Mittwoch, 20. September 2017

Warum Facebook in Sachen "Trauer bei Mitarbeitern" ein weltweit führendes Unternehmen ist - 20 Tage bezahlte Auszeit und viel Flexibilität für Angestellte, da können andere von lernen (Jahresthema Trauer im Job/Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz, Teil 4)

Osnabrück - Facebook macht es vor: Was das Thema Trauer im Arbeitsleben angeht, ist das blaue Netzwerk das vermutlich weltweit führende Unternehmen. Bis zu 20 Tage bezahlter (!) Abwesenheit können sich die Angestellten dort nehmen, wenn sie einen Todesfall bei ihren Angehörigen zu erleiden haben. Damit dürfte Facebook weltweit einmalig dastehen. Natürlich spielen die sehr persönlichen Erfahrungen, die die dortige Geschäftsführerin Sheryl Sandberg mit dem Tod ihres Mannes gemacht hat und die sie in sehr persönlichen Beiträgen und einem Buch verarbeitet hat, dabei eine wichtige Rolle. Natürlich geht es dabei auch um Mitarbeiterbindung. Und natürlich bleibt der große blaue Datensauger ein kritisch zu beobachtendes Portal in Sachen "Big-Brother"-Totalüberwachung und bekloppter Fake-News-Streuung - und dennoch: menschlich gesehen ist das tatsächlich eine bahnbrechende Entwicklung. Ein gutes Beispiel. Wie überhaupt Sandbergs Trauerprozess sehr inspirierend sein kann.

Facebook geht mit einem solchen Schritt noch sehr viel weiter, als es das überhaupt müsste und dazu noch sehr viel weiter, als es sonst ein amerikanisches Unternehmen tut... Auch wenn Sandberg in ihrer Ankündigung im Februar 2017 alle anderen Firmen aufgerufen hat, dem Beispiel Facebook zu folgen, wie die Websites Business Insider und finanzen.net berichteten, wäre mir bislang keine Firma bekannt, dies das getan hätte. Nur mal so zum Vergleich: In Deutschland bekommst Du in der Regel einen bis zwei Tage frei, wenn ein direkter Angehöriger von Dir gestorben ist. Das ist es dann aber auch (noch schlimmer: Solltest Du eine Mutter von einem Sternenkind sein, also eine stille Geburt eines toten Kindes erleiden müssen, erlischt Dein Mutterschutz - Du musst dann zurück zur Arbeit...). Das alles wird keinesfalls dem gerecht, was im Innern von Menschen vorgehen kann, wenn sie in eine Trauer-/Verlustkrise geraten. Da können 20 bezahlte Tage wirklich Gold wert sein. Sandberg weiß das selbst am besten.


Nur kurz ins Fitnessstudio - von dort nie mehr zurück


Sie war mit ihrem Mann Dave Goldberg in den Urlaub gefahren (offenbar ohne die beiden Kinder). Ein Kurzurlaub in Mexiko. Doch mittendrin überholte das Paar die Vergänglichkeit - wie so oft im Leben völlig überraschend. Goldberg, 47 Jahre alt, wollte ein wenig trainieren und ging in das zum Hotel gehörene Fitnessstudio. Von dort kam er nicht mehr lebend zurück. Der Grund: Eine Herzschwäche, bisher unentdeckt. Ihren jüdischen Traditionen folgend, ging Sandberg in den Trauermonat Sheloshim oder auch Schloshim - nach der "Schiwa", der ersten Woche, in der alles stillsteht (die Regeln lauten: nicht arbeiten, nicht backen, sich nicht rasieren, nichts Körperliches tun), folgen in dieser Tradition 30 Tage innerer Trauer. Klar, dass 30 Tage eigentlich nicht lang genug sind, dennoch verlangt die jüdische Tradition, dass danach das Leben wieder normal weitergehen soll. Es gilt das Gesetz des Lebens, das sich über den Tod stellt. In selbst für eine Facebook-Managerin ungewohnter Offenheit wandte sich Sheryl Sandberg in einem bewegenden Beitrag an die Weltöffentlichkeit... Mit überwältigenden Reaktionen...


Das muss man Facebook lassen: Das Unternehmen tut eine Menge dafür, dass die Mitarbeiter ihre Batterien wieder aufladen können. Vielleicht ist es damit sogar weltweit einzigartig.    (Pixabay.de-Foto/Creative Commons 0 Lizenz)

Über 74000 Kommentare - ein Eintrag bewegt die Welt


Beinahe 75000 Mal ist dieser Eintrag inzwischen kommentiert worden, das öffentliche Echo war gewaltig. Inzwischen hat Sandberg das Buch "Option B" veröffentlicht, in dem sie schreibt, wenn die Option A, das gemeinsame Leben, nicht mehr möglich ist, hilft nur eines: "Kick the shit out ouf Option B" (sehr frei übersetzt: "Mach das Meistmögliche aus der Option B"; wörtlich übersetzt: "Hol' Dir so scheißviel wie nur möglich aus der Option B". Parallel startete Sandberg eine unvergleichliche Familienoffensive für die Facebook-Angestellten- mit einer ganzen Reihe von vorbildlichen Neuerungen, nicht alleine im Bereich Trauer. Zum Beispiel:


Bezahlte Betreuungstage, bezahlter Trauerurlaub - und mehr


Wer sich um kranke Familienmitglieder kümmern muss, kann sich für sechs Wochen von der Arbeit freistellen lassen. Bezahlt, wohlgemerkt. Drei zusätzliche freie Tage gibt es für Angestellte, die kurzfristig in die Betreuung kranker Familienmitglieder einspringen müssen, also zum Beispiel Kinder mit einer Erkältung (ja, das ist immer ein großes Orga-Thema, als junger Vater und ein Teil von zwei berufstätigen Eltern kenne ich das nur zu gut). Und der tatsächlich so genannte "Trauerurlaub" wurde von bereits 10 auf 20 Tage verdoppelt. Sheryl Sandberg betonte auf einer Konferenz, dass sei für sie „eine persönliche Sache“. Mark Zuckerberg und Facebook hätten ihr bei ihrem eigenen Trauerfall so eine lange Auszeit und soviel Flexibilität ermöglicht, dass sie etwas zurückgeben wollte. „Die Menschen sollten in der Lage sein zu arbeiten und gleichzeitig für ihre Familien da zu sein“, wird Sandberg im Business Insider zitiert. Tja. Und nun muss man sagen: Ja, Facebook ist ein fetter blauer Datensauger, eine Fake-News-Schleuder, eine moralisch fragwürde, weil Werbung um jeden Preis verhökernde Firma, die nicht davor zurückschreckt, das Suchwort "Judenhass" für verkaufte Werbung zu benutzen... Was alles nicht sonderlich vertrauenserweckend ist. Und dennoch. In Sachen Trauer und Mitarbeiterbindung muss man sagen: Leute, schaut auf dieses Unternehmen!

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

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Die Serie "Trauer in der Arbeitswelt/Trauer im Berufsleben", alle Folgen:


Hier geht es zum ersten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken.

Hier geht es zum zweiten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken

Hier geht es zum dritten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken.

Hier geht es zum vierten Teil des Jahresthemas Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - bitte hier klicken

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Ebenfalls auf diesem Blog: Ja, es ist so schlimm, wie es sich anfühlt - und das darf auch einfach so sein. Warum das mit dem Loslassen kein guter Ratschlag ist...

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Und im Kultur-Blog des Autors: Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt, was die Branche noch Spannendes plant und warum sie medial gesehen zwischen allen Stühlen sitzt - ein Interview rund um Rock'n'Roll & Oper im Kino

Freitag, 15. September 2017

Hilfe für die Kinder auch im Internet finden...- Wenn Mama oder Papa gestorben ist, stehen die verwitweten Elternteile vor schwierigen Fragen - was bei der Begleitung von Kindern im Trauerfall helfen kann

Bremen/Osnabrück Wie sollen wir mit Kindern über den Tod sprechen? Wie sollen wir sie begleiten? Vielleicht zudem noch in einer schwierigen Krisensituation, in der uns selbst nicht gut geht? In der wir vielleicht selbst am Boden liegen? Vor diesen Fragen stehen Eltern oft, wenn einer der Elternteile gestorben ist. „Sie können davon ausgehen, dass, wenn Kinder Fragen stellen, sie auch in der Lage sind, die Antworten auszuhalten.“ Diese wunderbaren Worte stammen von Beate Alefeld-Gerges, der Erfinderin des "Trauerland"-Konzeptes, das sie bereits 2015 auf der Messe „Leben und Tod“ in Bremen vorstellte (wo sie auch dieses Zitat brachte). Und es gibt noch mehr Ermutigendes und Beispielhaftes in Sachen Kindertrauer - für die Kinder.

Wie sollen wir Kindern den Tod erklären? Wie sollen wir Kindern dabei helfen, mit ihren Gefühlen umzugehen? Verwitwete Eltern, die einen Partner verloren, aber ein Kind zu betreuen haben, fühlen sich durch eine solche Aufgabe oft doppelt gefordert oder doppelt ohnmächtig - auf jeden Fall überfordert. Nicht überall gibt es vor Ort Angebote für Kinder wie beispielsweise das Trauerland in Belm oder in Bremen, über das ich schon einmal an anderer Stelle in diesem Blog berichtet hatte. Aber wie so oft bietet das Internet hier gute Dienste an. Mit einem hilfreichen Kinderangebot.


Gelb, bunt, übersichtlich, so präsentiert sich das Kindertrauerland im Internet - eine hilfreiche Internetseite, die Kindern in einer Trauersituation einen deutlichen Mehrwert bietet.    (Thomas-Achenbach-Foto)

Denn nicht an Erwachsene, sondern vor allem an Kinder richtet sich die Internetseite "Kindertrauerland". Auch für Kinder, die noch nicht so gut lesen können, ist die Seite gut geeignet, denn die charmante Comicfigur Gum bietet sich per Tonausgabe erstmal als sprechender Begleiter an, lässt sich aber auch ausschalten. Wer die Startseite aufmacht, kann sich erstmal aussuchen, ob er sich mit einer Jungenfigur oder einer Mädchenfigur auf die Reise in die Kindertrauerwelt machen möchte. Und mit welchem Gesicht die Figur unterwegs sein möchte, traurig, wütend, sorgenvoll oder heiter. "Und schon geht's los", sagt Gum. Und das tut es dann auch... 


Vor dem Betreten der Landschaft können sich die Kinder aussuchen, ob sie mit einer weiblichen oder männlichen Figur dorthin gehen möchten - und mit welcher Stimmungslage, wütend, traurig, fröhlich oder nachdenklich.   (Achenbach-Foto)

Nun öffnet sich eine Landschaft mit einem Haus, einem See, einem Ballon und im unteren Teil runden Menüpunkten. Die Figur kann jetzt durch die Pfeiltasten bewegt durch die Landschaft laufen und Dinge entdecken, beispielsweise das virtuelle Trauerhaus betreten, in dem hinter jeder Tür etwas Neues passiert - jedoch dient dieses Trauerhaus im Wesentlichen dazu, per Videoeinspielungen vorzustellen, was in einem "echten" Trauerland so geschehen kann. Wer keines in seiner Umgebung hat, dem nützt das also eher weniger. Jedoch gibt es noch mehr Angebote.


Hilft: Erinnerungsblätter basteln oder seine Sorgen mitteilen


Beispielsweise die Glibberdusche, ein spielerisch lockerleichtes Angebot, bei dem ein Wort gefunden werden muss, während sich der Glibber im Eimer hoch über einem langsam über einem zu entladen droht (das macht einfach Spaß und ist lustig, lenkt also auf nette Art ab). Es gibt aber auch Möglichkeiten, seine eigenen Erinnerungen festzuhalten, beispielsweise ein selbstgestaltetes Erinnerungsblatt an den Baum der Erinnerungen zu hängen, an dem schon andere solcher Blätter zu sehen sind. In einer Art Kummerkasten lässt sich eine E-Mail als Sorgenpost ans Trauerkinderlandteam schicken. Und ansonsten setzt die Internetseite - sehr geschickt - auf eine kindgerechte und spielerische Vermittlung von Wissen zu allerlei Themen rund um Tod und Sterben und die Gefühle, die das alles auslösen kann. Das geht? Klar, das geht! Und wie. Oder die Kinder doch lieber von diesen Themen fernhalten? Nein, keine gute Idee, das ist falsch verstandene Überprotektion - schon gar nicht, wenn sie ohnehin betroffen sind. Denn...:


An dem kleinen See gibt es viel zu entdecken auf der Internetseite Kindertrauerland - Buchtipps und Wissensquiz und Spiele runden das Angebot ab und machen es besonders kindgerecht.   (Thomas-Achenbach-Foto)

„Kinder haben von Natur aus Eigenschaften, die Resilienz stärken“, sagte Beate Alefeld-Gerges auf der Messe Leben und Tod. Ermutigende Worte für alle Eltern und Betreuer, die ein Kind in einer Krisensituation begleiten. Auf diesen Faktor setzt eben auch die Internetseite www.kindertrauerland.orgEin Wissensquiz, Buchtipps und lustige kleine Schäfchen, die über die Seite laufen und einmal mähen, wenn man sie trifft, runden das bunte und hilfreiche Angebot ab. Auch für Erwachsene gibt es übrigens eine Unterseite mit zusätzlichen Informationen (ganz unten, ganz links). 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer am Arbeitsplatz/Trauer im Arbeitsleben - wie belastend ist Trauer im Beruf, was können Unternehmen tun?

Ebenfalls auf diesem Blog: "Sei doch bitte wieder normal" geht leider gar nicht - Trauernde brauchen langfristiges Verständnis ohne Ziele 

Ebenfalls auf diesem Blog: Zehn Tipps für einen hilfreichen Umgang mit Trauernden - für Angehörige, Freunde und Kollegen

Und im Kultur-Blog: Theater kosten den Steuerzahler einfach zuviel Geld... ist das wirklich so? Und woher kommt die Theatersubventionierung eigentlich?

Sonntag, 10. September 2017

Buchverlosung für Angehörige oder Freunde nach einem Suizid: Ich verlose 3 x "Ich konnte nichts für Dich tun" von Eva Terhorst (zum Welttag der Suizidprävention 2017) - Beitrag zur Bloggerparade der Telefonseelsorge

Osnabrück/Berlin – Zum Welttag der Suizidprävention (jedes Jahr am 10. 9.) habe ich nicht nur ein neues Gespräch mit der Trauerbegleiterin Eva Terhorst auf diesem Blog veröffentlicht, sondern ich verlose heute auch drei Mal das Buch "Ich konnte nichts für Dich tun", in dem sich die Berliner Autorin und Trauerbegleiterin Eva Terhorst an die Angehörigen nach einem Suizid wendet... Und wer jetzt aufmerksam gelesen hat, dem steht vielleicht ein Fragezeichen über der Stirn. Wieso sollte es ausgerechnet an jenem Tag, an dem es darum geht, Suizide zu verhindern, um ein Buch gehen, das sich an die Menschen richtet, die eben das haben erleiden müssen - so einen Verlust? 

In Deutschland sterben mehr als doppelt so viele Menschen durch einen Suizid als durch einen Verkehrsunfall. Etwa alle 53 Minuten nimmt sich ein Mensch in Deutschland das Leben. Er mordet sich übrigens nicht, sondern "suizidiert" sich, diese Unterscheidung ist den Angehörigen ganz wichtig, weil Mord immer etwas mit Niedertracht und Besitzsucht zu tun hat. Rechnet man das hoch, macht das über 100000 Menschen im Jahr. Suizid ist, in einer bestimmten Vergleichsgruppe gemessen, die zweithäufigste Todesursache in Deutschland (unter Menschen zwischen 15 und 29 Jahren, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO gemessen). Und trotzdem weiß kaum jemand etwas darüber. Wie kann das sein? 


Ich verlose 3 x Mal das Buch "Ich konnte nichts für Dich tun" von Eva Terhorst.   (T.-Achenbach-Foto) 

Klar, das liegt einerseits daran, dass die Medien extrem zurückhaltend berichten. Was auch gut ist, hat man doch immer wieder beobachten können, dass es gerade die Berichte darüber sind, die zu weiteren Suiziden anstiften. Andererseits wird auf diese Weise auch eine öffentliche Debatte und zielgerichtete Aufklärung erschwert. Statistiken zeigen: Wer als Angehöriger erleben muss, wie sich ein Mensch suizidiert, den trifft es besonders hart in seiner Trauer. Das ist auch ein Grund, warum ich mich ausgerechnet jetzt, zum Welttag der Suizidprävention, an diese Menschen richte - diese ganz besondere Gefühlsmischung, die damit einhergeht...

Eva Terhorst aus Berlin hat mehrere Bücher zum Thema Trauer geschrieben und arbeitet unter anderem als Trauerbegleiterin. Sie betreibt auch einen Blog zum Thema Trauer. 

Denn die Angehörigen um Suizid haben es später in besonderer Weise mit Schuldgefühlen zu tun. Klar, Schuldgefühle gehören in gewissen Dosierungen zu jedem Trauerprozess dazu, sind vielleicht sogar unausweichlich. Aber es sind solche Welttage wie diese, die in der Gedankenmaschine im Kopf wieder etwas antriggern können. Etwas wie "Hätte ich es nicht doch vielleicht verhindern können..." oder "Wenn ich es nur eher gemerkt hätte, wäre das niemals passiert..." So wichtig es ist, sich der Suizidprävention zuzuwenden, sosehr gilt also auch: An diesen Tagen gilt ein besonderes Augenmerk auch den Menschen, die dazu nur post mortem etwas beisteuern können. Übrigens geht Eva - mit der ich dankbarerweise auch unsere Dialoge "Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich..." gestalten darf - in ihrem Buch auf alle diese Fragen ein, sie beschreibt den Prozess und die Gedankenwelten, gibt hilfreiche Anregungen und Impulse.... Das Buch ist im Herder-Verlag als Taschenbuch erschienen, enthält 160 Seiten und kostet 16,99 Euro.

Buchverlosung zum Welttag der Suizidprävention...: Ich verlose drei Exemplare des Buches "Ich konnte nichts für Dich tun" von Eva Terhorst. Möglichkeit Eins zum Mitmachen: Einen Kommentar schreiben unter diesen Artikel. Das geht auch anonym. Oder Möglichkeit Zwei: Einfach eine E-Mail schreiben an thomas-achenbach at gmx.de. Die Verlosung läuft eine Woche und endet am 17. 9. 2017 (Sonntag). Der Rechtsweg ist übrigens ausgeschlossen. Allen Bloglesern schon mal ein herzliches Danke fürs Lesen und Mitmachen!
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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung an in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier.

Ebenfalls auf diesem Blog: Ja, es ist so schlimm, wie es sich anfühlt - und das darf auch einfach so sein. Warum das mit dem Loslassen kein guter Ratschlag ist...

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - was können Unternehmen und Mitarbeiter tun?

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Nachsterben wollen - was mache ich, wenn meine Sehnsucht so groß wird, dass ich den Verstorbenen hinterhergehen möchte?

Und im Kultur-Blog des Autors: Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt, was die Branche noch Spannendes plant und warum sie medial gesehen zwischen allen Stühlen sitzt - ein Interview rund um Rock'n'Roll & Oper im Kino

Samstag, 9. September 2017

„Ja, es ist so schlimm, wie du es empfindest“: Warum "Loslassen können" gar nicht möglich ist und warum Trauer nicht ernst genug genommen wird - zweiter Teil des Dialogs "Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich"

Osnabrück/Berlin – Auch mit solchen Fragen kommen Trauernde in eine Begleitung: "Darf ich mich wirklich so schlecht fühlen?" Und? Dürfen Sie es? Geht es nach den Freunden oder Angehörigen, steht alsbald die Erwartungshaltung im Raum: Nein, werd' bitte schnell wieder normal... - Im zweiten Teil unserer Serie "Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich", die parallel hier auf diesem Blog und auf dem Blog der Buchautorin und Trauerbegleiterin Eva Terhorst aus Berlin (siehe hier) erscheint, starten wir zwar mit der Frage, ob man sich für Trauerbegleitung schämen muss, landen aber rasch bei tiefgehenden Fragen ganz allgemeiner Natur zu Trauer - und Liebe. Und auch der Welttag der Suizidprävention am 10. 9. spielt eine Rolle. Eva darf den Auftakt machen. Los geht's:  

Lieber Thomas, gerade heute wurde ich wieder von einer trauernden Witwe gefragt, ob es nicht nach 5 Wochen nach dem Tod ihres Mannes zu früh wäre, sich Hilfe zu holen. Es sei doch bestimmt besser, dass alles irgendwie alleine zu bewältigen, obwohl sie das Gefühl hat, es würde ihr immer schlechter gehen. Einige meiner Klienten berichten mir, dass sie von ihrem Umfeld teilweise kritisiert werden, wenn sie erzählen, dass sie sich durch eine Trauerbegleitung Hilfe holen. Wahrscheinlich kannst du dir vorstellen, dass dann sogar mir für einen Augenblick die Spucke weg bleibt, wenn ich so etwas höre. Für alles gibt es Beratung und Profis, von Computern über Kücheneinrichtungen bis zu Typberatungen. Dafür wird ohne zu zögern Zeit und Geld investiert. Sobald es aber darum geht, sich Hilfe zu holen für das Schlimmste, das einem im Leben widerfahren kann, wird gezögert, diskutiert, ausgeredet und abgewertet. Eine Zeit lang habe ich angenommen, dass das Umfeld sich entlastet und beruhigt fühlt, wenn sich Betroffene Hilfe holen. Ich bin da ziemlich ratlos, woher diese Haltung wohl kommen könnte, dass Trauer keine Begleitung und Unterstützung benötigt, selbst, wenn man kaum noch ein und aus und wohin mit seinen bedrückenden Gefühlen in seiner Verzweiflung weiß. Vielleicht  glauben viele, dass sich Hilfe in der Trauerzeit zu holen bedeutet, dass man psychisch labil oder gestört ist. Und deshalb glaube ich, dass wir gar nicht genug betonen können, dass Trauer keine psychische Erkrankung und sich Hilfe bei Schwierigkeiten zu holen, kein Zeichen für Schwäche ist sondern durchaus ein Zeichen von Stärke sein kann. Was meinst du? Liebe Grüße aus Berlin, Eva

Eva Terhorst aus Berlin hat mehrere Bücher zum Thema Trauer geschrieben und arbeitet unter anderem als Trauerbegleiterin. Sie betreibt auch einen Blog zum Thema Trauer.

Liebe Eva, das ist ein wichtiges Thema, was Du da ansprichst.  Auf der Messe „Leben und Tod“ in 2017 hat die Bestatterin Barbara Rolf den Begriff „Fluch der Tapferkeit“ geprägt. Wer als Kind oft zu hören bekam „Ist nicht so schlimm“ oder „Das schaffst Du schon“ oder, am schlimmsten, „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, der setzt sich diese inneren Marker als unbewusste Botschaften in die Seele. Ich glaube tatsächlich, dass uns diese frühkindlichen Prägungen im Erwachsenenleben viel stärker beeinflussen, als uns das lieb ist. Reines Bauchgefühl, ich bin kein Psychologe, ich kenne keine Forschungen (Ich werde darüber demnächst noch bloggen, der Text ist derzeit in Arbeit.  Hier also in aller Kürze eine Verdichtung des Kommenden)... Und wenn dann mal jemand stirbt…. Dann kommst Du aus diesen alten Mustern so ohne Weiteres nicht wieder raus. Was noch erschwerend hinzukommt: Trauer wird nicht ernst genug genommen. Kaum einer hat das richtige Bild von Trauer im Kopf. Wie denn auch? In Fernsehserien wird ständig gestorben, auf die spektakulärsten Arten – aber dass einer der Angehörigen an seiner Trauer darüber zerbricht, wird leider nie gezeigt. Dabei wäre das normal. Sowas kommt vor. Das gehört dazu. Und so herrscht dann, so befürchte ich, sogar bei Trauernden selbst so eine Meinung vor wie: Alles nicht so schlimm, irgendwie werde ich das doch wohl schaffen… das „bisschen“ Trauer… Oder übertreibe ich da, was meinst Du? Herzliche Grüße, Thomas

An anderer Stelle in diesem Blog verlose ich die Bücher "Ich konnte nichts für Dich tun" von Eva Terhorst - die Verlosung startet am Sonntagabend, am Welttag der Suizidprävention (10.9.).   (T.-Achenbach-Foto)

Nein, lieber Thomas, da übertreibst du überhaupt nicht. Einer meiner wichtigsten Sätze in meiner Begleitung ist: „Ja, es ist so schlimm, wie du es empfindest.“ (Egal was andere versuchen, dir einzureden). Eine meiner Klientinnen saß mal bei mir und sagte: „Jetzt ist mein Mann schon seit 7 Wochen tot und ich weine immer noch.“ Ich habe ihr damals gesagt, dass sie wohl noch das gesamte erste Jahr unglaublich viel weinen wird. Davon abgesehen, dass diese Heulerei enorm anstrengend ist und wir uns alle bis dahin kaum vorstellen konnten, dass wir überhaupt so viel weinen können, ist es ein Zustand, der natürlich nicht alle Menschen so hart trifft. Manche schaffen es, sich Hilfe zu holen und manche versuchen, es mit sich alleine auszumachen. Was ich aber so besonders an unserer Arbeit finde, ist, dass die Leute genau dann so schwer trauern, wenn sie durch sehr große Liebe mit dem Verstorbenen verbunden waren bzw. immer noch sind und verzweifelt einen Weg suchen, wie sie diese Liebe irgendwie weiter leben können. Das bedeutet, dass es Verluste gibt, die man leichter verkraftet und welche, die kaum überwindbar sind. Dadurch sind wir alle dazu aufgerufen, die einzelnen Situationen ganz individuell zu betrachten und zu würdigen, statt von der einen Art des Umgangs damit auf die andere zu schließen und die falschen Erwartungen daran zu knüpfen. Es ist eben nicht nur so, dass jeder anders trauert, sondern dass auch noch jeder anders liebt und das jede Beziehung auch noch ihre ganz besondere Eigendynamik hat. Wir können es doch schon in Familien sehen, in denen der Vater oder die Mutter stirbt und die Geschwister komplett unterschiedlich darauf reagieren. Daher plädiere ich auch in Sachen Trauer für mehr Toleranz, Offenheit und auch Mut das zu leben, was man fühlt und nicht das, was einem beigebracht und eingeredet wird. Also mach's gut, Eva

Liebe Eva, ja, das wird in Deinen Zeilen spürbar, dass es Dich da gepackt hat – das scheint ein Thema zu sein, bei dem Du an Deinem ganz eigenen Grundwasser angekommen bist…. Womit wir beim Thema Selbstachtsamkeit gelandet wären, aber das besprechen wir besser später mal. Was beim Lesen Deiner Zeilen in mir wach geworden ist: Diese Angst, die Liebe zu dem verstorbenen Menschen irgendwie verlieren zu können, das ist wirklich oft ein Thema. Oder, noch viel schlimmer, die Angst davor, dass die Erinnerungen an den gestorbenen Menschen verblassen könnten. Oder sogar verschwinden könnten. Deswegen trifft es Menschen in einer Verlustkrise ja auch so hart, wenn ihnen andere Menschen raten, sie sollten die verstorbenen Menschen jetzt einmal „loslassen“. Aber das geht ja gar nicht – und darum geht es ja auch gar nicht. Ich zitiere an dieser Stelle immer gerne Roland Kachler, der gesagt hat: Es geht nicht ums Loslassen, es geht darum, der Liebe zum gestorbenen Menschen eine andere Form zu geben. Es geht darum, den Verstorbenen in einer neuen, transformierten Form im eigenen Leben, in der eigenen Biographie verankern zu können – aber, und das ist das Wichtige: So verlässlich dort verankern zu können, dass ich mich getrost darauf verlassen kann, diesen Menschen ebendort, an diesem neuen inneren Platz, immer wiederfinden zu können. Das ist es, glaube ich, was man als Trauerweg beschreiben könnte. Und an die Stelle des „Loslassens“ muss ein sanftes Begreifen treten: Ja, es ist wahr, der Mensch ist wirklich gestorben… Das ist natürlich, wie alles, leichter gesagt als getan. Aber das wird Dir in Deiner Arbeit mit Trauernden sicher auch immer wieder begegnen, oder? Was sagst Du Ihnen dann? Und wie siehst Du das überhaupt? Herzliche Grüße, Thomas


Thomas Achenbach ist der Autor dieses Blogs, er ist in Osnabrück als Trauerbegleiter aktiv.   (C.-Achenbach-Foto) 

Lieber Thomas, dadurch dass ich bereits meine Mutter durch Suizid und meinen Lebenspartner Tom durch Krebs verloren habe, kann ich Trauernden versichern, dass es funktioniert, dass diese Menschen, die einem einst so wichtig waren, immer wichtig bleiben werden und dürfen. Tatsächlich leben sie weiter in meinem Herzen. Wir haben auf diese Weise die Gelegenheit festzustellen, wie groß unser Herz eigentlich ist und dass dort auch noch ordentlich viel mehr Platz ist, um auch noch mehr Lebende dort zu verorten. Unser Herz ist eben ein Muskel und wenn wir diesen trainieren, dann wächst er und wird stark. Das ist ein gutes Gefühl auch wenn der Verlust genau dort in unserem Herzen unendlich weh tut. Aber da ich weiter oben den Suizid meiner Mutter angesprochen habe: Übermorgen, am 10. September ist Welt-Suizid-Präventionstag. Eines meiner Ziele ist es, dem Thema Suizid in unserer Gesellschaft zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, daher habe ich das Buch: „Ich konnte nichts für dich tun: Trauern und Weiterleben nach einem Verlust durch einen Suizid“ geschrieben (Anmerkung von Thomas: Buchverlosung findet gleichzeitig auf diesem Blog statt). Es ist mir wichtig, dass wir begreifen, dass es viel mehr Menschen gibt, die unter Depressionen leiden, als wir es uns vorstellen können. Viele Betroffene merken es oft noch nicht einmal selbst, dass sie diese Krankheit haben und es wird unterschätzt, wie tödlich diese sein kann. Daher kann Aufklärung als Prävention sehr entscheidend sein. Beispielsweise bin ich heute beim rbb in die Sendung zibb eingeladen worden, um über dieses Thema zu sprechen. Dass über den Welt-Suizid-Präventionstag immer mehr in den Medien berichtet wird, führt hoffentlich dazu, das Menschen, denen es seelisch nicht gut geht, sich aufmachen, um sich Hilfe zu holen. Auch hier, genau wie beim Thema Trauer, statt sich Hilfe zu holen, zögern die Menschen oft viel zu lang und schlagen sich ganz alleine mit schwierigen Situationen und Gefühlen durch die Welt und werden dabei immer einsamer und verstummen immer mehr. Das ist nicht gut. Für niemanden. In diesem Sinne Grüße ich dich, Eva

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„Zwei Trauerbegleiter unterhalten sich“: Hier tauschen sich die beiden Trauerbegleiter Thomas und Eva über die Themen ihrer Arbeit aus. Das soll zu einem besseren Verständnis beitragen, warum Trauerbegleitung wichtig ist und euch helfen, besser zu verstehen, was ihr gerade durch macht, wenn ihr einen geliebten Menschen verloren habt. Auch für Angehörige von Trauernden kann dieser Dialog hilfreich sein. Denn es ist manchmal nicht so leicht nachzuvollziehen, was in jemandem vor sich geht, wenn er trauert. So kommt es schnell zu Missverständnissen und gut gemeinten Ratschlägen, die oft das Gegenteil vom Beabsichtigten auslösen. Sehr, sehr gerne können Trauernde, Angehörige, Trauerbegleiter und alle, die mit dem Thema zu tun haben, mit ihren Kommentaren dazu beitragen, dass dieser Dialog lebendig und hilfreich sein kann! Mehr Infos über Eva und ihre Arbeit gibt es hier....
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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier.

Ebenfalls auf diesem Blog: Trauer in der Arbeitswelt/Trauer am Arbeitsplatz bzw. Trauer im Berufsleben - was können Unternehmen und Mitarbeiter tun?

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was heute bei modernen Trauerfeiern alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Nachsterben wollen - was mache ich, wenn meine Sehnsucht so groß wird, dass ich den Verstorbenen hinterhergehen möchte?

Und im Kultur-Blog des Autors: Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt, was die Branche noch Spannendes plant und warum sie medial gesehen zwischen allen Stühlen sitzt - ein Interview rund um Rock'n'Roll & Oper im Kino

Dienstag, 29. August 2017

Erst oberzappenduster, aber dann langsam wieder heller - wie sich Anja von "Ein Stück untröstlich" nach dem Tod ihres Partners aus der Dunkelheit herausgeschält hat - Interview mit der Bloggerin aus Lübeck & Tipps zum Umgang mit Trauernden

Osnabrück/Lübeck - Anja ist "ein Stück untröstlich". Auch heute noch, denn so heißt ihr Blog. Und trotzdem ist sie mitten im Leben. Als Ihr Mann Ende 2014 die Diagnose Hirntumor bekam, konnte keiner ahnen, dass ihm nur noch fünfeinhalb Wochen bleiben sollten. Was für ein Schock. Heute, durchaus noch im Trauerprozess, aber schon wieder bewegungsfähiger, beschreibt Anja ihre Gefühle und ihre Trauer in ihrem eigenen Blog (siehe hier); ganz ehrlich, ganz offen, ganz berührend. Wie sie ihren Trauerprozess erlebt hat, was sie darin geärgert hat und was ihr gut getan hat und warum das mit dem Begreifen so eine zwiespältige Sache ist, das erzählt sie in einem Interview, das ich gerne mit ihr führen wollte. Das Interview haben wir in drei Durchgängen per E-Mail durchgeführt - es ist, wie ich finde, sehr lesenswert geworden. Hier ist es: 

Anja, hast Du eine Ahnung, warum ich Dich so gerne interviewen wollte?

Anja: Huch? Darüber habe ich mir ehrlich gesagt gar keine Gedanken gemacht… Ich habe mich einfach gefreut… Lass mich mal überlegen: Du warst von meinem Charme und Humor total überwältigt. Nee, Moment, wir kennen uns ja noch gar nicht persönlich... :-) Dann warst Du wohl von meinem Schreibstil geflasht und dermaßen begeistert, dass Du nicht anders konntest, als mich zu fragen.... Naja, die Anzahl Blogger, die sich mit dem Thema Trauer und Tod beschäftigen, ist überschaubar – die Auswahl ist also nicht sooo riesig… Alle anderen haben abgesagt *g* Ich gebe auf – ich weiß es einfach nicht… Verrätst Du mir, warum?

Okay, ich will Dich nicht länger auf die Folter spannen: Weil Du auf Deinem Blog betonst, wie wichtig es Dir ist, dass viel mehr über Themen wie Tod, Trauer und Sterben gesprochen wird. Das habe ich mir selbst zum Credo gemacht. Überrascht?

Anja: Oooooch… doch nicht mein Schreibstil?!?! Hihi… Scherz… Wie cool, dass wir da so gut matchen. Und schwupps sind wir mittendrin im „Darüber sprechen“. Ich finde es toll, wenn wir es schaffen, die Themen weiter ins Leben zu rücken. Jeder einzeln für sich (Du auf Deinem Blog, ich auf meinem,…) und dann auch im Austausch miteinander, um den Kreis größer zu ziehen – vielleicht verändern wir die Welt gemeinsam ein kleines bisschen…?

Als Du Deinen Mann verloren hast, war es eine knallharte Zeit: Erst die Diagnose Hirntumor, wie aus dem Nichts. Und dann nach nur fünfeinhalb Wochen: Der Tod. Da muss man erstmal hinterherkommen. Wie lange ist das jetzt her?


Immer noch untröstlich, jedenfalls ein Stück - aber eines, das bleiben wird: Anja bloggt über ihren Trauerweg und gibt wertvolle Tipps für Trauernde.    (Ein-Stück-untröstlich-Foto/Anja)

Anja: Ohja, während der Phase habe ich Zeit überhaupt nicht realisiert. Erst im Nachhinein ist es immer wieder krass, wie kurz dieser Zeitraum war, der durch seine Intensität unglaublich viel Raum eingenommen hat. Ich freue mich übrigens, dass Du nach „meinem Mann“ fragst – offiziell waren wir nämlich nicht verheiratet. Da wir aber wie Eheleute gelebt und füreinander eingestanden haben ist es für mich ganz natürlich, ihn als meinen Mann zu bezeichnen. Andreas ist im November 2014 gestorben. Also (rechne…) etwas mehr als 2 ½ Jahre ist das her.

Ab wann war Dir klar, dass Du zu Deiner Geschichte einen Blog aufmachen wolltest – und wie kam das?

Anja: Das hat sich nach und nach entwickelt, denke ich. Ich habe im letzten Jahr viel auf Silke Szymuras Blog „In lauter Trauer“ gelesen und habe auch Kommentare hinterlassen. Dieser kleine Austausch mit ihr und den anderen Kommentierenden hat mich sehr inspiriert. Ich hatte dann immer häufiger eigene Einfälle und dachte mir, dass ich das mal aufschreiben könnte (hab ich aber nicht). Im März wurde ein Interview mit meiner Geschichte auf „Dein Tod und ich“ veröffentlicht. Und dann habe ich mich mit „Darf ich bitte trotzdem Witwe sein“ an Silkes Aktion „Alle reden über Trauer“ beteiligt. Das Feedback, das mich daraufhin erreicht hat, war überwältigend schön. Danach hat es bei mir „klick“ gemacht und ich habe mich tatsächlich intensiver mit dem Gedanken beschäftigt, einen eigenen Blog ins Leben zu rufen. Bis zur Umsetzung hat es dann noch ein wenig gedauert, aber seit dem 1. Juli laufe ich nun irgendwie ein bisschen nackt durch die virtuelle Welt... :-) Im Nachhinein kann ich nicht nachvollziehen, weshalb ich nicht viel früher mit dem Schreiben begonnen habe – egal, in welcher Form. Das Aufschreiben meiner Gedanken hat mir schon immer gut getan. Aber irgendwie war diese Option wohl bis dahin für mich blockiert und hat sich erst dann gelöst.

Gab es irgendwann in Deinem Trauerprozess einen Augenblick, wo Du aus vollem Herzen sagen konntest: Ja, es ist wahr, jetzt habe ich es wirklich begriffen, mein Mann lebt nicht mehr?

Anja: … als ich diese Frage das erste Mal las, saß ich hier *zack*, tränenüberströmt. Auch jetzt habe ich Tränen in den Augen… Puh…! Ich versuche mal eine Antwort: Mein Verstand hat begriffen, dass mein Mann nicht mehr lebt, als er aufgehört hat zu atmen. Ich habe Andreas ja beim Sterben begleitet, durfte da sein, als er starb. Da war dann dieser Zeitpunkt, als sein Körper aufgehört hat zu funktionieren… Er war noch eine Weile hier, bevor die Bestatter kamen. In der Zeit konnte ich beobachten und fühlen (begreifen im wahrsten Sinne des Wortes), wie sich sein Körper verändert hat, wie seine Seele nicht mehr in diesem Körper zu wohnen schien. Sein Körper war nur noch Hülle. Da war klar: er lebt nicht mehr, er ist fort… Tja, aber das ist wie gesagt der Verstand, der das begriffen hat. Das Herz… nun, das Herz spielt da nicht mit. Das ist es auch, glaube ich, was mich bei dieser Frage so anrührt. Mein Herz sagt mir: „Ich verstehe die Frage nicht… wieso soll ich begreifen, dass er nicht mehr lebt? Er ist doch noch immer noch da? Schau, hier, hier tief drin in mir ist er doch noch…?“ Also muss ich Deine Frage wohl mit „Nein, nie“ beantworten, oder? Das soll jetzt bitte nicht so wirken, als würde ich ignorieren, dass er gestorben ist. Ich führe mittlerweile ein glückliches Leben und fühle mich frei, liebe und lebe. Aber Andreas wird immer einen Platz in meinem Herzen behalten, ohne anderem Raum zu nehmen.

Dass Du beim Sterben dabei sein konntest, war sicher sehr wertvoll. Als ich Deine Antwort gelesen habe, musste ich an mein Lieblingszitat aus Julian Barnes‘ wunderbarem Buch „Lebensstufen“ denken: Wenn jemand tot ist, heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt… Trifft es das? 

Anja: Ja, ich glaube, das kommt dem ziemlich nah. Mir fiel als Vergleich noch etwas Erklärendes ein, wie diese Liebe zum verstorbenen Partner weiter da sein kann. Du hast doch Kinder, oder? Das ist ein wenig so wie die Liebe zum eigenen Kind – die ist da und allumfassend, trotzdem kannst du deinen Partner von ganzem Herzen lieben. Das darf beides gleichzeitig da sein und keine Liebe stellt die andere in Frage. Ich glaube, so füllt uns auch die Liebe zu Verstorbenen. Sie bleibt, bereichert und wärmt uns, stellt aber keine anderen Gefühle in den Schatten. „Lebensstufen“ setze ich direkt mal auf meine Wunsch-Leseliste…

In Deinen dunkelsten Trauerphasen – wie dunkel war es da?

Anja: Oberzappenduster… es gibt kein passendes Wort, das diese Dunkelheit genau beschreiben kann.

Was hat Dir damals gut getan?
Anja: 
- eine stillschweigende Umarmung von meinem Sohn
- Telefonate mit meiner Trauerbegleiterin (Gisela Sender – mein Stern)
- Spaziergänge am Meer
- Whatsappen mit meiner Trauerbegleiterin
- „Aussteigen“ aus den Alltagsverpflichtungen, nicht funktionieren, still sein
- einmal hat mich ein Baum getröstet (klingt verrückt, gell? Bäume umarmen tut aber echt gut und bringt Energie… Hast Du das schon mal gemacht?)
- einer Freundin die Ohren vollsabbeln oder –heulen

Mich ablenken habe ich auch versucht – das hat aber nie lange funktioniert und anschließend war der Schmerz umso fieser. Übergreifend hat es mir immer gut getan, Orte aufzusuchen, wo ich für mich sein und Weite spüren kann (Meer, Wald,…) oder mich mit Menschen zu umgeben, die mich in meiner Trauer aushalten können und mich so lassen, wie ich bin.

Wie hat Dein Umfeld reagiert? Vor allem nach einer längeren Zeit?


Hat sich für ihren Blog sogar ein eigenes Logo malen lassen: So sieht die Startseite von "Ein Stück untröstlich" aus... (Screenshot)

Anja: Alle waren sehr hilfsbereit und gleichzeitig irgendwie hilflos… Ich habe schon während Andreas‘ Krankheitsphase sehr offen kommuniziert, was bei uns gerade los ist und wie ich mich fühle. Es gab überraschend schöne Reaktionen darauf und jede einzelne hat mir gut getan. Mir ging es auch am besten mit denjenigen, die ebenso mutig mit mir kommuniziert haben (mit einem „ich bin total sprachlos“ kann ich besser umgehen als wenn man gar nicht mit mir spricht…). Tja, nach längerer Zeit dann, da merkt man, wem man am Herzen liegt – wer macht diesen Trauermarathon mit? Wer bleibt auf der Strecke?
Mein Umfeld hat sich definitiv verändert. Zu den wenigen Marathonläufern haben sich neue wunderbare Menschen in mein Leben gesellt. Ich bin dankbar und glücklich, dass es nun so ist, wie es ist. Was ich gerade spannend finde: ich habe mir keine Sprüche anhören müssen wie „nun ist es aber auch mal gut. Es wird Zeit, dass du nach vorne schaust.“ Ich vermute, niemand hat sich getraut, mir so etwas zu sagen. Einerseits wohl, weil ich so offen kommuniziert habe, wie es mir gerade geht. Andererseits hat Gisela mich immer darin bestärkt, dass ich genau so richtig und gut unterwegs bin, wie ich es zu dem Zeitpunkt gerade bin. Mit meinen offenen Worten und mit Giselas Bestärkung habe ich wohl ein entsprechendes Selbstverständnis vermittelt, das keinen Widerspruch duldet J

Was hat Dich am meisten genervt in Deinem Trauerprozess? Oder wütend gemacht

Anja: Ich mag Deine Fragen, Thomas! Du solltest vielleicht mal überlegen, ob Du das beruflich machen könntest… Es gab Phasen, da war ich ungeduldig mit mir. Ich wollte bitte endlich wieder funktionieren, wieder „normal“ sein (äh, was ist das eigentlich?!?). Ich konnte mich manchmal selber nicht gut aushalten, das hat mich total genervt. Auch hier ein dickes Dankeschön an meine Trauerbegleiterin Gisela, die mir da den Kopf gerade gerückt hat und das auf eine soooo liebe Art und Weise… Was mich so richtig, richtig wütend gemacht hat, das war das Verhalten der Verwandten meiner Schwiegermutter. Ohne Trauschein war ich nach Andreas‘ Tod quasi nicht existent, obwohl ich trotz meiner eigenen Trauer immer und überall für meine trauernde Schwiegermutter da war. Hinzu kommt dieses Ohnmachtsgefühl den Behörden gegenüber. Als Lebenspartnerin darf man zu Lebzeiten zwar immer für den Partner geradestehen, Kost und Logis und alles teilen – aber nach dem Tod verschwindet man in einer Art Nicht-Existenz ohne Rechte… Einen großen Teil dieser Wut habe ich in meinem Artikel „Darf ich bitte trotzdem Witwe sein“ verarbeitet. 

Was würdest Du sagen: Wie weit bist Du in Deinem Prozess? 


Anja: Auf einem sehr guten Weg, denke ich. Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich mich so gut durch diesen Prozess geboxt habe. Ich finde die Anja, die ich jetzt gerade bin, großartig (huch? Doch, das kann ich mir mal selber sagen, finde ich). Mich hat die Trauer sehr verändert und gleichzeitig sehr auf mich zurückgeworfen. Mein Umfeld hat mir allerdings nicht gespiegelt, dass ich nicht mehr wiederzuerkennen sei. Ich bin wohl mehr „ich“ als ich bisher jemals war. 

Hättest Du damals – so am Anfang - gedacht, dass Du soweit kommen würdest?

Anja: Nie im Leben, Thomas. Ich dachte, ich zerbreche… ich schaffe es nicht durch diesen Schmerz.

Gibt es überhaupt so etwas wie ein „Ziel“ in einem Trauerprozess – was würdest Du sagen? 

Anja: Hm, nein… Irgendwie passt „Ziel“ für mich nicht zum Trauern. Das würde ja bedeuten, dass man irgendwann „fertig“ ist damit. Geht das? Ich denke, dass das nicht geht. Die Lücke, die Andreas hinterlassen hat, die bleibt ja. Egal, wie sich mein Leben weiterentwickelt, wieviel Liebe in mein Leben kommt, wie glücklich ich mich fühlen werde… Und auch die Trauer bleibt ein Teil von mir – nicht als Belastung oder Schwere und als Gefühl, das mich traurig macht. Nein, als Bereicherung oder Erweiterung meines Gefühlsspektrums. Im Trauerprozess kann man aber sicher Teilziele erreichen. Wieder atmen können… Wieder lachen können… Glück spüren… einen Tag lang schmerzfrei sein… Dankbarkeit spüren… Hach, im Trauerprozess erlebt man so viele kleine „tschakka“-Momente, da weiß ich gar nicht, was ich noch alles aufzählen soll und was nicht.

Okay, ich will ehrlich sein, das war eine der Fragen, die ich mit Hintergedanken gestellt habe… eben weil ich im Gespräch mit Trauernden gerne sage, nein, es gibt jetzt erstmal keine Ziele für Sie. Es gibt nur ein Hindurchgehen. Was Du jetzt geantwortet hast, finde ich aber besonders wertvoll – das Wahrnehmen, ach ja, ich atme ja, als eine wichtige, sagen wir mal, Zwischenetappe auf dem Weg… Ich freue mich übrigens für Dich, dass Du an eine offenbar wirklich gute Trauerbegleiterin gekommen bist – wie hast Du sie entdeckt?

Anja: Oh, das klingt jetzt vielleicht kitschig, aber ich habe das Gefühl, sie wurde mir geschenkt… Ich habe erst nach Andreas‘ Tod überhaupt davon gehört, dass es Trauerbegleitung gibt – vorher wusste ich gar nichts darüber… Hier in Lübeck habe ich ein paar Optionen ausprobiert, aber es gab für mich nicht das passende Gegenstück.
Eine liebe Freundin (so ein kleines herziges Helferlein – sie liest bestimmt mit: Danke, du Liebe!) ist da eingesprungen. Sie kannte Gisela aus anderem Zusammenhang und wusste um ihre Trauerbegleiterausbildung. Mit feinem Gespür hat sie vermutet, dass wir zwei gut zusammenpassen. Tja, wir haben uns dann nach kurzem schriftlichen Austausch persönlich getroffen und siehe da: es passte! Ein Haken daran war höchstens, dass wir räumlich getrennt waren – Gisela lebt in Bremen. Es ist sicher schöner, wenn man sich persönlich austauschen kann… Aber was nicht passt, wird passend gemacht. Wir haben einen tollen Weg miteinander gefunden.

Du machst Dich ja, wie gesagt, dafür stark, dass viel mehr über Themen wie Tod, Trauer und Sterben gesprochen werden soll - ist das Schreiben Deines Blog für Dich eine Art therapeutischer Akt oder ein missionarischer?

Anja: Oh, das ist eine spannende Frage, finde ich. Ich dachte, ich wäre mit meiner Trauerbewältigung so weit fortgeschritten, dass ich relativ entspannt aufschreiben kann, was mir wichtig ist. Mein erster Ansatz war also eher missionarisch, denke ich. Beim Schreiben habe ich aber festgestellt, wie gut mir das Aufschreiben tut. Wie viele kleine Klötzchen sich nochmal neu sortieren und an einen anderen Platz fallen. Wie mir dann doch die Tränen laufen, wenn ich versuche, Erinnerungen zu greifen und in Schrift zu bringen… Toll ist, wenn ich über Tod, Trauer und Sterben schreiben kann und damit dazu beitrage, dass darüber gesprochen wird. Also… ich fände es großartig, wenn mein Blog einfach beides sein darf – Therapie für mich und Hilfestellung und Aufrütteln für andere… Was meinst Du?

Nach allem, was ich bei Dir so gelesen habe, stimme ich dem zu: Es ist beides. Mal Hand aufs Herz: Misst Du bei Deinem Blog auch die Einschaltquoten?

Anja: What?!?! Du nicht???

Okay, das ist fair – provokative Frage erzeugt Gegenfrage. Klar messe ich meine Einschaltquoten. Ich habe Themen gemacht, die laufen nach wie vor wie verrückt, auch weil sie über die sozialen Medien geteilt werden, ich habe auch Themen gemacht, die laufen gar nicht. Aber ich richte mich nur sehr begrenzt danach. Weil mich mein Blog im Moment des Schreibens kreativ erfüllt. Das ist das Allerwichtigste, was er soll… ehrlich… und vielleicht ein bisschen auf mich aufmerksam machen, zugegeben… :-)

Anja: Hahaha… Siehst Du? Ich wünschte, ich hätte das Selbstbewusstsein, dass es mir tatsächlich schnurzpiepegal wäre, ob mein Blog gelesen wird oder nicht. Da bin ich aber noch weit von entfernt ;0) Naja, und würde ich nur so vollkommen für mich schreiben, könnte ich das ja offline tun. Bei Wordpress gibt es ein Tool, das dir die Einschaltquoten anzeigt – das finde ich total spannend. Ich hätte wohl nicht von mir aus irgendwas eingerichtet, aber da das existiert, schaue ich natürlich auch rein. Und über Facebook verkünde ich auch, wenn ich etwas Neues veröffentlicht habe. Es scheint ja doch eine ziemliche Hürde für Leser zu sein, öffentlich Kommentare zu hinterlassen. Ohne Kommentare weiß ich aber gar nicht, ob es irgendwen da draußen interessiert oder gar berührt, was ich da tippe. So erfahre ich zumindest das Interesse mittels einer Zahl und freue mich über jeden einzelnen Aufruf meiner Seite :-) Während des Schreibens jedoch überlege ich nicht, was den Lesern gefallen könnte und was nicht – da bin ich ganz bei mir (ich nehme an, das ist das, was Du als kreative Erfüllung bezeichnest). Da wir eben ja auch über „Mission oder Therapie“ diskutiert haben und wir augenscheinlich beide eine Mission zu erfüllen haben, soll diese ja auch ankommen. Ist also wichtig, dass wir zwischendurch mal schauen, ob wir Leser treffen oder nicht…

Hast Du jemals überlegt, aus Deiner Erfahrung heraus anderen Trauernden zu helfen – wie es ja oft geschieht nach einem eigenen Trauerprozess?



Anjas Blog ist auch bei Facebook vertreten und Anja ist dort ebenfalls aktiv  (Screenshot). 

Anja: Na klar! Ich bin schon mittendrin. Ich habe im Frühjahr eine Ausbildung zur Trauerbegleitung im Ehrenamt abgeschlossen und werde ab September trauernde Erwachsene in einem Elterncafé begleiten. Ich finde es eine unglaubliche Bereicherung, Trauernden zur Seite zu stehen. Einerseits ein wenig aus Dankbarkeit, weil mir so wunderbar geholfen wurde und weil es mir wichtig ist, dass es mehr Hilfsangebote für Trauernde gibt – andererseits glaube ich, dass ich durch meine Erfahrung sehr authentisch begleiten kann.

Das finde ich spannend – Du gehst  in die Begleitung trauernder Eltern? Ein ganz anderes Feld als das, was Dich erreicht hat. Interessant… Eine steile These: Vielleicht wärest Du beim Thema Verlust des Ehepartners noch zu sehr am eigenen Grundwasser für eine aufrechte Begleitung (also, bei mir wäre es das Thema Kindsverlust, bei dem ich auf mich selbst besonders gut aufpassen muss in der Begleitung – gottseidank nicht, weil mir das passiert wäre)?

Anja: Ah, nein, da ist der Begriff „Elterncafé“ in der Tat missverständlich. „Eltern“ kommt daher, dass unser Verein schwerpunktmäßig für Kinder und junge Erwachsene da ist. Die Eltern werden aber auch unterstützt. Ich surfe also tatsächlich mitten durch - wie Du so schön schreibst - mein eigenes Grundwasser und begleite Eltern, die einen Partner verloren haben. Da muss ich Dich mit Deiner steilen These leider auflaufen lassen ;0)
Ich denke, dass mir bei der Begleitung meine emotionale Nähe da eine Hilfe ist. Ich bin den Weg schon ein Stück weiter gegangen und kann hoffentlich mit meinem Licht einen Weg zeigen… In unserem Verein werden auch verwaiste Eltern begleitet – diese Aufgabe möchte ich später einmal sehr gerne übernehmen, fühle mich ihr aber noch nicht gewachsen. Ich habe (glücklicherweise!!!) hier keine Vorerfahrung, habe aber das Gefühl, dass mich da etwas „ruft“ – klingt bissel komisch, aber vielleicht weißt Du, was ich meine? Meinst Du nicht, dass man dort, wo man emotional am stärksten involviert ist auch am… sagen wir …glaubhaftesten begleiten kann? 
Magst Du verraten, was Dich dazu bewegt hat, Trauerbegleiter zu werden?

Ich freue mich über Dein Interesse, aber, nee, so läuft das hier nicht… (lach). Weil ja „Interview“ drübersteht, sind die Spielregeln: Ich stelle die Fragen, Du antwortest. Aber weil ich ganz oft gefragt werde, warum ich eigentlich Trauerbegleiter geworden bin, schreibe ich bald mal einen Blogbeitrag drüber. Einverstanden? Dir ein herzliches Danke für das Sich-Zeit-nehmen und Fragen-beantworten. Und fürs offene Weinen. Ein gutes Zeichen, finde ich!

Anja: Achso… Stimmt ja, sorry. Aber wenn nicht nur ich neugierig bin, ist es eine tolle Idee, wenn Du mal einen Blogbeitrag dazu schreibst – ich bin gespannt. Ich freue mich sehr, dass Du mit diesem Interview auf mich zugekommen bist! Trotz und gerade wegen der Tränen, zu denen Du mich gerührt hast, hat es mir sehr viel Spaß gemacht, Deine Fragen zu beantworten. Herzlichen Dank dafür!

Danke fürs offene und ehrliche Beantworten! 

Anjas Blog "Ein Stück untröstlich" ist hier erreichbar... 

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was bei modernen Trauerfeiern heute alles möglich sein sollte

Ebenfalls auf diesem Blog: Ein Dialog über das "Nachsterben wollen", den Wunsch nach dem eigenen Tod - zwei Trauerbegleiter unterhalten sich

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?


Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)

Und außerdem im Kultur-Blog des Autors: Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt, was die Branche noch Spannendes plant und warum sie medial gesehen zwischen allen Stühlen sitzt - ein Interview rund um Rock'n'Roll & Oper im Kino

Dienstag, 22. August 2017

Tango auf der Trauerfeier, die Trauerrede als Audiodatei - was bei modernen Trauerfeiern alles möglich ist, möglich sein sollte und wie gut es Trauernden tun kann - Impulse für ein lebendiges Gedenken in der modernen Welt

Osnabrück - Darf man auf einer Trauerfeier auch tanzen? Ist es möglich, die Trauerrede auch als Audiodatei zugeschickt bekommen zu können? Auf der Messe "Leben und Tod 2017", die bereits im Mai in Bremen stattfand (und hier auf diesem Blog seither sukzessive weiter aufgearbeitet wird), gab es viele Impulse für eine moderne Trauerfeier, die dem zu bestattenden Menschen auch gerecht wird. Und auch hier zeigte sich, dass heutzutage viel mehr möglich ist als man so denkt....

Schon vor kurzem habe ich über die Vorträge der beiden modernen Bestatter Barabara Rolf aus Stuttgart oder David Roth aus Bergisch-Gladbach berichtet, die auf der Messe Leben und Tod 2017 ein glühendes Plädoyer für eine moderne und individuelle Bestattungs- und Trauerkultur gehalten haben über reichhaltige Erfahrungen verfügen (hier geht es zu diesem Text). Am Schönsten waren diese beiden Vorträge immer dann, wenn beide Bestatter eine selbst erlebte Geschichte erzählten. Zum Beispiel diese hier:


Ein melancholischer Tango auf einer Trauerfeier - das wäre doch der perfekte Tanz mit all seiner Lebensnähe und gleichzeitigen Düsternis...  (Pixabay.de-Foto/Creative-Commons-0-Lizenz)

In der Einladung zur Trauerfeier für seine verstorbene Frau hatte der Witwer geschrieben: "Es ist mir nicht wichtig, was ihr anhabt, aber wenn ihr einen Tipp wollt: Sie liebte Gelb." Also trugen nahezu alle Gäste, selbst die am schwärzesten angezogenen, irgendwo etwas Gelbes, ein Bändchen, eine Brosche, eine Mütze, irgendwas. Sichtbar und schön bunt und überhaupt nicht getragen. Denn geht es nicht bei der Trauerfeier genau darum - einen Übergang vom bunten Leben zu schaffen in etwas Unbekanntes, von dem wir gar nicht genau wissen, ob es nicht auch bunt sein könnte?


Bestatter müssen offen sein - und technisch versiert


Wie sehr die moderne Technik Einzug hält, wurde mir bei einem Gespräch mit der Theologin und Trauerrednerin Birgit Janetzky aus Heuweiler bei Freiburg klar (ebenfalls Expertin für digitalen Nachlass), mit der ich mich auf der Messe zum Kennenlernen verabredet hatte. Sie berichtete, dass es durchaus Anfragen gäbe, eine gehaltene Trauerrede aufzuzeichnen und als Audiodatei an die Angehörigen zu verschicken. Aber auch Janetzky räumte ein, was andere Zuhörer der Vorträge sagten: Dass es auf die Offenheit und Ausstattung der Bestatter ankommt und dass diese Branche derzeit noch eher konservativ unterwegs ist. Barbara Rolfs Credo dazu: "Die Kunden müssen die Bestattungsbranche ändern" - aber dazu müssten sie umfassend über ihre Rechte aufgeklärt sein (mehr dazu in meinen Blogbeitrag).


Jeder bringt ein Licht mit - für das riesige Bodenherz


Weitere Impulse aus den Vorträgen: Tanzen auf der Trauerfeier ist möglich (das hat mich übrigens als leidenschaftlicher Standard- und Lateintänzer besonders gefreut  - und auch wenn ich den argentinischen Tango trotz mehrfacher Versuche nach wie vor besonders schwierig finde, wäre das doch mit all seiner melancholischen Eleganz und gleichzeitigen Lebensnähe ein total passender Tanz für eine stilvolle Trauerfeier.... - Einschub Ende.) Oder das: Ein riesiges Lichterherz, auf dem Boden, und jeder Gast konnte, wenn er wollte, eine Kerze in einem Glas anzünden und dort mit hineinstellen. Was ein sehr schönes Bild gewesen sein muss, denn das Herz soll wirklich riesig gewesen sein, wie Barbara Rolf berichtete. Und noch in einem weiteren Vortrag auf der Messe habe ich ein zu alledem hervorragendes Zitat aufgeschnappt.

Möglichst bunt und lebensnah - so darf auch der Tod sein. Es muss nicht immer getragen und majestätisch zugehen.   (Pixabay.de-Foto, Creative-Commons-0-Lizenz) 

So sagte die Familienbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper: "Zu schreiben, bitte weint doch nicht an meinem Grab ist genauso schwachsinnig wie in einer Geburtstanzeige zu schreiben: Bitte freut Euch nicht, das kann halt mal passieren..." Kurzum: Auch auf einer guten Trauerfeier ist alles gestattet, was Leben ist. Bunte Farben, Tänze und Musik, Tränen und Gefühle, Abschied und Freude, Technik und Symbolik. Sogar Tango. Und warum auch nicht?

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Der Autor dieser Zeilen bietet Trauerbegleitung in Osnabrück und im Osnabrücker Land an und hat eine Ausbildung zum Trauerbegleiter absolviert (Große Basisqualifikation gemäß des Bundesverbands Trauerbegleitung). Er hält auch Vorträge zum Thema Trauer und Umgang mit Trauernden. Mehr Infos gibt es hier

Ebenfalls auf diesem Blog: Die Kunden müssen die Bestatterbranche bewegen, nicht umgekehrt - ein Plädoyer für eine modernere Bestattungskultur

Ebenfalls auf diesem Blog: Ein Dialog über das "Nachsterben wollen", den Wunsch nach dem eigenen Tod - zwei Trauerbegleiter unterhalten sich

Ebenfalls auf diesem Blog: Was soll nach einem Todesfall gefeiert werden? "Nur" der Todestag - oder auch noch der Geburtstag des gestorbenen Menschen?

Und im Kultur-Blog des Autors: Wie man als Autor vom Schreiben leben kann - Tipps für Hobbyautoren von einem echten Profi (und ein Plädoyer fürs Selfpublishing)

Und außerdem im Kultur-Blog des Autors: Warum die "Live-im-Kino"-Ereignisse ein großer Wachstumsmarkt, was die Branche noch Spannendes plant und warum sie medial gesehen zwischen allen Stühlen sitzt - ein Interview rund um Rock'n'Roll & Oper im Kino