seminars auch im Kontakt mit dem Bundesverband Trauerbegleitung, wird die Ausbildung auch ein solches Siegel bekommen?

Martin Kreuels: Da bin ich dran, ja.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Männertrauergruppe in der Region Osnabrück: Offene Gruppe, Einstieg jederzeit möglich - alle Infos über die Gruppe gibt es hier

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