Freitag, 7. Oktober 2016

Wer Sterbende begleitet hat, sollte die Begleitung der Angehörigen später anderen überlassen - ein Artikel für den Bundesverband Trauerbegleitung

Osnabrück - Als sowohl bloggendes wie auch im Hauptberuf als Redakteur arbeitendes Mitglied des Bundesverbandes Trauerbegleitung habe ich jetzt - in ehrenamtlicher Arbeit - einen Artikel recherchieren und schreiben dürfen, den sich der Bundesverband von mir gewünscht hat. 

Themen: Der Welthospiztag. Und Trauer. Hatte ich anfangs nicht ganz gewusst, wie sich diese beiden Gebiete am besten übereinander legen lassen, schälte sich im Laufe der Recherche immer deutlicher heraus, was das Thema des Textes sein wird - nämlich genau das, wonach ich in den Fragen gesucht hatte: Wieviel Gleichheiten gibt es in Hospiz- und Trauerkultur und wo liegen die Abgrenzungspunkte bzw. die Grenzlinien? Hier ist also der gesamte und ungekürzte Artikel, der vom Bundesverband als Presse-Aussendung auch an verschiedene Medien geschickt werden soll:


(Thomas-Achenbach-Foto)

Warum die Welt der Hospize und die Welt der Trauer miteinander verknüpft sein sollten - und wo die Grenzen liegen


Osnabrück/Troisdorf/Raesfeld-Erle (ta/bvt) - Mit der Hospizkultur ist auch die Trauerkultur in Deutschland ein großes Stück vorangekommen. Als am 8. Oktober 2016 (Samstag) mit zahlreichen auch in Deutschland stattfindenden Veranstaltungen (Lesungen, Musikaufführungen Gottesdiensten und mehr) der jährliche Welthospiz- und Palliativ-Care-Tag gefeiert wurde, durften sich auch professionelle Trauerbegleiter als integraler Bestandteil dieser Bewegung fühlen. 

Und doch ist es immens wichtig, die verschiedenen Bereiche wie Sterbebegleitung, Palliativ Care und eben Trauerbegleitung klar voneinander abzugrenzen und sogar mit verschiedenen Personen zu besetzen, wie die Alltagserlebnisse von erfahrenen Trauerbegleiterinnen zeigen. Der noch sehr frische Bundesverband Trauerbegleitung hat sich auf den Weg gemacht, die Professionalisierung in diesem Segment weiter voranzutreiben und zu begleiten.

Eine Sterbebegleitung, sagt die 56-jährige Uta Schmidt aus dem nordrhein-westfälischen Troisdorf, ist auf eine andere Art und Weise fordernd: „Wenn ich im Sterbeprozesss bin, weiß ich ja, da geht etwas zu Ende –  das kann neben allem Schmerz auch etwas Entlastendes haben“, sagt die Trauerbegleiterin und Supervisorin, die ihre Dienste im Krankenhaus anbietet: „Trauernde, die in die Beratung kommen und sehr bedürftig sind, weil sie von ihren Gefühlen überrannt werden und ihren Trauerprozess nicht verstehen, brauchen wesentlich mehr an Strukturierung“, hat sie oft erlebt.

Wie so viele anderen Menschen, die sich in Sachen Tod und Sterbn ihre ehrenamtlichen oder hauptamtlichen Aufgaben suchen, hat auch Uta Schmidt nicht nur ein Standbein, sondern mehrere. Nach einer mehrjährigen Arbeit als Koordinationskraft in einem Hospizverein war die Diplom-Theologin eine Zeitlang freiberuflich als ausgebildete Supervisorin und Trauerbegleiterin unterwegs. Heute bietet sie ihre Dienste als Trauerbegleiterin, aber auch als Begleiterin von Sterbeprozessen, im Krankenhaus an.


Uta Schmidt ist im Krankenhaus in Troisdorf tätig, wo sie Trauerbegleitung anbietet und Familien in Sterbepriozessen begleitet. Das sind aber nur zwei Standbeine von mehreren.  (Schmidt-Foto/Eingesandt/Mit Genehmigung)

Im Fokus hat sie dabei stets die Angehörigen: „Ich begleite trauernde Angehörige im Sterbeprozess des anderen – das macht einen wichtigen Unterschied“, sagt Schmidt. Und ergänzt: „Wer in der Sterbebegleitung tätig gewesen ist und dann in die Rolle der Trauerbegleitung für die Angehörigen wechselt, überschätzt sich schnell – weil Begleitende dann sehr rasch zum Familiensystem gehören und aus dieser Rolle nicht mehr herauskommen. Dann sind sie zu verwickelt.“

Eine Erfahrung, die die im Caritas-Hospizdienst für das Dekanat Borken tätige Koordinatorin Judith Kolschen  (49) aus Raesfeld-Erle nur unterstreichen kann: „Ich würde einen deutlichen Unterschied machen zwischen Sterbebegleitung und Trauerbegleitung. Wir setzen da auch tatsächlich verschiedene Personen ein“, sagt die ehemalige Krankenschwester, die heute die Koordination eines ambulanten Hospizdienstes für den Kreis Borken mitsteuert, sich dort um die Trauerbegleiterinnen kümmert und parallel als Trauerrednerin sowie als Trauerbegleiterin arbeitet.

Auch sie hat oft erlebt, dass die Begleiter schnell ins Familiensystem hineinwachsen: „Unsere Sterbebegleitungen im ambulanten Hospizdienst sind immer auch Angehörigenbegleitungen“, berichtet Kolschen. „Weil der Sterbende vielleicht schon auf dem Rückzug ist, nicht mehr so aufnahmefähig ist.“

Auch das Setting ist jeweils ein ganz anderes: Im Haus des Sterbenden findet die Sterbebegleitung statt, in einem externen Beratungszimmer die Trauerbegleitung. Dieser Unterschied hat sicher eine Wirkung auf die Begleitenden und die, die Begleitung suchen.

Das Thema der Trauer ist indes in beiden Fällen wichtig: „In der Sterbebegleitung hat man zwar oft auch schon mit Trauer zu tun, da kann man sich anschauen, welche Trauer zu dem Sterbenden gehört, der sich ja von alles und jedem verabschieden muss.“ Dieses gemeinsame Überlegen, welche Prozesse jetzt gut tun könnten, auch mit den Angehörigen, sei ganz wichtig, ergänzt Uta Schmidt: „Wenn Angehörige merken: Alles hat hier seinen Platz, es war traurig, aber stimmig, gehen sie anders in die Trauerprozesse als wenn jemand von Tod und Übergriffigkeit überrannt worden sind“.

„Es gibt ja auch die vorgezogene Trauer“, sagt dazu Judith Kolschen. „Wenn jemand jahrelang erkrankt war, zum Beispiel an Krebs oder Demenz, und Angehörige schon vorher stückweise den Verlust von Fähigkeiten betrauert haben, was wir als Begleiter mitbegleitet haben, macht der Verlust nicht mehr ganz so ohnmächtig wie bei einem ganz plötzlichen Todesfall“. Doch zurück in die Welt der Hospize.


Judith Kolschen aus Raesfeld-Erle bietet Trauerbegleitung sowie die Gestaltung von Trauerfeiern/Trauerreden an und arbeitet im ambulanten Hospizdienst als Koordinatorin.   (Kolschen-Foto/Eingesandt/mit Genehmigung)

Wenn Uta Schmidt als Ausbilderin unterwegs ist und beispielsweise Trauerbegleiter nach den neu definierten Qualitätsstandards des Bundesverbands ausbildet – was sie auch gelegentlich tut –, macht sie immer wie die Erfahrung, dass eine Vorerfahrung mit Hospizen oder Palliativstationen ganz hilfreich sein kann: „Wer aus der Hospizkultur kommt, ist für Trauerbegleitung oft schon gut vorgeprägt, weil die hilfreiche personenzentrierte Haltung und Kommunikation dort zur Kultur gehört und immer wieder trainiert wird“, betont sie. Menschen, die aus anderen Berufen stammten, müssten sich hier manchmal neu eindenken. 

„In den letzten Jahren haben sich die Hospizvereine sehr gut entwickelt und habe, jedenfalls hier im Raum Troisdorf, jetzt alle auch eigene Trauerangebote“, betont Uta Schmidt.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

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(Thomas-Achenbach-Foto)

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