Mittwoch, 22. Juni 2016

Wo ist der Unterschied zwischen Trauer und Trauma? Warum tut sich unsere Gesellschaft mit beidem so schwer? Ein Vortrag des Psychologen Thomas Weber brachte hilfreiche Erkenntnisse


Osnabrück/Bremen - „Trauma“. Das mag ein großes Wort sein. Eines, das Angst macht. Doch auf der Messe „Leben und Tod 2016“ in Bremen war es der Diplom-Psychologe Thomas Weber vom Zentrum für Trauma-und Konfliktmanagement aus Köln (ZTK), der den Zuhörern zu mehr Gelassenheit bei diesem Thema riet: „Jeder Mensch wird bis zum Ende seines Lebens traumatisiert werden“, sagte er. Denn das gehöre einfach dazu. Schon die Geburt sei ein als traumatisch erlebtes Ereginis. Aber anders als es oft geschildert werde: „Ein Trauma ist eine Verletzung, keine Erkrankung.“ Etwas also, das von außen herbeigeführt wird.

„Trauer und Trauma, das wird auch heute noch stark vermischt“. Doch das sei falsch, betonte Thomas Weber. Denn das bei Trauer vorherrschende Gefühl ist die Traurigkeit (Weiterlesen: "Wenn ein Vermisster nach zehn Jahren für tot erklärt wird - warum das für die Angehörigen so wichtig ist"). Während sich ein Trauma durch ein ganz anderes Gefühl bemerkbar macht: Nämlich durch Angst. Menschen in Trauer haben eine Sehnsucht und ein Verlangen nach den vermissten Personen – Menschen mit einem Trauma würden am liebsten vor allem davonlaufen. Aber Weber sieht in alledem auch ein Problem der Medien...



Wo ist der Unterschied zwischen Trauer und Trauma? Ein Psychologe sagt: Trauma ist eine Verletzung mit schweren Folgen, Trauer ist etwas anderes...  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

„Trauma ist schlecht vermittelt“, sagte Weber. „Mich als Psychologen ärgert das“. Der Prozess indes ist nach Webers Worten recht einfach zu beschreiben. Extreme Belastungen überfordern das Bewältigungssystem. Die Bereiche im Gehirn, in denen üblicherweise die Verarbeitung stattfindet, werden lahmgelegt. „Unser modernes Gehirn ist ausgeschaltet, weil der Körper ihm nicht mehr traut“, schilderte Weber. „Trauma findet nur hinten im Gehirn statt.“


"Vermeidung ist die erste Strategie, die der Körper hat"


Um es mit einem Vergleich aus der Computersprache zu sagen: Die Erfahrungen bleiben im Arbeitsspeicher stecken, können aber nicht sauber auf der Festplatte abgelegt werden, während das Betriebssystem permanent auf sie zugreifen möchte. Was dann geschieht, ist ein ängstliches Zurückschrecken. „Vermeidung ist die erste Strategie, die der Körper hat“, schilderte der Psychologe.


Den hilflosen Jungen durchschütteln bringt gar nix


Genau hier beginnen die Missverständnisse. Was Thomas Weber an einem eindrucksvollen Beispiel deutlich machte. Man stelle sich vor, wie ein 12-jähriger Junge bei der Beerdigung am Grab seines frisch gestorbenen Vaters einen ganz unbeteiligten Eindruck macht, so sehr, dass die anderen Angehörigen ihn schütteln und ihn anbrüllen: „Verstehst Du nicht? Dein Vater ist gestorben!“. Doch dem Jungen nützt das gar nichts. Er hat keine Vorerfahrungen mit solchen Themen, sein Bewältigungssystem sieht keine Möglichkeit, damit umzugehen. Es setzt einfach aus. Und da beginnt - ein Trauma.


Erlebnis plus Lebensgeschichte = Spannungsfeld


Wobei für die Psychologen Webers Worten zufolge noch zwei Unterscheidungen wichtig sind: Einerseits gibt es die „traumatische Reaktion“, andererseits den „traumatischen Prozess“. Beides kann lange dauern, von 6 Monaten bis hin zu einem Jahr. Und: „Das Trauma trifft immer auf eine Lebensgeschichte“, sagte Weber.


"Unsere Gesellschaft kann mit Trauma nicht umgehen"


Warum die Menschen bei diesem Thema allgemein so empfindlich sind, liegt für Thomas 
Weber ganz klar auf der Hand: „Es erinnert uns an unsere Verletzbarkeit“: Die Folge: „Unsere Gesellschaft kann mit Trauma nicht umgehen.“ Sofort bricht eine Urangst aus: "Wir halten das nicht aus". Schon bei größeren Unfällen, erst recht bei Katastrophen gebe es heutzutage keinen Beitrag in den Medien mehr, der nicht mit den Worten endete: „Die Opfer werden psychologisch betreut.“ Für wie falsch Weber das hält, machte er in einem recht eindeutigen Satz deutlich, den er einmal von einem Feuerwehrmann gehört hatte: „Früher durften sich die Leute auch scheiße fühlen, wenn ihnen Scheiße passiert ist.“

Typische Reaktionen bei einem Trauma sind laut Thomas Webers Vortrag auf der Messe "Leben und Tod" diese:


Bei einem Trauma gibt es kein Entkommen aus der erlebten Situation: Sie wird wieder und wieder durchlebt, als fände sie jedes Mal aufs Neue statt.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

- Dissoziatives Erleben. Das Geschehen wird wie in einem Film nacherlebt. Der Betroffene scheint nicht Teil dessen zu sein.

- Verschobene Zeitwahrnehmungen, kein Gefühl für die Zeit. 

- „Out Of Body Experience“, der Eindruck, als ob man seinen Körper von außen wahrnehme.

- Lückenhafte Erinnerungen an das Geschehen. Details werden als groß und wichtig wahrgenommen, der Zusammenhang fehlt. (Unterschied zur Trauer: Hier ist ein sehr bewusstes Erinnern jederzeit möglich).

- Übererregbarkeit und eingeschränktes Sicherheitsgefühl.

- Die Situation geht nie vorbei: Bei der Erinnerung an das Geschehen ist auch nach vielen Jahren oder Jahrzehten noch alles genauso da, wie es die Situation gebracht hat, auch das innere Gefühl (das weiß man von Zweiten-Weltkrieg-Zeitzeugen). 

- Anspannung des gesamten Körpersystem – als ob der Mensch permanent zu einem 100-Meter-Lauf starten wollte, so angespannt sind alle Muskeln. Ohne Entspannungsphasen. (Weber: „Die schlimmste Intervention jetzt ist: Mensch, entspann Dich doch mal!“).


Helfer müssen gut aufpassen:  Trauma ist echt ansteckend


Das Fatale daran: „Bei Trauma besteht die Gefahr der Ansteckung.“ Weber erinnerte sich an die Turnhalle in Winnenden, in die während des Amoklaufs alle aus der Schule geflohenen Menschen zusammengekommen waren. „Das klang wie auf einem Jahrmarkt, es war total laut“, sagte Weber. „Und das ist das, was sich auch auf die Helfer überträgt.“ Hier besteht die große Gefahr eines sogenannten Sekundärtraumas. Dann würden selbst professionelle Helfer zu einer Methode greifen, von der sie theoretisch eigentlich wissen, wie wenig zielführend sie ist: Der Opferbeschuldigung.


Wenn das Umfeld nicht verstehen will: "Du Trauerterrorist" 


„Die Betroffenen haben mit dem Ereignis lebenslänglich“, sagte Thomas Weber. Deswegen sei es für sie so schädlich und verletzend, wenn sie solche Sätze zu hören bekämen wie „Jetzt muss es aber auch mal wieder gut sein“ oder „Stell Dich nicht so an“. Einer der Väter, die in Winnenden ein Kind verloren hatten, wurde bereits als „Trauerterrorist“ beschimpft, schilderte Weber (Randbemerkung des Bloggers: dies gilt übrigens genauso für alle Trauernden ohne traumatische Hintergründe – selbst wenn sich ihr Trauerprozess über Jahre erstrecken sollte, sind Sätze wie „Jetzt muss es mal wieder gut sein“ immer verletzend - siehe auch den Beitrag "Zehn Tipps zum Umgang mit Trauernden" auf diesem Blog). Thomas Webers wichtigster Tipp für alle Begleiter, Helfer und Seelsorger: 



Wichtigster Tipp für alle Helfer: Auf die eigene Betroffenheit achten. Die Grenze dazu ist schnell überschritten.  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

„Achten Sie immer auf ihre eigene Betroffenheit. Die Anspannung gehört einfach dazu, ignorieren Sie das nicht!“. Mögen die Themen Trauer und Trauma auch negativ besetzt sein, ist bei alledem eines nicht aus den Augen zu verlieren, wie Thomas Weber am Ende seines Vortrags sagte. Nämlich was für eine Triebfeder für kreative Prozesse sie sein können: „Die meisten kulturellen Leistungen sind als Folge von Trauma oder Trauer entstanden“.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Denn Trauer will eben mitgeteilt werden - warum sich an einem Feinkostgeschäft in der Osnabrücker Altstadt die Trauerbekundungen sammeln

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert eigentlich Trauerbegleitung? Was bringt sie? Und wird das Ganze von den Krankenkassen bezahlt - hier klicken...

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog des Autors: Finde den Bullshit in Deinem Text - drei gute Linktipps für alle, die schreiben und mit Sprache arbeiten

Mittwoch, 15. Juni 2016

Was kostet eigentlich Trauerbegleitung? Wie finde ich Trauerbegleiter? Wie erkenne ich, ob das zu mir passt? Ausführliches Interview mit Christine Stockstrom, ehemalige Vorsitzende des Bundesverbands Trauerbegleitung (3/3)

 In einem Blogbeitrag vor wenigen Wochen haben wir hier die Frage besprochen, was Trauerbegleitung eigentlich alles bringen kann. Heute geht es um noch konkretere Fragen: Was kostet eigentlich Trauerbegleitung? Wie finde ich einen guten Trauerbegleiter? Wie kann ich erkennen, ob der Trauerbegleiter zu mir passt? Und ist es wichtig, dass er oder sie Mitglied im Bundesverband dafür ist (in dem der Autor dieser Zeilen übrigens - Transparenzhinweis - ebenfalls Mitglied ist)...:

Christine Stockstrom, Sie sind jetzt, wo wir dieses Interview führen - im Frühjahr 2016- die Vorsitzende des Bundesverbands Trauerbegleitung… Wenn ich auf der Suche bin nach einem guten Trauerbegleiter – muss der dann unbedingt ein Siegel des Bundesverbands Trauerbegleitung haben?

Christine Stockstrom:  Nein, das muss er nicht. Ich stehe dafür, dass es den Trauerbegleiter nicht als neues Berufsbild geben muss. Aber es braucht ein Wissen um Trauer, damit der Begleitende weiß, was die Menschen bewegt, was hilfreich ist und was schädlich ist und damit er lernt, mit seiner eigenen Hilflosigkeit umzugehen. Mir ist wichtig, dass sich jemand seiner Stärken und Schwächen in einer Begleitung bewusst ist.

Eigentlich schade… Für Trauernde wäre es so angenehm leicht gewesen: Einfach nach dem Siegel des Bundesverbands gucken, schon weiß ich, dass ich einen guten Trauerbegleiter vor mir habe. So bleibt die Suche ja eher kompliziert, oder?

Christine Stockstrom:  Na klar, da kann unser Angebot schon eine Vereinfachung sein, weil Trauernde zum Beispiel auf unserer Internetseite alle Trauerbegleiter finden, die eine Qualifizierung nach unseren Standards absolviert haben. Das bedeutet: Hier könnt Ihr davon ausgehen, dass Menschen einen längeren Prozess durchlaufen haben und dass sie wissen, was sie tun. Aber das heißt ja nicht, dass die anderen es nicht können oder nicht auch gut machen. Diesen Kehrschluss fände ich verkehrt.

Drehen wir es doch mal um: Woran könnte ich erkennen, dass mir ein Trauerbegleiter zuviel verspricht oder dass sein Angebot für mich nicht geeignet ist?

Christine Stockstrom, aufgenommen auf der Messe "Leben und Tod" im Frühjahr 2016 - im Interview verrät sie auch etwas zur Frage, warum sie eigentlich Trauerbegleiterin geworden ist.   (T.-Achenbach-Foto)

Christine Stockstrom:  Auf die Qualifizierungen zu gucken, kann ein hilfreicher erster Schritt sein. Und darauf zu achten, was mir angeboten wird. Wenn mir jemand sehr schnell Lösungen anbietet oder mich eher ver-tröstet als wirklich tröstet, ist das ein schlechtes Zeichen. Wenn ich das Gefühl habe, da will jemand, dass es mir schnell wieder gut geht.

Weil das der falsche Weg ist…? Klingt doch eigentlich ganz vielversprechend?

Christine Stockstrom:  Ja, aber Trauer will auch erstmal durchlebt sein.

Werden Ihnen denn schwarze Schafe auch gemeldet? Gibt es da Erfahrungswerte?

Christine Stockstrom:  Ja, durchaus. Wir bekommen gelegentlich mitgeteilt, dass Trauernden viel zu rasch Psychopharmaka verschrieben werden. Oder dass uns jemand Angebote mitteilt, die merkwürdig erscheinen, das kommt auch mal vor, allerdings relativ selten. Eher werden wir gefragt, ob wir jemanden empfehlen können.

Wie lange sollte eine gute Trauerbegleitung denn dauern?

Christine Stockstrom:  Das ist aus meiner Sicht immer sehr, sehr verschieden. Es gibt Menschen, die kommen nur zu einer einmaligen Trauerberatung, weil sie einen bestimmten Punkt klären wollen, sind aber in ihrem sozialen Umfeld ansonsten gut aufgehoben. Es gibt aber auch Menschen, die gerne über einen bestimmten Zeitraum wie ein Jahr eine regelmäßige Begleitung haben wollen. Oder es gibt Menschen, die das im Einzelgespräch brauchen und wieder andere, die die Solidarität von anderen Trauernden brauchen und sich in Gruppen wohler fühlen. Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe selbst schon alles gehabt: Vom einmaligen Treffen bis zu einer dreijährigen Begleitung.

Wenn es so viele Angebote gibt, ist es vermutlich auch schwer zu sagen: Eine gute Trauerbegleitung kostet ungefähr die Summe.... "X"?


Trauerbegleiter müssen auf sich aufmerksam machen. Der Autor dieser Zeilen nutzt dafür Flyer und Visitenkarten. Die Flyer sollten eigentlich kleiner werden als sie jetzt sind - das wird mit der zweiten Auflage geändert.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Christine Stockstrom:  Es ist nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal, ob eine Trauerbegleitung etwas kostet oder nicht. Auch danach kann man nicht gehen.

Aber wonach dann?

Christine Stockstrom:  Ich würde immer gucken: Hat jemand eine Qualifikation? Und: Stimmt die Chemie zwischen uns? Das ist ein ganz wichtiger Indikator.

Weil auch die Trauerbegleitung ein zwischenmenschlicher Prozess ist?

Christine Stockstrom:  Ja, genau. Ich glaube, dass es eine gute Haltung für einen Begleiter ist, mit aller Achtsamkeit in die Gespräche zu gehen und zu gucken: Was braucht dieser Mensch? Mein Fachwissen wird mir sicher auf der einen Seite nützen, aber gleichzeitig bin ich auch als Mensch gefragt.

Was Trauergruppen angeht, heißt es ja, es sollte ein wenig Zeit verstrichen sein zwischen dem Trauerfall und dem Eintritt in eine Gruppe. Nun haben Sie zuvor schon gesagt: Der Zeitpunkt, an dem Menschen eine Trauerbegleitung aufsuchen, verschiebt sich zurzeit nach vorne. Gilt also die erste Aussage noch?

Christine Stockstrom:  Früher hat man oft gesagt, etwa ein halbes Jahr oder drei Monate sollten vergangen sein, bevor man in eine Trauergruppe geht. Das war mal die reine Lehre. Das halte ich für verkehrt. Ich denke, man muss sich bei jedem Einzelnen fragen: Ist dieser Mensch gruppenfähig, kann er mit aushalten, dass dort andere Menschen auch ihre Trauer zeigen und kann er sich schon auf andere einlassen? Wenn das nicht der Fall ist, sollte es erstmal eine Einzelbegleitung sein, denn am Anfang ist das Bedürfnis ungeheuer groß, einfach zu reden, es loszuwerden.


(Aktualisierung im März 2017: Christine Stockstrom hatte sich aus eigenem Wunsch nicht mehr zur Kandidatin für den Vorsitz des Bundesverbands aufstellen lassen und ist seit März 2017 nicht mehr in dieser Funktion tätig, aber noch Mitglied des Verbands.)

Und hier geht es zum zweiten Teil des Interviews...

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Der Autor dieser Zeilen ist ebenfalls Mitglied im Bundesverband Trauerbegleitung und bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land sowie per E-Mail an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Denn Trauer will eben mitgeteilt werden - warum sich an einem Feinkostgeschäft in der Osnabrücker Altstadt die Trauerbekundungen sammeln

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert eigentlich Trauerbegleitung? Was bringt sie? Und wird das Ganze von den Krankenkassen bezahlt - hier klicken...

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)


Und außerdem im Kultur-Blog des Autors: Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt, was die Branche noch Spannendes plant und warum sie medial gesehen zwischen allen Stühlen sitzt - ein Interview rund um Rock'n'Roll & Oper im Kino

Dienstag, 7. Juni 2016

Wird Trauerbegleitung von den Krankenkassen bezahlt? Was bringt Trauerbegleitung überhaupt - und warum ist es nötig, dass es dafür einen Bundesverband gibt? Ausführliches Interview mit Christine Stockstrom, ehemalige Vorsitzende des Bundesverbands Trauerbegleitung (2/3)

In einem Blogbeitrag vor einiger Zeit haben wir hier die Frage behandelt, was Trauerbegleitung eigentlich alles bringen kann. Heute geht es um noch konkretere Fragen rund um das Thema: Wird Trauerbegleitung von den Krankenkassen bezahlt? Warum werden Menschen Trauerbegleiter, was motiviert sie dazu? Und warum muss es einen Bundesverband dafür geben (in dem der Autor dieser Zeilen übrigens - Transparenzhinweis - ebenfalls Mitglied ist)...:

Christine Stockstrom, Sie sind jetzt, wo wir dieses Interview führen - im Mai 2016 - die Vorsitzende des Bundesverbands Trauerbegleitung… ist das ein Vollzeitjob?

Christine Stockstrom: (lacht) Ja, manchmal schon. Nein, es ist natürlich ein Ehrenamt. Aber es nimmt viel, viel Zeit in Anspruch, gerade jetzt, weil wir als Verband in einer Umbruchsituation sind und weil es uns noch nicht so lange gibt.

Den Bundesverband Trauerbegleitung gibt es seit 2010, Sie sind also als Institution noch im Kleinkindalter…


Christine Stockstrom, aufgenommen auf der Messe "Leben und Tod" im Frühjahr 2016 - im Interview verrät sie auch etwas zur Frage, warum sie eigentlich Trauerbegleiterin geworden ist.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Christine Stockstrom: Nein, nicht ganz. Als Verband – also mit der Rechtsform des Verbandes – gibt es uns erst seit 2010, das stimmt. Seit 2002 gibt es aber schon eine Bundesarbeitsgemeinschaft zum Thema Trauerbegleitung. Darin haben sich viele Menschen versammelt, die Qualifizierungen und Ausbildungen zum Thema Trauerbegleitung anbieten. Wir haben damals festgestellt, dass es sehr, sehr viele Angebote gibt. Von einer qualifizierten mehrtägigen Ausbildung bis zu einem Crashkurs von nur einem Tag ist da alles dabei. Uns war wichtig, dass wir Mindeststandards definieren, die eine Qualifizierung unbedingt erfüllen sollte. Und diese Standards durchzusetzen, das geht nur als Verband. Wir verwenden übrigens bewusst allein den Ausdruck Qualifizierung, weil es uns nicht um eine Berufsausbildung geht.

Ein Verband, der eine Norm aufstellt – das klingt alles ziemlich trocken, oder?

Christine Stockstrom: Worum es uns geht, ist ein Schutz für die Trauernden, also eine Qualität in der Trauerbegleitung. Das war das Ziel. Und das ist wichtig. Dabei geht es bunt und lebendig und gar nicht trocken zu. Es geht auch nicht alleine um Normen. In diesen ersten fünf Jahren als Verband waren bislang nur Qualifizierende bei uns tätig. Seit 2014 sind wir auch geöffnet für die qualifizierten Trauerbegleiter, das heißt, es gibt jetzt auch eine zweite Säule neben den Qualifizierenden, nämlich die Begleitenden, die eine Große Basisqualifikation abgeschlossen haben.

Die sind automatisch Mitglied bei Ihnen – mit Abschluss der Qualifikation?

Christine Stockstrom: Nein, nicht automatisch. Sie können aber eine Mitgliedschaft beantragen. Aktuell sind die Trauerbegleiter dabei, sich selbst als Fachgruppe innerhalb des Bundesverbands eine Struktur zu geben. Außerdem werden die Begleiter, die bei uns Mitglied sind, von uns auch mit vertreten. Wir verhandeln zum Beispiel gerade mit den Krankenkassen.

Den Krankenkassen... Worum geht es dabei?


Noch ein zartes einsames Pflänzchen ist der frisch gegründete Bundesverband Trauerbegleitung - aber, wie es aussieht, in der ersten Aufblühphase?   (Fotografiert im Botanischen Garten Osnabrück, Thomas-Achenbach-Foto) 

Christine Stockstrom: Es geht darum, dass Trauer zwar keine Krankheit ist – aber krank machen kann. Und da kann Trauerbegleitung auch eine sinnvolle Form der Prävention sein, weil es inzwischen längst erwiesene Zusammenhänge gibt zwischen Trauer und zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfällen.

Das Ziel ist also, dass die Krankenkassen für die Trauerbegleitung bezahlen?

Christine Stockstrom: Dass zumindest ein Stück davon refinanzierbar wird, darum geht es derzeit.

Und wie weit sind Sie da?

Christine Stockstrom: Wir haben einzelne Kurse, die uns Trauerbegleiter dafür empfohlen haben, bereits als Präventionsmaßnahme bei den Krankenkassen durchsetzen können. Aber wir wollen gerne das Verfahren vereinfachen und wir wollen gerne, dass Trauerbegleitung auch nur dann refinanzierbar ist von den Krankenkassen, wenn sie auch von Menschen mit einer entsprechenden Qualifikation angeboten wird.

Weil Sie sich als Bundesverband Trauerbegleitung zusammengetan haben, verfügen 
Sie jetzt also über eine Stimme, die auch gehört wird?

Christine Stockstrom: Ja, absolut. Wir haben uns in den vergangenen eineinhalb Jahren mitgliedermäßig verdreifacht und sind ständig am Wachsen, wir haben diese neue Gruppe der Begleiter mit dabei, wir werden in der Öffentlichkeit viel stärker wahrgenommen…

Was macht denn Christine Stockstrom, wenn Sie einmal nicht im Fast-Vollzeit-Ehrenamt der Bundesvorsitzenden tätig ist?

Christine Stockstrom: (lacht) Ich bin vom Grundberuf Diakonin, arbeite aber seit sechs Jahren als Freiberuflerin in Sachen Supervision und Trauerbegleitung. Ich qualifiziere in Trauerbegleitung. Ich biete Erwachsenen-Fortbildungen an. Nebenbei bin ich noch Mitglied einer riesengroßen Familie  – und ein Familienmensch.

Auch das kann ja ein Vollzeitjob sein…

Christine Stockstrom: (lacht) Richtig! Das Leben ist bunt und vielfältig…

Was hat Sie denn seinerzeit motiviert, Trauerbegleiterin zu werden? Sie haben das ja auch einmal gelernt?

Christine Stockstrom: Ich habe acht Geschwister, aber ich hätte auch noch einen älteren Bruder haben sollen, der schon gestorben war, als ich geboren wurde. Der Tod war also ein Thema in unserer Familie. Ich war  dann in der Kirchengemeinde sehr aktiv und habe auch dort Tod und Sterben kennengelernt, habe im Studium dann persönlich große Hilflosigkeiten erlebt, als mein Vermieter plötzlich umgekippt ist. Und dann habe ich gedacht: So, jetzt finde ich mal das Patentrezept… (lacht). Ich bin dann über einige Umwege zur Hospizarbeit gekommen… Und da habe ich gedacht: Ich muss auch was für die Angehörigen tun und habe eine Trauerbegleiterausbildung bei Ruthmarijke Smeding gemacht.

Wenn man sich so umhört, bei angehenden Trauerbegleitern oder bei anderen Menschen, die in diesem Umfeld arbeiten, dann stößt man eigentlich fast immer auf eine persönliche Geschichte, so wie bei Ihnen. Das führt offenbar oft dazu, Trauerbegleiter zu werden.

Christine Stockstrom: Ich glaube, dass das bei vielen eine hohe Motivation war, vielleicht auch, weil sie selbst viel Unterstützung erfahren durften – oder eben eine solche vermisst haben. Eine andere Motivation, die ich sehr deutlich bei unseren Mitgliedern wahrnehme, ist, dass sie in Berufen arbeiten, wo sie in Kontakt sind mit Trauernden.

Auch dieser Faktor – die persönliche Betroffenheit – ist ja in den Standards einer Qualifizierung des Bundesverbands Trauerbegleitung mitberücksichtigt.

Christine Stockstrom: Genau. Das ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Es ist wichtig, um seine eigenen Erfahrungen zu wissen und spüren zu können, wann man zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, um andere zu begleiten. Wer beispielsweise gerade selbst in einer Trauerphase ist, kann oft nicht so gut andere Trauernde begleiten.

Was gehört noch zu den Standards?

Zum einen die Fachkompetenz, das Wissen um Trauer und ihre Vorgänge. Dazu aber auch die Sozialkompetenz: Kann ich gut mit anderen Menschen umgehen? Die Methodenkompetenz spielt auch eine Rolle – das alles im Zusammenspiel ist wichtig. Es geht um die Frage: Bin ich wirklich handlungsfähig im Umgang mit Trauer und Leid?

Das Thema Trauer… - ist das zurzeit auch ein Modethema?

Christine Stockstrom: Ja, eindeutig. Einerseits können wir uns als Gesellschaft jetzt diesen Luxus leisten zu trauern. In früheren Zeiten ging es oft nur ums nackte Übeleben. Und es ist modern – so erlebe ich es auch bei Anfragen für Trauerbegleitung – sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Es ist „in“.

„In?“ Ein Trend?

Christine Stockstrom: Einerseits ja – und andererseits ist es ein Tabu, wenn ich es auf mich selbst anwende. Ich will mich mit diesem Thema beschäftigen, aber der Gedanke, dass es dabei auch um meine Angehörigen und um mich gehen könnte, wird oft nicht zugelassen...


(Aktualisierung im März 2017: Christine Stockstrom hatte sich aus eigenem Wunsch nicht mehr zur Kandidatin für den Vorsitz des Bundesverbands aufstellen lassen und ist seit März 2017 nicht mehr in dieser Funktion tätig, aber noch Mitglied des Verbands.) 

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Der Autor dieser Zeilen ist ebenfalls Mitglied im Bundesverband Trauerbegleitung und bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land sowie per E-Mail an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier.  

Ebenfalls auf diesem Blog: Denn Trauer will eben mitgeteilt werden - warum sich an einem Feinkostgeschäft in der Osnabrücker Altstadt die Trauerbekundungen sammeln

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert eigentlich Trauerbegleitung? Was bringt sie? Und wird das Ganze von den Krankenkassen bezahlt - hier klicken...

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog des Autors: Rusalka, Nabucco, La Traviata und Romeo & Julia - das werden die kommenden vier Kino-Höhepunkte live aus der MET aus New York