Sonntag, 18. Dezember 2016

Deutliche Zeichen für eine sich wandelnde Trauerkultur: Warum Unfallkreuze und selbst aufgestellte Wegekreuze eine wichtige Funktion für den Trauerprozess spielen - über wilde Trauerstätten, Teil 2 (Beispiel: Unfallstellen im Osnabrücker Land)

Osnabrück – Der Ort, an dem jemand gestorben ist, spielt für die Hinterbliebenen eine enorm wichtige Rolle. Dies gilt umso mehr für Unfallopfer. Dorthin zu gehen, wo es geschah, ist für die Angehörigen oft ein wichtiges Ritual. Selbst aufgestellte Wegekreuze und wilde Trauerstätten an den Straßenrändern machen das Ereignis für alle sichtbar, auch wenn die Scherben und Splitter längst weggeräumt sind. Diese wilden Trauerstätten sind ein soziologisch und gesellschaftlich hochinteressantes Phänomen – über das es indes wenig an Dokumentations- oder Fosrschungsarbeit gibt. Dabei wäre das tatsächlich mal ein gutes Thema.

Denn diese Unfallkreuze sind für sich betrachtet eine ganz neue Form von Symbol, so hat es die Soziologin Christine Aka formuliert. „Das Kreuz“, schreibt sie; „ist individuell umgedeutet“ – als „überkonfessionell verwendetes Todessymbol“. Weniger christlich zu verstehen als vielmehr als Hinweis darauf, dass hier, an dieser Stelle, der Tod stattgefunden hat – und tatsächlich gibt es kaum eine Unfallstelle ohne Kreuz, wie eine immer wieder aktualisierte Ausstellung das Landkreises Osnabrück zeigt, über die ich kürzlich geschrieben habe


Der Landkreis Osnabrück hat die Ausstellung "Straßenkreuze - gegen das Vergessen" im Programm, die seit zehn Jahren laufend aktualisiert wird. Die eindrucksvollen Fotos zeigen die Wegekreuze aus der Region.   (M.Münch-Landkreis-Osnabrück-Foto)

Die inzwischen in Münster lehrende Volkskundlerin hat zwischen 2000 und 2003 zum Thema Unfallkreuze geforscht und eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Buch zum Thema veröffentlicht („Unfallkreuze – Trauerorte am Straßenrand“ erschien im Waxmann-Verlag), außerdem hat sie einen bemerkenswerten und sehr klugen Zeitschriftenbeitrag geschrieben, aus dem hier zitiert werden wird (Zeitschrift: „Alltag im Rheinland“, herausgegeben vom Landschaftsverband Rheinland, 2010)


So ein Tod bringt "dramatische Anforderungen an die Psyche" 


„Gerade der gewaltsame Tod führt zu dramatischen Anforderungen an die Psyche des einzelnen Trauernden. Individuelle Psychologie, also Gefühle, und gesamtkulturell interpretierbare Phänomene gehen in der Trauer eine komplexe Verbindung ein,“ schreibt Aka in diesem Text. Aber nicht nur im Straßenverkehr, auch an anderen Stellen lassen sich immer mal wieder wilde Trauerstätten außerhalb der Friedhöfe finden – beispielsweise in der Osnabrücker Innenstadt. Und damit wird dieses Phänomen besonders interessant.


Auf 20 Bildtafeln werden in der Ausstellung "Straßenkreuze - gegen das Vergessen" die Unfallstellen vom Landkreis Osnabrück gezeigt - hier fotografiert in den Berufsbildenden Schulen Melle.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

Denn es zeigen sich darin neue Formen von Trauerkultur. Das sieht auch Christine Aka so: „Unbestreitbar zeigen die heutigen Unfallkreuze ein Bedürfnis, vielleicht eine Sehnsucht nach neuen Umgangsformen mit Trauer. Solche Trauerhandlungen werden gerne als neue Trauerrituale bezeichnet“. Was sich hier zeigt, ist nach Akas Worten die Folge von zweierlei Entwicklungen: „Der Umgang mit dem Tod ist heute ein individuelles Problem, da es keine konkreten Verhaltensmuster mehr gibt, die einem helfen, „das Richtige zu tun“. Daher würden diese wilden Trauerstätten auch zu einem „Hinweis auf Schmerzzonen, für die kaum eine andere Ausdrucksformen zur Verfügung stehen.“


"Personen auf der Fahrbahn" - unterwegs zur Todesbewältigung?


Diese klugen Beobachtungen machen verstehbar, warum Trauernde gerne an diese Orte zurückkehren, an denen, salopp gesagt, „es geschehen ist.“ Ich bin selbst einmal in einer journalistische Recherche der These nachgegangen, dass die so oft im Verkehrsfunk gehörte Meldung von „Personen auf der Fahrbahn“ in Wahrheit auf Trauernde zurückzuführen ist, die einen Unfallort aufsuchen. Eine These, von der ich nach wie vor überzeugt bin – die ich allerdings derzeit nicht nachweisen kann, weil weder Polizei noch andere Trauerbegleiter noch Seelsorger mir diese Ahnung bestätigen konnten, geschweige denn sie mit Zahlen oder Fakten untermauern konnten. Also bleibt es eine gefühlte Spur, der ich zwar weiter nachgehen werde, für die ich aber andere Aufspürmittel finden muss. Aber zurück zur Wissenschaft.

Ein bis drei Schüler pro Schuljahr werden an den BBS Melle Opfer von Verkehrsunfällen. Dieses Foto zeigt (von links) den Ausstellungs-Macher Manfred Motzek vom Landkreis Osnabrück sowie Edda Kröger, Diplom-Sozialpädagogin an der BBS Melle und den stellvertretenden Schulleiter Claus Dötzer.   (Thomas-Achenbach-Foto)

Christine Aka schreibt in ihrem klugen Text weiter: „Mir scheint es dabei um eine Art therapeutischer Handlungen zu gehen.“ Und an dieser Stelle wird es besonders interessant, weil sich in den klugen Beobachtungen der Wissenschaftlerin vieles finden lässt, was Trauernde als hilfreich beschreiben. Also nicht allein das Aufsuchen eines Trauerortes, sondern beispielsweise das Gefühl, dem Verstorbenen dort besonders nahe sein zu können. Das gilt für den Besuch am Grab genauso wie für den Besuch der Totenstätte.


Dort sein können, wo die letzten Sekunden stattgefunden haben


Das bestätigen auch Akas Beobachtungen: „Der Ort hat damit fast die Funktion eines mythischen Platzes, an dem dem Verstorbenen real nahe zu kommen meint, näher als beispielsweise auf dem Friedhof, an seinem Grab. Denn an der Stelle des Unfalls erscheinen die letzten Momente eines Lebens den Hinterbliebenen fast konserviert, im Raum anwesend.“ Der Unfallort sei damit auch „ein Ort einer merkwürdigen unspezifischen Transzendzenzgläubigkeit“, die aber mit katholischen Vorstellungen wenig gemein habe.


Klassische Form von Todesbewältigung - inklusive Transzendenz


Denn: „Die unwiderruflich Abwesenden werden imaginär präsent gemacht, sie werden beschenkt, angesprochen, in das Leben integriert“, formuliert es die Wissenschaftlerin: „Hier findet auf allen Ebenen ein symbolischer Austausch zwischen den Lebenden und den Toten statt, eine klassische Form von Todesbewältigung und für jede Art von Umgang mit Transzendenz grundlegend.“ Somit würden diese wilden Trauerstätten die Betrachter auch anregen, über aktuelle Formen des Redens über Trauer und des Zeigens von Trauer nachzudenken. Oder anders formuliert..:


Eine Wegekreuz an einer Unfallstelle in Melle-Neuenkirchen, wo im Juli 2012 ein tragischer Unfall geschah - auch dieses Trauerkreuz findet sich in der Ausstellung über die Unfallstellen des Landkreises Osnabrück.  (M.Münch-/Landkreis-Osnabrück-Foto)


Der Sinn der Trauerstätten ist die Sinnsuche


„Als Indiz für öffentliche Trauer regen Unfallkreuze damit zum Nachdenken über heutige Formen von sinnstiftenden Ritualen und individueller Spiritualität an“, heißt es auf dem Klappentext des zu der Forschungsarbeit gehörenden Buches aus dem Waxmann-Verlag. Oder wie Christine Aka es so in ihrem Zeitschriftentext schreibt: „In einer neuen Art kombiniert, haben diese Bedeutungsaktualisierungen gerade ihren Sinn darin, nach Sinn zu suchen“.

Mehr zum Thema auf noz.de: Gedenkstätten an Unfalllorten

Mehr zum Thema auf diesem Blog: Warum sich an einem Feinkostgeschäft in der Osnabrücker Altstadt die Trauerbekundungen sammeln - wilde Trauerstätten, Teil 1


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

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Sonntag, 11. Dezember 2016

Es hilft, anderen Menschen die eigene Geschichte zu erzählen – zum Beispiel, wenn sich der Vater suizidiert hat… - Wie ein neuer Youtube-Kanal mit Promi-Unterstützung die Themen Suizid und Depression und Trauer geschickt in die Öffentlichkeit holt

Osnabrück/Berlin. Als ihr Vater sich suizidieren wollte - was er schließlich auch tat -, hat sich die Schauspielerin Nova Meierhenrich die allergrößten Vorwürfe gemacht. "Bin ich 'ne schlechte Tochter – ich muss das doch hinkriegen, dass der hierbleiben will", waren ihre Gedanken, wie sie jetzt auf Youtube schildert. Und als es dann geschah, dachte sie: "Man hat versagt, auf ganzer Linie." Ein gutes Beispiel dafür, wie erdrückend, aber auch wie normal die Schuldkomplexe sein können, die die Hinterbliebenen beim Suizid eines Angehörigen erleiden. Die Darstellerin und Moderatorin ist bei einem bemerkenswerten neuen TV-Format zu erleben, das ausschließlich über Youtube erreichbar ist und das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Themen Depressionen und Suizid zu enttabuisieren. Die gewählten Zitate stammen aus diesem Format.

Der erste Schritt, seine Gefühle zu bearbeiten, ist immer: Darüber reden, reden, reden. Darin sind sich Nova Meierhenrich und der Moderator Markus Kavka, ein bekannter Musikjournalist der TV-Sender ZDF Kultur (leider eingestellt) und MTV (leider noch nicht), ganz einig, als sie zusammen an der Theke der "Kitty Cheng Bar" sitzen und reden. Das Format heißt "Bar Talk". Ich habe vor kurzem bereits in meinem Kulturblog über diesen neuen Youtube-Kanal berichtet, bin aber bei weiterem Hinhören und Hinsehen darauf gestoßen, dass sich darin auch viel über das Thema Trauer lernen lässt. Deswegen soll das heute und hier den Schwerpunkt bilden. 


Zwei, die man kennen könnte, reden beim "Bar Talk" über die großen Themen des Lebens: Nova Meierhenrich und Markus Kavka.   (Freunde-fürs-Leben-Pressefoto)

Denn es ist durchaus nicht so, dass das Thema des Vaters in der Familie der Schauspielerin ausschließlich mit Schwermut einhergeht: "Wir lachen viel in der Familie, wenn wir an meinen Vater denken, wir erinnern uns an die schönen Dinge, und ich glaube, das ist ein guter Weg, damit umzugehen, sich an die schönen Dinge zu erinnern", schildert sie. Allerdings war es auch ein langer Weg dorthin - und noch immer tauchen gelegentlich Schuldgefühle auf. So schildert es die Darstellerin auf "Freunde fürs Leben TV", dem Webkanal, der den "Bar Talk" produziert. 


Jugendliche dort abholen, wo sie sich tummeln


Hintergrund: Das Format will all jenen Menschen Mut machen, die ebenfalls leiden. Vielleicht sogar dabei helfen, Suizide zu verhindern. Hinter dem Projekt steckt der gemeinnützige Verein "Freunde fürs Leben", der Jugendliche und junge Erwachsene über die Themen Depression und Suizid aufklären und eben dort abholen möchte, wo sie sich tummeln: In den sozialen Netzwerken und auf Youtube. Die Zusammenarbeit mit Teenager-affinen Prominenten soll den positiven Effekt auf junge Leute verstärken, schreibt der Verein in einer Pressemitteilung. 


Erzählen dürfen, aber ganz ohne Druck


Lange hatte Nova Meierhenrich die Geschichte um den Tod ihres Vaters als ein rein privates Thema behandelt, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sein sollte - bis die Kollegen der Boulevardpresse in einer Sag-uns-was-oder-wir-drucken-es-ohne-Dich-"Recherche" einige Aussagen von ihr dazu, nun ja,... einforderten. Erst jetzt und erst dem Format "Freunde fürs Leben" gegenüber möchte die Darstellerin ganz offen über alles reden, weil sie an das Projekt "Freunde fürs Leben" und seine Ziele glaube, wie sie sagt.


Schuld und Selbstzweifel - ein Gefühlsstrudel


Dass sich zu den Schuldgefühlen auch eine große Portion Selbstzweifel mischen kann, haben die Mitglieder der Osanbrücker Selbsthilfegruppe des bundesweit tätigen Vereins "AGUS" (Angehörige um Suizid) dem Autor dieser Zeilen einmal bei einer Recherche geschildert. Das Gefühl, selbst nichts wert zu sein, ist offenbar keine Seltenheit. Ebenfalls wichtig: Dass nicht von einem "Selbstmord" gesprochen wird. Denn wer einen Menschen einen Mörder nennt, macht ihn zu einem Verbrecher. Das ist aber für Angehörige eines Menschen, der sich suizidiert hat, nur schwer zu ertragen. 


Wichtig ist das Reden darüber


Allen negativen Erfahrungen mit der Presse zum Trotz hat Nova Meierhenrich auch etwas Positives erleben können: Kaum war sie in der Öffentlichkeit als Hinterbliebene eines Menschen bekannt, der sich suizdiert hatte, bekam sie tausende von Mails. Von Menschen, denen es ähnlich ging, die ihre Geschichte erzählen wollten, die ihre Offenheit schätzten. Das Bedürfnis darüber zu reden ist groß. Und darüber reden ist immer der erste Schritt. So sagen es ja auch Nova Meierhenrich und Markus Kavka im "Bar Talk". 

Internetlink: Der Youtube-Sender "Freunde fürs Leben TV" ist hier zu erleben.

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

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Zwei MTV-Menschen reden über Ängste: Lana Wimar flüchtete aus Aufghanistan, Markus Kavka ist als Musikjournalist auch mal bei Schwermetallern unterwegs.   (Freunde-fürs-Leben-Pressefoto) 

Sonntag, 4. Dezember 2016

Ein Licht für alle, die viel zu früh von dieser Welt gegangen sind, geht einmal um die Welt - so funktioniert das World Wide Candle Lighting für gestorbene Kinder und verwaiste Eltern (immer am zweiten Sonntag im Dezember - in 2017 also am 10. 12.)

Osnabrück - Oft sind es die simpelsten Gesten, die uns tief berühren. Bei Trauer ist es das Anzünden einer Kerze. Als ebenso simples wie eindrucksvolles Symbol dafür, dass das Licht des Menschen, der von dieser Welt gehen musste, noch immer in einem leuchtet. Diesen Effekt macht sich eine berührende Aktion zunutze, die immer in der Vorweihnachtszeit stattfindet, einer für Trauernde ganz besonders schwierigen Zeit. Denn für alle Eltern, die ein Kind verlieren mussten, gibt es immer am 2. Sonntag im Dezember das "World Wide Candle Lighting" (in 2017 am 10. 12.). 

Weltweit werden Kerzen in die Fenster gestellt, um der verstorbenen Kinder zu gedenken - aber immer um 19 Uhr der jeweiligen Landeszeit, von Kontinent zu Kontinent. So zieht sich innerhalb von 24 Stunden ein Lichterband um die ganze Welt - und das leuchtet für all die Kinder, die mit ihrem Leben (wie kurz es auch gewesen sein mag) einmal die Welt erhellt haben. Und obwohl wir in unserem Hause mit dem Glück gesegnet sind, als nicht verwaiste Eltern ein Kind aufziehen zu können, wird auch bei uns eine Solidaritätskerze im Fenster leuchten für alle Eltern, denen es nicht mehr so geht. Denn ein solcher Tag erinnert uns wieder einmal daran, wie wenig selbstverständlich alles ist, was wir als vermeintlich normal hinnehmen - dass wir morgens aufstehen und atmen, beispielsweise. 


Leuchtet am Sonntag, 11. 12. 2016, aus Solidarität aus meinem Bürofenster heraus und wird dies sicher auch am 10. 12. 2017 tun: Eine Kerze als Bestandteil des weltweiten Lichtbands am "World Wide Candle Lighting".   (Thomas-Achenbach-Foto)

Eine Gedenkaktion für alle gestorbenen Kinder


Übrigens ist es an diesem Trauertag ganz egal, wie alt das Kind gewesen ist und wann es oder wie es gestorben ist. Denn der Gedenktag wurde von den "Compassionate Friends" ins Leben gerufen, einer aus den USA stammenden Vereinigung von Eltern, die zu Waisen werden mussten. In Deutschland entsteht -  auch wegen vieler an diesem Tag stattfindenden Aktionen in Kliniken und Geburtshäusern - gelegentlich der Eindruck, das "World Wide Candle Lighting" sei vor allem für Sternenkinder, also still geborene Kinder, eingerichtet worden (und selbstverständlich sind auch all diese Kinder integraler und sicherlich besonders schmerzvoller Bestandteil der Gedenktag), aber die Aktion richtet sich grundsätzlich an alle verwaisten Eltern. Um Kinder zu trauern, so formulierte es der Bayerische Rundfunk in einem Beitrag, sei wie "eine Amputation des Herzens." Und Eltern bleiben immer Eltern, ganz egal, ob das Kind 21 Monate oder 21 Jahre alt ist. 


Ein jährlich wiederkehrendes Charity-Projekt zugunsten aller trauernden Eltern, die ein Kind verloren haben, ist die "Aktion Lichtpunkt".  (Thomas-Achenbach-Foto)

"Die Hoffnung, dass das Leben der Angehörigen nicht dunkel bleibt"


Besonders schön ist, was der Bundesverband Verwaister Eltern auf seiner Website zum Aktionstag schreibt: "Das Licht steht auch für die Hoffnung, daß die Trauer das Leben der Angehörigen nicht für immer dunkel bleiben läßt. Das Licht schlägt Brücken von einem betroffenen Menschen zum anderen, von einer Familie zur anderen, von einem Haus zum anderen, von einer Stadt zur anderen, von einem Land zum anderen. Es versichert Betroffene der Solidarität untereinander. Es wärmt ein wenig das kalt gewordene Leben und wird sich ausbreiten, wie es ein erster Sonnenstrahl am Morgen tut." Es sind diese Zeilen, die mich ermutigt haben, auch eine Solidaritätskerze in mein Fenster zu stellen.


Ein Lichtpunkt zum Tragen an der Kleidung


Der Gedenktag ist auch der Abschlusstag einer in Deutschland parallel stattfindenden Aktion, die die Künstlerin Stefanie Oeft-Geffarth ins Leben gerufen hat - die Aktion "Lichtpunkt". Dafür hat sie eine weiße Version ihrer eigentlich in schwarz gehaltenen Trauernadel entworfen, also einen kleinen weißen Punkt, der als Schmuck getragen werden kann. Das kleine Schmuckstück, das an Blazer oder Sakko oder der Bluse geheftet werden kann, soll eine moderne Interpretation dessen sein, was als „Trauerflor“ bis in die 70er Jahre hinein gang und gäbe war: Wer in Trauer war, der zeigte das auch. In der weißen Version wird daraus der "Lichtpunkt", der die Idee des "World Wide Candlelightings" weiter transportiert. Immer ab dem 1. 11. und bis Mitte Dezember erhältlich, geht die Aktion 2016 bereits in ihr fünftes Jahr. 


....und so sieht so ein Lichtpunkt aus. Jeder gekaufte Erinnerungspunkt kann online einem bestimmten Andenken gewidmet werden.   (Thomas-Achenbach-Foto)


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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert bitte ein "Sterbestammtisch" - und was ist das eigentlich genau?

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Sonntag, 27. November 2016

Da ist sie wieder, diese grässliche Zeit..... - Trauer in der Adventszeit und Weihnachtszeit, wie sich diese Zeit überstehen lässt - Versuch einer Ermutigung in der Adventszeit (fünf kleine Tipps für Trauernde)

Osnabrück - Vom Licht, das in die Welt hineinleuchtet, ist in der Adventszeit oft die Rede. Nicht allein in der Kirche. Und tatsächlich leuchtet es ja allerorten. Wer einen Verlust erlitten hat und in Trauer ist, für den ist diese Zeit indes besonders schwer zu ertragen - auch noch Jahre nach dem Ereignis. Da leuchtet nichts, da wird es schwarz im Herz. Hier ist der Versuch einer Ermutigung für Menschen in Trauer inklusive einiger kleiner Gedankenanregungen, wie Betroffene eventuell besser durch die Weihnachtszeit kommen könnten.

1.) Das Licht uminterpretieren: So wie die Aktion des "World Wide Candle Lighting" - einer Traueraktion für verwaiste Eltern, die sehr bewusst mitten in der Adventszeit stattfindet - einen Leuchtpunkt zum Gedenken an verstorbene Kinder setzt, lässt sich auch das jetzt überall strahlende Licht neu interpretieren, nämlich als das Licht des oder der Verstorbenen, das immer noch leuchtet, also im Inneren, in uns selbst. Wer sich daheim eine Kerze anzündet, mag darin ein Symbol für dieses Leuchten sehen können - und weniger eine stimmungsvolle oder festliche Dekoration zur adventlichen Besinnung.


Hilfe, muss das sein? Für Trauernde ist die Vorweihnachtszeit oft keine besonders schöne Zeit. All das Leuchten und freudige Erwarten um einen herum kann etwas Überforderndes haben.   (Thomas-Achenbach-Foto) 

2.) Versuchen, da durchzugehen und es auszuhalten: Manchmal muss das einfach reichen. Jeden durchlebten Tag als einen Erfolg betrachten, auch, wenn es sicher nicht einfach ist. Klingt schwach, ist aber viel wert. Denn das berichten Trauernde oftmals in dieser Zeit: Dass es manchmal schwer genug fällt, jeden einzigen Tag auszuhalten. Hier kann ein kleines Erfolgstagebuch weiterhelfen. Sätze wie "Wieder einen Tag ausgehalten" oder vielleicht "War heute gar nicht so schlimm wie gestern" oder "...wie zuerst erwartet" zu notieren, kann einem dabei helfen, sich bewusst zu machen, dass manches besser läuft als man es vielleicht denkt. Das setzt einen kleinen Ankerpunkt. Vielleicht gibt es ja sogar hier und da ein paar weitere Erlebnisse, die in den Bereich des Schönen und Aufschreibenswerten fallen. Gesammelt in einem kleinen Erfolgstagebuch kann schnell eine wertvolle Schatzsammlung guter Lebensaugenblicke daraus werden. Kann gut tun.

3.) Die Adventsdekoration auf die Trauerstelle ausweiten: Einen Tannenzweig vom Adventskranz oder vom Weihnachtsbaum abschneiden und ihn an die Trauerstätte legen - auf das Grab, falls vorhanden. Die Verstorbenen und die Trauer also in dieser Form in die Feierlichkeiten zu integrieren. Das kann ein kleines, aber wirkungsvolles Symbol sein.

4.) Ganz bewusst die Trauerstätten aufsuchen: Nun soll die Advents- und Weihnachtszeit ja eigentlich eine Zeit der Familie sein, des Zusammenseins, des Miteinanders. Es ist gerade diese übermäßige Aufladung mit Harmonie und Bedürftigkeit, die diese Tage so schwer macht. Aber auch das lässt sich uminterpretieren: Wenn also die Adventszeit eine Zeit der Familie ist, dann darf sie auch eine Zeit sein, die oft am Grab oder an der Trauerstätte verbracht werden darf. Denn dorthin zu gehen, erleben viele als eine Art "Kontakt halten können", dort haben sie das Gefühl, den Verstorbenen nahe zu sein. Und darum geht es ja in der Weihnachtszeit. Das "nahe sein". Und um Transzendenz. Na also.


Kerzen anzünden als bewusste Geste des Erinnerns und Gedenkens - so lässt sich das Leuchten in der Weihnachtszeit auch für Trauernde (um-) interpretieren.   (Thomas-Achenbach-Foto)

5.) Anderen trotz allem ein frohes Fest wünschen: Vor allem in der Weihnachtszeit wächst bei allen anderen, die nicht in Trauer sind, die Unsicherheit, wie sie mit Menschen umgehen sollen, die einen Verlust zu beklagen haben. Da kann es sein - wenn es schlecht läuft -, dass sogar die Weihnachtskarten ausbleiben, weil es sich für die Absender nicht passend anfühlt, ein "frohes Fest" zu wünschen. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass gerade in dieser Zeit, die so mit Nähe und Verbundenheit gefüllt sein soll, das Thema Trauer nicht willkommen zu sein scheint. Und dennoch gilt: Anderen etwas Gutes zu tun, fühlt sich selbst gut an. Wem es gelingt, auch in einer emotionalen Krisensituation - also in Trauer - all seinen Freunden, Nachbarn, Verwandten und Bekannten mit Milde und guten Wünschen zu begegnen, aktiv auf sie zuzugehen und ihnen ein frohes Fest zu wünschen, trägt ebenfalls ein Stückchen Weihnachten in die Welt hinein. Einen Versuch wäre es wert. 

Und schließlich, auch dieser Hinweis ist wichtig (auch wenn er einen zugegebenermaßen eigenwerblichen Charakter hat - daher als Extra-Hinweis):

6.) Nicht zögern, sich Unterstützung zu suchen: Ausgebildete Trauerbegleiter können eine gute Hilfe sein. Sie stehen immer auch für Einzelgespräche, Einzeltermine oder Beratungsgespräche zur Verfügung und müssen nicht "in Serie gebucht werden", manche bieten ihre Dienste auch ehrenamtlich an. Das kann gerade in dieser schweren Zeit hilfreich sein, wenn sich das Gefühl breitmacht, nicht alleine da durchgehen zu können. Begleiter lassen sich leicht finden, weil der Bundesverband Trauerbegleitung - in dem der Autor dieser Zeilen, Transparenzhinweis, Mitglied ist - eine Liste auf seiner Website veröffentlicht (diese lässt sich hier anklicken). 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert bitte ein "Sterbestammtisch" - und was ist das eigentlich genau?

Ebenfalls auf diesem Blog: "Sei doch bitte wieder normal" geht leider gar nicht - Trauernde brauchen langfristiges Verständnis ohne Ziele 

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog des Autors: Rusalka, Nabucco, La Traviata und Romeo & Julia - das werden die kommenden vier Kino-Höhepunkte live aus der MET aus New York

Sonntag, 20. November 2016

Wie genau funktioniert ein "Sterbestammtisch" bzw. ein "Death-Café"? Über was wird da geredet und warum überhaupt? Was muss geschehen, damit es noch mehr Sterbestammtische in Deutschland gibt - und wäre das wünschenswert?

Osnabrück/Frankfurt a.M. - Er heißt "Tod-Reden" (und hat sogar eine eigene Facebook-Präsenz). Der Name ist Programm. Weil es eben nicht darum geht, die Dinge totzureden, sondern im Gegenteil, ganz aktiv und viel über das zu sprechen, was sonst gern unter den Tisch gekehrt bleibt. Über das Sterben, den Tod, die Trauer. Gemeint ist der Sterbestammtisch, der einmal im Monat in Frankfurt am Main stattfindet und über den ich als Zufallsfund bei einer Internetrecherche gestolpert bin. Das hat mich sehr neugierig gemacht. Was ist das für ein Stammtisch? Was ist seine Funktion? Worum geht es dabei? 

Mit all diesen Fragen habe ich mich kurzerhand an die Organisatorinnen gewandt und sie um ein kleines E-Mail-Interview gebeten. Was dabei herausgekommen ist, lässt sich hier lesen - und vielleicht fühlen sich am Ende des Textes ja noch weitere Menschen berufen, ebenfalls einen Sterbestammtisch einzurichten. Aber worum geht es denn jetzt genau? Hier sind die Antworten, die mir Dorothee Becker, eine Organisatorin von zweien, gegeben hat:


Blumen, schicke Deko, die großen Themen des Lebens - so geht ein Sterbestammtisch.    (Becker-Foto)

Dorothee Becker, ein Sterbestammtisch mit dem Namen „Tod-Reden“ als öffentliche Veranstaltung für alle Interessierten, das ist es, was Sie einmal im Monat anbieten  – funktioniert so etwas wirklich?  Wie oft findet denn der Stammtisch statt und wieviele Personen nehmen teil?

Dorothee Becker: Der Stammtisch hat einen festen Termin, jeden letzten Samstag im Monat von 18 bis 20 Uhr in immer der gleichen Location. Bisher waren Teilnehmer zwischen 4 bis 14 anwesend, dies wechselt sehr. Es nehmen auch Menschen unterschiedlichen Alters teil, bisher ist unsere jüngste Teilnehmerin 22 und die Älteste 81 Jahre.

Und worüber wird dann so geredet?

Dorothee Becker: Wir beginnen meist mit einer Vorstellungsrunde, wobei immer der Grundsatz gilt, dass keiner etwas sagen muss. Wer nur zuhören will, kann auch schweigen. Während der Runde kommen evtl. schon Themen auf, die gerne besprochen werden wollen, dennoch haben wir immer auch ein Thema vorbereitet, z.B. haben wir gesprochen über die „Bilder des Todes“, „Mysterien des Todes“, „Tod und Natur“... . Hier beginnen wir dann meist mit einer kurzen Geschichte oder einen Text, der uns zu dem vorbereiteten Thema in den Sinn gekommen ist. Die Themen aus der Gruppe haben aber Vorrang.

Gibt es eine Form von Moderation?


Dorothee Becker ist eine von zwei Organisatorinnen des Sterbestammtischs.   (Becker-Foto)


Dorothee Becker: Ja, wir sind zu zweit, Leila Haas und ich. Wir übernehmen schon eine „leichte“ Moderation, da an dem Stammtisch sowohl Menschen die professionell im Thema sind als auch einfach Interessierte teilnehmen, achten wir darauf, dass die Gespräche nicht so sehr auf einem professionellen Abstraktionsniveau stattfinden. Es ist uns wichtig auch Raum für die Gefühle und Gedanken zu geben.

Und wozu das Ganze?

Dorothee Becker: Schaut man auf die Entwicklung der Hospiz- und Palliative-Care-Kultur in den letzten Jahren, wird deutlich, dass ein besonderer Fokus auf die spezialisierte und institutionelle Versorgung gelegt wurde. Die eigentliche Idee, dass Tod und Sterben alle Menschen betrifft, ist hier ein wenig aus dem Blick geraten. Daher soll dieser Stammtisch, als schwellennahe, unverbindliche Möglichkeit sich über diese Thema auszutauschen, eine Einladung und Plattform sein. Er ist unabhängig von einer Institution und offen für jeden ohne Verpflichtung, ohne auch weitere Barrieren überwinden zu müssen wie z.B. einen Vereinsbeitritt etc.. 

Ich muss also weder regelmäßig etwas zahlen noch muss ich viel Erfahrungen mitbringen, richtig?

Dorothee Becker: Die Idee ist: Man geht einfach in seine „Lieblings-Location“ und findet dort Menschen, die auch gerne mal über Sterben, Tod, Trauer und das Leben sprechen möchten, da dies im allgemeinen nicht zu den Partythemen gehört.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen und seit wann gibt es diese Einrichtung?

Dorothee Becker: Ich hörte von solch einem ähnlichen Stammtisch in meinem Wohnort und dachte sofort, einen solchen Stammtisch sollte es doch in jeder Stadt geben. Ich nahm Kontakt auf und mehrmals auch Teil an diesem Stammtisch - der dort „Let´s talk about death“ heißt -, teil. In Absprache mit den Initiatorinnen von „Let´s talk about death“  gründeten wir dann einen ähnlichen Stammtisch in der Stadt, in der ich arbeite. 

Also ist die ganze Sache gar nicht soooo neu?

Dorothee Becker: Durchaus nicht. Meine weitere Recherche ergab, dass  bereits 2004 der Schweizer Soziologe Bernard Cattez diese Idee verfolgte und die sogenannten „Cafés mortels“ in der Schweiz, Belgien und Frankreich initiierte. John Underwood transportierte diese Idee dann nach England und nannte die Treffen „Death Cafes“. 2011 entstanden diese „Death Cafes“ dann auch in mehreren Bundesstaaten der USA und kamen unter dieser Bezeichnung wieder nach Europa zurück (vgl.  Solomon, Greenberg, Pyszczynski, 2015). Seit 2014 gibt es ein „Death Café“ in Berlin und weitere werden unter diesem Namen entstehen. Der Mentalität in meiner Stadt entsprechend erschien es mir offener, einen deutschen Namen für den Stammtisch zu wählen und diesen auch immer an einem Ort stattfinden zu lassen, um eine Kontinuität zu ermöglich. So entstand der Name: TOD-REDEN! DER STERBESTAMMTISCH.

Wollen Sie gern Vorreitermodell sein für andere Städte, könnten Sie sich ein Netzwerk von Sterbestammtischen vorstellen?

Dorothee Becker: Meine Vision wäre tatsächlich, dass es solche Stammtische in jeder Stadt, Gemeinde, in jedem Kiez usw. ganz selbstverständlich gibt. Dass somit eine verlässliche Plattform geschaffen wird, auf der man sich unverbindlich mit diesem Thema beschäftigen kann. Ein „Tod-Reden“-Netzwerk wäre sicherlich sinnvoll und unterstützend für weitere Stammtische in anderen Städten. Man könnte gegenseitig profitieren und Erfahrungen austauschen. Vielleicht auch neue „Gründer“ unterstützen und an den bereits gemachten Erfahrungen teilhaben lassen. 

In Wahrheit steht ja eine "Pro-Palliativ"-Einrichtung hinter dem Projekt – ist das eine Art Lobbyistenverband zugunsten von Palliativmedizin?

Dorothee Becker: Die "Pro-Palliativ-Netz GmbH & Co KG" ist mein Arbeitgeber, der sich zur Aufgabe gemacht hat im Bereich Hospiz--und Palliative-Care-Institutionen zu beraten und auch im Bereich der Bildung und Weiterbildung Programme anzubieten. Wir arbeiten eng mit dem Palliativ-Team Frankfurt und dem Würdezentrum in Frankfurt zusammen.
Es ist also kein Verband, sondern ein Team der Praxis. Allerdings möchte ich an dieser Stelle sagen, dass der „Tod-Reden“ Sterbestammtisch ein persönliches Interesse ist.

Aber es steht natürlich die Sorge im Raum, dass man als Gast bei einem solchen Treffen irgendwie beeinflusst werden könnte – oder dass gar kommerzielle Hintergründe eine Rolle spielen?

Dorothee Becker: Der "Tod-Reden"-Sterbestammtisch ist eine Initiative von zwei Frauen (mir und Leila Haas), die Lust und Interesse hatten eine solche Plattform zu initiieren. Der Stammtisch ist kostenfrei und die Miete der Räumlichkeiten werden von uns privat und mit Spenden bezahlt. Mein Arbeitgeber, die "Pro-Palliativ-Netz GmbH & Co KG", das Würdezentrum und das Palliativ-Team Frankfurt unterstützen das Projekt, indem sie unter anderem die Flyer und die Verbreitung derer übernehmen. 

Was ist denn ihre Motivation dabei? 

Leila Haas ist die Partnerin von Dorothee Becker in der Gestaltung der Stammtischrunden.   (Becker-Foto)

Dorothee Becker: Mir ist es ganz wichtig hier wirklich neutral und eben auch als Privatperson zu agieren, denn das ist auch mein ganz privates Interesse. Ich selbst freue mich immer sehr auf die Stammtische, denn es ist sehr bereichernd mich einfach auch mal ganz privat mit den Themen Sterben, Tod und Trauer zu beschäftigen und den professionellen Anteil mal zu Hause zu lassen.

Ein paar Worte zu Ihnen als Person – wie kommen Sie an dieses Thema und wer sind Sie so?

Dorothee Becker: Wir sind zu zweit. Leila Haas und ich. Leila ist Sozialpädagogin, Theaterpädagogin, Trauerrednerin und Trauerbegleiterin. Wir leben in einem Haus und so lag es auf der Hand, dass wir uns zusammen tun. Ich bin Krankenschwester und seit 2004 im Bereich Hospiz-und Palliative Care tätig. Nach einem Master-Studium in Palliative Care bin ich nun im Bereich der Bildung tätig und freue mich sehr meine Erfahrungen aus der Praxis weitergeben zu können. 

Welcherart Erfahrungen sind das?

Dorothee Becker: Das Thema Sterben, Tod, Trauer und Leben ist aus meiner Sicht so zentral, da es uns alle an dieser Stelle verbindet. Meine Erfahrung zeigt mir, dass darüber zu sprechen soviel bewirken kann im positiven Sinne. Das Sterben gehört für mich zum Leben und daher ist das Reden darüber ein Teil des Lebens und dies bestätigt die Aussage einer Teilnehmerin des letzten „Tod-Reden“ Sterbestammtisches bei der Abschlussrunde: „ trotz TOD - gelacht!“

Mal angenommen, jemand fühlte sich nun berufen, einen eigenen Sterbestammtisch ins Leben rufen zu wollen - worauf müsste der- oder diejenige achten, was hätten Sie für Tipps und was wäre Ihnen dabei wichtig? Sozusagen als Ideengeberin?

Dorothee Becker: Wenn jemand in seiner Stadt einen Sterbestammtisch gründen möchte, sollte er darauf achten die Location sorgfältig auszuwählen, denn mir dieser Auswahl wählt man auch ein bisschen die Teilnehmeinnen und Teilnehmer aus. Es sollte die Möglichkeit geben in einem separatem Raum etwas geschützter zu sein. Es sollte wirklich ganz unabhängig sein und nicht über z.B. einen Hospizverein organisiert werden, da dann die Hürde wieder höher ist. Dies als erster Tipp. Sie können gerne meine Kontaktdaten angeben, vielleicht mache ich ja mal einen Workshop hierzu, auf diese Idee haben Sie mich jetzt gebracht....!

Na dann... ;-)  - hier die Kontaktdaten von Dorothee Becker: Telefon: 0176/475 707 95, E-Mail: dorothee.becker@ppn4u.de.


Mehr unter diesem Link: Der Sterbestammtisch ist auch auf Facebook zu finden - hier klicken zum Direktlink. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Samstag, 12. November 2016

Warum Weihnachtsschmuck nicht vor dem Totensonntag anbringen? (Und warum das weniger mit Religion zu tun hat als man so denkt)?


Osnabrück - Wer einen Verlust zu beklagen hat, wer gerade in Trauer ist, der ist sehr empfänglich für allerlei Signale. Viel empfänglicher als andere. Für Sehnsüchte. Und vor allem: für Wehmut. So ist vor allem die Advents- und die Weihnachtszeit für Trauernde eine Phase, die viele von ihnen als besonders schmerzvoll erleben. Weil sie so geprägt war von dem Zusammensein mit anderen Menschen, weil selten im Jahr ein Verlust so präsent wird. Da ist es hilfreich, wenn ihnen das Gefühl vermittelt werden kann, dass die Trauer einfach sein darf, dass sie wahrgenommen wird. Warum nicht durch einen gemeinsamen Gedenktag? Genau deswegen - aus Respekt vor diesen Gefühlen - ist es wichtig und richtig, mit der allzu leuchtenden und offensiven Weihnachtsdekoration bis nach dem Totensonntag zu warten. Wobei der Totensonntag selbst umstrittener ist als manche vielleicht denken. 

Wer das Internet durchforstet, der findet diese Frage oft auf den Ratgeberforen: Warum muss ich bis Totensonntag warten mit meinem Weihnachtsschmuck? Manchmal, wenn auch nicht immer, geht die Frage mit einem Unterton nahe der Empörung einher, so nach dem Motto: Worauf muss ich denn noch alles Rücksicht nehmen? Und, zugegeben, auch mir hat es spätestens mit der Zeitumstellung und der langen, langen Dunkelheit am Abend in den Fingern gejuckt, die ersten Lichterketten aufzuhängen, denn wenn es so nasskalt, fies und düster ist, braucht es so sanftes Licht. Es kann einem so gemütlich die Seele ausleuchten, kann eine neuen Form innerer Wärme mit sich bringen. Aber eben nur: Solange es einem gut geht, solange das Leben gerade ohne Tiefschläge verläuft, solange es sich in einer relativ stabilen Phase befindet. Das wissend, habe ich es also gelassen. Aus Respekt - wie oben erwähnt. Weniger aus religiösen Gründen, vielmehr aus allgemein seelischen. 


Wenn schon ein Lichterleuchten vor der Adventszeit, dann besser als Grableuchten. Es ist gut so, dass sich die meisten Menschen daran halten, es ist gut so, dass sich die Tradtion von ihren Wurzeln befreit hat.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)

Geht in die Tiefe: Die Idee, dass alle gemeinsam trauern


Dem Gedenken an die Toten einen festen Rahmen zu geben, kann für jeden Trauernden eine hilfreiche Sache sein - wie auch immer dieser Rahmen aussehen mag, wann auch immer er und wie auch immer er organisiert sein mag. Aber einen Tag im Jahr fest installiert zu wissen, an dem ein Trauernder wissen und spüren kann, dass er nicht alleine ist, weil es zumindest diesen einen Tag im Jahr gibt, an dem auch alle anderen ihrer Toten gedenken - diese Idee hat etwas zutiefst Tröstendes und Heilsames. Und so ist allen religiösen und weltlichen Diskussionen zum Trotz ein Totensonntag eine wertvolle Sache. 


Ein preußischer König, der Verluste zu beklagen hatte


Was heute kaum noch einer weiß: der Totensonntag als Institution ist erst von den Preußen eingeführt worden. Friedrich Wilhelm der Dritte war es, der mit der Einführung dieses - kirchlich gesehen: rein evangelischen - Gedenktages tief in die Gestaltung des Kirchenjahres eingriff. Dies vermutlich weniger aus religiösen Gründen als vielmehr aus ganz pragmatischen. Im Kriegsjahr 1813 hatte es auch auf preußischer Seite viele Verluste gegeben in jenen Schlachten, die heute als "Befreiungskriege" (gegen Napoleon) in die Geschichte eingegangen sind. Drei Jahre später ordnete der König das Totengedenken neu. Es muss ihm wohl ein Bedürfnis gewesen sein. Bei den Katholiken ist das traditionell alles etwas anders.

Empfinden nicht nur Gläubige als unpassend: Leuchtender Adventsschmuck noch vor dem Totensonntag. Die Tradition hat sich jedoch mittlerweile von ihren kirchlichen Ursprüngen her verselbstständigt.    (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Mit dem Volkstrauertag in die "traurigen Tage"


Für sie beginnt das traditionellen Totengedenken alljährlich mit Allerseelen (immer am 2. November), dem Tag nach Allerheiligen. Doch viele Katholiken feiern auch am evangelischen Totensonntag - der in ihrem eigenen Kirchenjahr "Christkönigstag" heißt -  das Totengedenken mit. Zumal dieser Totensonntag alljährlich perfekt eingebettet ist in ebenjene weltliche Woche, die mit dem 1925 erstmals und 1952 erneut eingeführten Volkstrauertag beginnt, der dem Gedenken der in den Weltkriegen gestorbenen Menschen gewidmet ist. So ergibt sich also eine "traurige Woche" (oder auch die "traurigen Tage"), in der ausgiebig getrauert werden darf. Und auch das erleben viele Trauernde als hilfreich: Dass sie eben auch mal trauern dürfen. Bekommen sie doch oft das Gefühl vermittelt, sie dürften es nicht (mehr). 


Und dann: Lichter - das hat auch was Tröstendes


Und wenn dann, am Ende einer Woche voller trauriger Tage, überall die Lichter angehen, dann kann doch auch das eine fast spirituelle, heilsame, vielleicht tröstende Wirkung haben. Wenn auch nicht immer auf Trauernde. Und deswegen: Warten bis nach dem Totensonntag. Aus Respekt. Vor dem Leben. 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier


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Und im Kultur-Blog: Finde den Bullshit in Deinem Text - drei gute Linktipps für alle, die schreiben und mit Sprache arbeiten

Mittwoch, 9. November 2016

Noch mehr Tipps zum Umgang mit Trauernden - "Sei doch bitte wieder normal" geht leider gar nicht - Und lässt sich Trauer wirklich "bewältigen"?

Osnabrück  - Die schwierigste Phase für Angehörige, die einen geliebten Menschen verloren haben, ist nicht etwa die Zeit kurz nach dem Ereignis. Es sind die Monate oder die Jahre lange nach dem Verlust, in denen die Betroffenen sich ganz alleingelassen fühlen. Das kann lange dauern.

Denn kurz nach dem Tod ist die Bereitschaft zu helfen bei Freunden und Verwandten noch groß: Unterstützung geben, da sein, zuhören, das alles ist möglich und wird gerne zugestanden. Aber die Empathie im Todesfall schwindet oft schnell – und schon bald schleicht sich bei vielen dem Trauernden Nahestehenden so etwas wie eine Erwartungshaltung ein, unter der die Betroffenen besonders leiden: „So langsam muss es doch wieder gut sein“, „Allmählich müsste wieder etwas mehr Normalität einkehren“… so empfinden es die Angehörigen und Freunde. 


An den Erwartungen, die bald an sie gerichtet werden, können Menschen in einer Verlustsituation auch mal verzweifeln.  (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-CC0-Lizenz)


Auch wenn Gedanken wie diese nicht immer unmittelbar geäußert werden, stehen sie oft störend im Raum. Denn Trauernde befinden sich in einer emotionalen und seelischen Krise – und in einer solchen Situation sind Menschen hochsensibel, nehmen auch kleinste Signale wahr, begreifen viel von dem, was nicht ausgesprochen wird.


Was gebraucht wird: Aushalten können, auch gemeinsam


Es ist den Menschen, die einem Trauernden so begegnen, kein Vorwurf zu machen. Denn tatsächlich ist das Schwierigste im Umgang mit Verlusterfahrungen das (gemeinsame) Aushalten der Ohnmacht und der Schwere, die sich bei Trauer zwangsläufig einstellt. Das zu ertragen ist nicht leicht. Vor allem als Nicht-Betroffener. Was das Aushalten zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass es so wenig konkrete Hilfsmöglichkeiten gibt. Verständlich, dass sich Freunde und Angehörige im Aktionismus-Modus stets wohler fühlen als im Schweigen. Etwas tun, etwas unternehmen, das fühlt sich eben besser an als ein - vielleicht sogar wohltuendes – Nichtstun. Klar: Für den Rest der Welt geht das Leben einfach weiter wie bisher, bleibt der Alltag turbulent und munter, vielleicht sogar bunt und lebenswert. Wer in diesem Lebensstrudel steckt, kann sich auf Trauernde nur schwer einlassen. Das ist okay so. Denn genau dafür gibt es die Trauerbegleitung


Menschen dort abholen können, wo sie gerade stehen


„Trauerbegleitung ist ein Aushaltenkönnen, mehr ist es auch nicht“. So hatte es die Vorsitzende des Bundesverbands Verwaiste Eltern in Deutschland, Petra Hohn, auf der Messe „Leben und Tod“ im Jahr 2015 bei einem Vortrag formuliert. Und sie trifft es auf den Punkt: Mehr ist es nicht, weniger aber auch nicht. Was kann Trauerbegleitung also? Sie kann Trauernde dort abholen, wo sie gerade stehen. Kann sie so sein lassen, wie sie gerade sind, wenn es den anderen Menschen schwer fällt, das zu tun. Sie kann Trauernde annehmen und aufnehmen, wenn sie sich anderen schon nicht mehr zumuten wollen, weil sie mit ihren Gefühlen nicht nerven wollen. Sie kann die Trauer indes nicht aus der Welt verschwinden lassen, das kann vermutlich nichts. Nicht einmal die Trauerarbeit oder Verarbeitung, falls es so etwas überhaupt gibt. Aber das ist auch gar nicht nötig.


Trauer lässt sich nicht "bewältigen" - das geht gar nicht


Die Therapeutin Monika Müller aus Rheinbach, eine der Expertinnen für Trauer und eine Ikone der Hospizbewegung, hat in einem Vortrag einmal sinngemäß gesagt: Es ist ein Märchen, dass sich Trauer verarbeiten lässt. Wozu auch? Trauer ist ein so naturgegebenes Gefühl wie Freude. „Und in keinem Buch der Welt steht, man solle doch bitte seine Freude einmal verarbeiten und bewältigen“, sagt Müller weiter. Überhaupt, das Wort „bewältigen“ missfällt der „Grande Dame der Trauer“ ganz besonders, denn eytmologisch gesehen heißt es: „Gewaltsam unter Kontrolle bringen“. Was sich aus diesen klugen Sätzen herausfiltern lässt, ist der beste Umgang mit Trauer: Sie sollte durchlebt werden. Oder anders gesagt: „Ins Fließen kommen‘“. Das bestätigte auch die Vorsitzende des Bundesverbands Trauerbegleitung, Christine Strockstrom, in einem Interview auf diesem Blog (siehe hier).

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Bald darfst Du wegen Trauer krankgeschrieben und überwiesen werden - warum das derzeit so umstritten ist

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Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog des Autors: Tote Mädchen lügen nicht - 13 Reasons Why - 10 Gründe, warum das Buch wesentlich besser ist als das Netflix-Serienphänomen

Mittwoch, 2. November 2016

"Hospiz- und Palliativszene kommen immer mehr zusammen" - was bringt das neue Hospiz- und Palliativgesetz vom 5. 11. 2015? - Ein Interview mit Winfried Hardinghaus als Vorsitzenden des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands

Osnabrück - Auch wenn sich dieser Blog vorwiegend an Trauernde wendet und Ihnen mit ein wenig Rat und Tat zur Seite stehen möchte, wird es hier immer mal wieder auch um alle anderen Themen gehen, die mit Tod, Sterben und Trauer in Berührung stehen. Zum Beispiel die große Politik - und die Frage, was das neue Gesetz bisher gebracht hat. Und dass es zum Beispiel auch Ängste weckt. Und warum es noch eine gesellschaftliche Veränderung diesen Themen gegenüber braucht. 

Denn inzwischen gibt es seit dem 5. November 2015 ein neues "Hospiz- und Palliativgesetz", das der Bundestag mit großer Mehrheit beschlossen hat und das im Dezember rechtskräftig wurde. In einem Interview, das mir der Vorsitzende des deutschen Hospiz- und Palliativverbands, Prof. Dr. Winfried Hardinghaus, gegeben hat und das heute in der Neuen Osnabrücker Zeitung erschienen ist (Zum Wortlaut hier klicken), beschreibt der Mediziner die aktuelle Lage ein Jahr nach dem Beschluss und erzählt, wie die Verhandlungen mit den Krankenkassen derzeit laufen. Und so positiv das Gesetz auch gesehen wird - bei manchen Mitarbeitern weckt es auch Sorgen und Ängste. Hier sind die Fragen und Antworten, die ich wegen ihrer speziellen Thematik aus dem Neue-OZ-Interview herausgekürzt habe. 


Winfried Hardinghaus war vor rund 25 Jahren an der Gründung der Hospiz- und Palliativinitiatve "Spes Viva" beteiligt und steht heute dem Bundesverband DHPV vor.  (Niels-Stensen-Kliniken-Foto mit freundlichen Genehmigung)

Herr Hardinghaus, wir sprachen auch über die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Bereiche. Das Stichwort greife ich mal in anderer Form auf: Sehen Sie denn eine Gefahr, dass die Hospizinitiativen und die Palliativinitiativen jetzt gegensätzliche Interessen entwickeln oder um Gelder konkurrieren könnten? Dass die beiden also auseinanderdriften?

Hardinghaus: Ich sehe eher die Tendenz, dass beide mehr zusammenkommen, was auch sinnvoll ist. Es ist ja in wenigen Ländern wie in Deutschland so, dass Hospiz und Palliativ so getrennt sind. Viele Menschen verstehen den Unterschied auch gar nicht. Nach wie vor nicht. Das Hospiz als von vornherein bis zum Ende geplante Einrichtung – und die Palliativmedizin im Krankenhaus als akute Krisenintervention, geplant mit dem Ziel der Entlassung, meinetwegen ins Hospiz, meinetwegen nach Hause. Das sind die großen Unterschiede. Und so erlebe ich auf den Tagungen und Kongressen, auf denen ich bin: Hospiz- und Palliativszene kommen immer mehr zusammen, gehen zusammen zu Fortbildungen, sprechen sich ab. Es gibt in Deutschland zwei große Fachgesellschaften, einmal der Deutsche Hospiz- und Palliativverband, den ich leite, und die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, die mehr so die wissenschaftliche Seite vertritt. Wir verstehen uns gut und treffen uns in Vorständen, stimmen uns ab. Also das wird sowohl auf Verbands- als auch auf Mitarbeiterarbeiterebene sicher zusammenwachsen, was auch sehr vernünftig ist.

Fehlt es eher an ambulanten Diensten oder ist auch da die Versorgungslage gut?

Hardinghaus: Beides. Sowohl ambulant als auch stationär. In manchen ländlichen Gebieten fehlt insbesondere noch ein ambulantes Angebot, auch die sogenannte spezialisierte ambulante Palliativversorgung, SAPV genannt.

Bräuchten wir denn nicht auch eine Sterbehilfe in Deutschland? Der Bundestag hat ja parallel mit dem Hospiz- und Palliativgesetz auch über dieses Thema beraten.

Hardinghaus: Eine aktive Sterbehilfe? Nein. Klares Nein! Einmal ethisch nicht, aber auch spirituell nicht. Das wäre eine ganz große gesellschaftliche Gefahr. Wenn wir da einmal die Tür öffnen, dann geht es los. Vor der großen Urlaubszeit heißt die Frage dann: Wohin mit Oma oder Opa? Das kommt garantiert! In Holland gibt es bereits eine virtuelle Sterbeklinik. Das heißt, Sie können anrufen, da kommt dann einer vorbei, wie der Bäcker am Donnerstag, und macht Sterbehilfe. Und das ist vor Urlaubszeiten stärker frequentiert. Man hat die ersten paar Hundert Fälle untersucht und solche Auffälligkeiten festgestellt. In Belgien hat es ja jetzt gerade den ersten Fall der aktiven Sterbehilfe am Kind gegeben.

Die Zeit hatte mal berichtet über einen Mediziner, der sinngemäß sowas sagt wie: „Natürlich gibt es solche Fälle. Wir dürfen keinen assistierten Suizid durchführen, aber wir können natürlich Medikamente hinstellen und den Raum verlassen. Der Patient nimmt die Medikamente dann selbst. Dann haben wir keinen assistierten Suizid durchgeführt.“

Hardinghaus: Genau. Denn bleiben Sie im Raum drin, können Sie sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar machen.

Das ist ja letztlich eine völlig verzwackte Rechtslage. Brauchen wir da ein schärferes Gesetz?

Hardinghaus: Nein. Weil man nicht alles gesetzlich regeln kann. Auch das nicht. Dann wird es ein schärferes Gesetz geben - und dann wird es wieder eine Lücke geben. Ich würde mal diese Grauzone, die es da gibt, so belassen. Gerade am Ende des Lebens ist es für Mediziner hilfreich, ein klein bisschen Spielraum zu haben. Gerade, wenn solche Entscheidungen anstehen, die ja immer ganz individuell sind und eigentlich nie vergleichbar sind und vor denen lange Gespräche vorausgehen mit Angehörigen, mit dem Betroffenen selbst, mit dem Team…. Auch das ist wichtig: Alles, was man macht als Mediziner, sind Teambesprechungsergebnisse. Es wird ja niemals ein Arzt allein entscheiden, auch auf der Palliativstation nicht, beispielsweise.

Sie sind jetzt knapp ein Jahr aus dem aktiven Dienst als Mediziner ausgeschieden, sind aber trotzdem noch sehr aktiv. Wo wäre Ihre persönliche Ziellinie, wo Sie sagen: „Jetzt kann ich mich richtig in meinen totalen Ruhestand zurückziehen?“

Hardinghaus: (lächelt) Ich habe ja auch meine Schwächen. Jeder Mensch hat seine Schwächen. Ich bin in meinem Leben mehr eine Art Workaholic gewesen und insofern wird mir das auch nicht leichtfallen, dieses Loslassen eines Tages, was ich dann aber auch mal tun muss. Aber er wird kommen, dieser Zeitpunkt, da bin ich ganz realistisch.

Wie alt sind Sie jetzt?

Hardinghaus: 65 Jahre.

Was würden Sie sich denn noch wünschen? Sie haben ja gesagt: Das Gesetz ist gut, die Hospizlage in Deutschland ist gut. Also alle Wünsche erfüllt?

Hardinghaus: Ein großer Wunsch ist immer noch das gesellschaftliche Bewusstsein. Das muss noch offener werden für die Themen Sterben, Tod und Trauer - und dass wir eines Tages dahin kommen, dass jeder Mensch an jedem Ort in Deutschland gut und würdevoll begleitet werden kann und schmerzfrei sterben kann.

Gesellschaftlich gesehen ist die Angsthürde bei diesen Themen noch immer zu hoch - oder wie beobachten Sie das?

Hardinghaus: Es ist auch immer noch ein Tabuthema, dass viele Menschen weit von sich drängen. Dahinter steckt meines Erachtens die Angst vor dem eigenen Tod. Damit will man sich nicht befassen. Wir müssen uns hier noch weiter enttabuisieren. In allen Schichten bei allen Menschen.  

Mehr zum Thema bei noz.de: "Es fehlt ein Hospizbedarfsplan" - wie der Bundesverband der Hospiz- und Palliativeinrichtungen die aktuelle Lage beurteilt

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück sowie im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert eigentlich ein Friedwald - und braucht es heute überhaupt noch Trauerorte, die sich von Angehörigen aufsuchen lassen?

Ebenfalls auf diesem Blog: Wie funktioniert eigentlich Trauerbegleitung? Was bringt sie? Und wird das Ganze von den Krankenkassen bezahlt - hier klicken...

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Und im Kultur-Blog des Autors: Finde den Bullshit in Deinem Text - drei gute Linktipps für alle, die schreiben und mit Sprache arbeiten